Kriminalität

Drogen, Prostitution und Gewalt bereiten Sorgen

Tuttlingen / Lesedauer: 7 min

In der Flüchtlingsunterkunft in der Moltkestraße soll es Probleme geben – Stadt setzt auf Security
Veröffentlicht:19.01.2018, 17:26
Aktualisiert:22.10.2019, 22:00

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Drogen, Prostitution und handfeste Auseinandersetzungen: Immer wieder gibt es Gerüchte, dass es in der Flüchtlingsunterkunft in der Tuttlinger Moltkestraße Probleme gibt. 45 alleinstehende junge Männer aus Gambia, Nigeria und Kamerun wohnen dort. Da alle Asylsuchenden schon mehr als zwei Jahre in Deutschland leben, ist die Tuttlinger Stadtverwaltung für die Menschen in der Anschlussunterbringung zuständig.

Die Verantwortlichen bei der Stadt verschweigen nicht, dass einiges im Argen liegt. Seit Ende November einem jungen Mann die Nase abgebissen wurde, ist an sieben Tagen die Woche 24 Stunden ein Sicherheitsdienst vor Ort. Zusätzlich will die Stadtverwaltung die Situation dadurch entzerren, dass für einzelne Bewohner nach anderen Unterkünften gesucht wird.

Stadtsprecher Arno Specht stellt eins klar: „In Tuttlingen leben 250 Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung.“ Probleme in dieser Form gebe es aber ausschließlich in der Moltkestraße. Specht: „Dabei sprechen wir von einer Gruppe von fünf bis zehn Leuten, die als kritische Masse betrachtet wird.“

Es herrsche aufgrund von drei Aspekten eine schwierige Konstellation, erklärt er. „Die Bewohner sind jung und männlich, alleinstehend, und die schwierigen Bleibechancen verschärfen diesen Umstand“, so der Stadtsprecher. Die langfristige Perspektive fehle.

Zum Vorwurf des Drogenhandels räumt die Verwaltung ein, „dass ganz klare Anzeichen beobachtet“ wurden und diese Beobachtungen an die Polizei weitergegeben worden seien. „Oberbürgermeister Michael Beck war dazu in direktem Kontakt mit dem Tuttlinger Polizeipräsidenten Gerhard Regele“, sagt der Stadtsprecher. Klaus Jansen, Fachbereichsleiter für Familie, Integration und Soziales, ergänzt, dass es unter den Bewohnern Suchtproblematik gebe. Auch das sei bekannt.

Prostitution fraglich

Beim Thema Prostitution „gibt es Vermutungen, aber wir können keine Gegebenheiten schildern oder nachweisen“, sagt der städtische Fachbereichsleiter. Sprich: Handfeste Beweise fehlen. Immer wieder hört man, dass sich Bewohner der Moltkestraße prostituieren würden. Zudem soll es Beobachtungen geben, dass weibliche Prostituierte im Haus verkehren würden.

Seit ein – ungebetener – Besucher am 30. November in das Haus eingedrungen ist (laut Polizeibericht handelte es sich dabei um einen 29-jährigen Mann) und einem Bewohner die Nase abgebissen hat, wohl, um Geld einzutreiben, ist laut Specht „rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche“ ein Security-Mann vor Ort, der den Eingang regle und nach dem Rechten schaue. Specht: „Man kann dieses Gebäude nicht unbewacht lassen. Die Security ist als Schutz der Bewohner gedacht.“

Davor in Trägerschaft des Landkreises

Bis Ende September 2017 wurde die Flüchtlingsunterkunft Moltkestraße vom Landkreis Tuttlingen als Gemeinschaftsunterkunft genutzt, ehe die Stadt sie als Anschlussunterbringung übernahm (siehe Artikel auf dieser Seite unten). Der Landkreis hatte den Security-Dienst täglich nur von 20 bis 4 Uhr installiert. Dieses Konstrukt hatte die Stadt zunächst weitergeführt, bis es zu besagtem Übergriff kam. Die Nase des 21-Jährigen habe wieder angenäht werden können, dem jungen Mann gehe es den Umständen entsprechend. Der mutmaßliche Täter wartet nun auf seinen Prozess.

Das Haus in der Moltkestraße sei für 60 Menschen ausgelegt. Als die Stadt die Unterkunft übernommen hat, lebten dort 48 Menschen. Laut Bernd Mager, Sozialdezernent des Landkreises Tuttlingen, seien von diesen 48 gemeldeten Personen 39 noch im Asylverfahren, acht hätten eine Ablehnung erhalten und eine Person ein Abschiebeverbot aus humanitären Gründen.

Stand heute sind 45 Bewohner in der Moltkestraße in Zwei- bis Dreibettzimmern untergebracht. „Wir streben eine Belegung von um die 30 Menschen an mit maximal zwei pro Zimmer“, sagtt Specht. Im Blick hat die Stadtverwaltung dabei „schwierige Einzelpersonen“, die herausgenommen werden sollen. Dabei könne es nicht sein, dass bekannte Problemfälle in privaten Wohnraum vermittelt werden, ergänzt Jansen: „Wir schauen nach speziellen Lösungen.“ Ein entsprechendes Konzept müsse noch erarbeitet werden.

Sehr wohl sollen aber die Bewohner, die in Arbeit und Ausbildung sind und eine sehr gute Perspektive hätten – rund zehn –, aus der Moltkestraße herausgeholt werden. Klaus Jansen: „Es gibt die, die sich sehr, sehr anstrengen.“ Wenn sich für sie auf dem normalen Wohnungsmarkt Chancen ergeben, dann würden diese genutzt. „Wir bewegen uns hier im Bereich der Vermutung, aber ein gewisser Leidensdruck für diese Bewohner ist wohl da“, sagt Ralf Scharbach, der Integrationsbeauftragte der Stadt Tuttlingen.

Ein ehemaliger Bewohner der Unterkunft berichtet unserer Zeitung von untragbaren Zuständen. Einige der Bewohner hätten die Toiletten und Küchen verdreckt und kaputt gemacht. Eine Gruppe junger Männer sei häufig in Streit geraten, gerade freitags und am Wochenende sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen. „Ich hatte Angst“, sagt er. Deshalb sei er in seinem Zimmer geblieben, den Betreuern habe er nichts erzählt. Pfarrer Jens Junginger, der sich in der Ini Asyl engagiert, berichtet, dass Ehrenamtliche dort zu allen Tageszeiten auswärtige Besucher antreffen, die ungebremst ein und aus gehen.

Aufgrund der besonderen Situation in der Moltkestraße werde Claudia Kreller, Mitarbeiterin der Abteilung Integration bei der Stadt, die die sozialpädagogische Betreuung übernommen hat, von Mitarbeitern des Jugendreferats unterstützt, die regelmäßig vor Ort seien. Ab Mitte Februar werden nach und nach drei Stellen als Integrationsmanager bei der Stadt besetzt, aufgeteilt auf fünf Mitarbeiter. „Rund 0,6 dieser insgesamt 3,0 Stellen sind für die Moltkestraße vorgesehen“, erklärt Scharbach. Zusätzlich eine Hausleitung mit 30 Prozent, bei Fragen zu Reinigungsdienst und Organisatorischem.

Ini Asyl erkennt an, dass es voran geht

„Die Situation mit der Stadt ist jetzt eine ganz andere. Nun wird aufgebaut, was lange nicht passiert ist“, sagt Junginger. Er nennt Beispiele: Angegangen würden Regeln für das Zusammenleben ebenso wie Hausregeln, auch mit Blick auf Waschen und Putzen. „Jetzt geht was vorwärts.“ Gleichwohl sieht Junginger auch die besondere Problematik in der Unterkunft. „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass einiges passiert ist, was nicht gut ist und sich angestaut hat.“ So hätten auch die ehrenamtlichen Helfer bemerkt, dass einige Bewohner nicht ansprechbar, aber für kriminelle Geschäfte offen seien.

Die Ini Asyl konzentriere sich nun auf die, die stark interessiert seien, mit denen man zusammenarbeiten könne und helfe bei der Vermittlung von Wohnen und Arbeit. „Und wir haben ein Auge auf jene, die aufgrund ihrer Psyche in einer schwierigen Verfassung sind.“

Das sagt die Polizei

Polizeipräsident Gerhard Regele bestätigt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er von Oberbürgermeister Michael Beck wegen der Asylbewerberunterkunft in der Moltkestraße einen Brief erhalten hat. Allerdings sei dieser nicht notwendig gewesen, um auf die dortige Problematik hinzuweisen.

„Wenn man die Straftaten allein betrachtet, die mit dem Objekt in Verbindung stehen, dann sind das gar nicht so viele“, sagt der Polizeipräsident. So habe es im vergangenen Jahr insgesamt 20 Straftaten gegeben, die mit Bewohnern des Haueses in Verbindung stehen. Das seien Diebstähle, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzungen gewesen. Regele äußerte die Sorge, dass das Haus in den Fokus der Öffentlichkeit rückt.

Die Polizei habe die Unterkunft seit geraumer Zeit in ihren Streifenplan einbezogen. Trotz intensiver Beobachtung gebe es keinen Hinweis auf Prostitution – weder von „leichten Damen“, die das Gebäude betreten, noch von den Bewohnern. Als Adresse, in der mit Betäubungsmitteln gehandelt werde, sei das Haus schon aufgefallen. Die Polizei habe bereits Maßnahmen ergriffen, um den Handel einzudämmen.

Der Nasenbiss von Ende November sei von der Staatsanwaltschaft als gefährliche Körperverletzung eingestuft worden. Da keine Fluchtgefahr bei dem Täter besteht und er einen festen Wohnsitz hat, sei er auf freiem Fuß. Regele regte an, die Stadt solle die Belegung mit jungen, alleinstehenden Afrikanern überdenken.