Medizintechnik

Nach mehr als 50 Jahren: Der „Technologe von Aesculap“ tritt ab

Tuttlingen / Lesedauer: 7 min

Hans Keller hat mit seinen Ideen zum Erfolg des Unternehmens beigetragen – Nach 50 Dienstjahren ist Schluss
Veröffentlicht:27.11.2022, 05:00

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Fünf Jahre lang baut Hans Keller das Haus seines Großvaters in Dürbheim für seine Familie und sich um. „Das Erste, was fertig war, war die Werkstatt“, sagt der 65-Jährige mit einem Schmunzeln. Die Reihenfolge, in der er die Räume renoviert, zeigt, warum er beim Tuttlinger Medizintechnik-Unternehmen Aesculap eine große Karriere gemacht hat. Ende Januar des kommenden Jahres verabschiedet sich der Leiter Prototypen- und Werkzeugbau in den Ruhestand. Nach mehr als 50 Jahren im Unternehmen ist er dann das, was er immer sein wollte.

Technologie-Freak wird „Aushängeschild von Aesculap“

Er sei ein „ Technologie-Freak “, bekennt Hans Keller, der eigentlich nicht Hans Keller heißt. Aber den gebürtigen Dürbheimer Johannes Josef Keller, der schon als Kind Seifenkisten mit Motor zusammenschraubt, kennt man nur so. Und dies weit über den Landkreis Tuttlingen hinaus.

Zum Beweis, warum er „20 Jahre das Aushängeschild von Aesculap“ war, erzählt er eine Anekdote. Bei einer Fachmesse in Frankreich habe sich ein früherer Vorstandsvorsitzender von Aesculap bei den Kunden vorstellen wollen. „Als Antwort bekam er zu hören: Wenn Sie von Aesculap sind, dann kennen Sie doch den Keller-Hans“, sagt er – nicht ohne Stolz .

Die haben mich ja für verrückt erklärt.

Hans Keller

Es ist ein Ruf, den er sich erarbeitet hat. Mit 15 Jahren beginnt er bei Aesculap seine Lehre als Chirurgiemechaniker. Sein Traumberuf. „Ich habe schon in der Grundschule gewusst, was ich werden will“, sagt er. Maßgeblich geprägt wird er dabei von seinem Opa Josef Hugger. Dieser ist Filialleiter von Aesculap in Dürbheim und nimmt den Enkel immer mal mit ins Werk , wo Augenscheren hergestellt werden. „Das war noch eine Manufaktur. Diese feinen Instrumente wurden direkt aus dem Blech herausgearbeitet“, erinnert er sich.

Abendschule parallel zur Arbeit

Parallel zur Arbeit besucht Keller die Abendschule, schafft sich die Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre drauf und legt zudem die Meister- und die Technikerprüfung ab. „Das war schon anstrengend.“ Schließlich habe man damals noch 42 und nicht 35 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Mit 27 Jahren ist Keller dann überzeugt, „alles gelernt zu haben, was es bei Aesculap zu lernen gibt.“

Der Wechsel zu einem Wettbewerber scheitert damals nur, weil der einstige Vorstandsvorsitzende von Aesculap, Michael Ungethüm , davon Wind bekommt. „Wenn der Wettbewerber den will, dann wollen wir den auch“, soll der in diesem Jahr verstorbene Macher, der dessen Fähigkeiten erkannt hatte, über Keller gesagt haben.

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Kurzum: Keller bleibt und wird zum Glücksfall für Aesculap. Sein „Ziehvater“ Ungethüm macht ihn zum Leiter der Entwicklungsabteilung für Instrumente – mit gerade einmal 28 Jahren. Sechs Jahre später arbeiten schon 30 Menschen in den Bereichen Prototypen- und Musterbau sowie der Versuchswerkstatt.

Im Zuge einer weiteren Umstrukturierung im Haus wird ihm dann auch noch die Verantwortung für den Werkzeugbau übertragen. „Das war eine Riesen-Herausforderung. Der Werkzeugbau war ein alter, verkommener Laden“, erinnert er sich.

Ein teurer Mitarbeiter, aber es lohnt sich für Aesculap

Er nimmt an – versehen mit einer Warnung an den Vorgesetzten. „Sie wissen, dass ich teuer bin?“, fragt Keller Ungethüm und meint nicht allein sein Gehalt. Der Dürbheimer will, dass Geld in seine Arbeit investiert wird, um aus dem Werkzeugbau eine Vorzeigesparte zu machen. „Ja, das weiß ich“, entgegnet Ungethüm. „Deshalb will ich Sie ja.“

Fortan stehen Keller jedes Jahr Millionen zur Verfügung, die er in die Weiterentwicklung stopft. Und seine Entscheidungen passen. Zum einen, weil er den Blick für Weiterentwicklungen hat. Zum anderen, weil ihm bewusst ist, dass jede Investition sich auch lohnen muss.

Fast 40 technologische Patente sind Nachweis des Erfolgs, den er oft im Alleingang anstößt. „Ich habe seit 1985 viele Millionen investiert. Aber es war keine einzige Fehlinvestition dabei“, sagt er. Dafür habe es natürlich auch Glück gebraucht. Oder Wissen.

Keller tauscht sich aus und kauft günstiger ein

Etwas, das er sich im Austausch mit anderen Firmen aneignet. „Das war hilfreich, Ideen von außen zu bekommen. Wenn man nur in seinem Kämmerlein sitzt und was erfinden will, das klappt nicht.“ Zumal die Geschäfte von Aesculap nicht betroffen gewesen waren, wenn er sich mit Firmen wie Kärcher oder Stihl über die Produktionsweise unterhalten habe. „Damit hat man sich ja nicht weh getan.“

Keller ist aber auch durch Vorträge präsent. Diese machen ihn bekannt. Eine Popularität , die sich auch für seinen Arbeitgeber auszahlt. „Ich habe den Anbietern von Maschinen gesagt, unter einem Rabatt von 20 Prozent kaufe ich nicht. Das hat meist geklappt. Es war eher noch mehr.“

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Weil sich die Firmen auch damit brüsten können, dass Aesculap und Keller ein Produkt interessant finden. „Ich war auf einer Messe, da hing an einer Maschine ein Schild: Bereits an Aesculap, Hans Keller, verkauft. Da haben sich die Leute drumherum gedrängt und gemeint, das schaue ich mir auch mal an.“

Mitarbeiter halten Keller manchmal für verrückt

Mit seinem Wissen und seinen Ideen seien viele seiner Mitarbeiter nicht sofort mitgekommen. „Die haben mich ja für verrückt erklärt“, sagt Keller, der beispielsweise das Fräsen aus gehärtetem Stahl einführt. Damit war man im Vergleich zur herkömmlichen Technologie für Schmiedegesenke, eine Hohlform zum Pressen und Schmieden von Werkstücken, 60 Prozent günstiger und 70 Prozent schneller.

Genauso ungläubig schauen die Mitarbeiter, als er erklärt, künftig nicht mehr mit einem Laser, sondern mit einem Wasserstrahl Instrumente aus dem Material schneiden zu wollen. Der Grund ist aber, dass so ein Arbeitsgang eingespart werden konnte. „Bei der Bearbeitung mit einem Laser wirkt sich Hitze auf das Material aus. Da muss man danach schon gehörig schleifen, um einen Korrosionsschutz hinzubekommen.“

Auch wenn er sich bei Entwicklungen erst einmal allein an die Spitze gesetzt hatte, habe er doch seine Mitarbeiter immer gebraucht. Und die Zusammenarbeit sei gut gewesen. „Man darf sie nicht bremsen.“ So habe er es geschafft, dass die Mitarbeiter im Team blieben.

Ich träume fast jede Nacht von der Firma.

Hans Keller

Mit Ablauf des Januars wird die Zusammenarbeit enden. Dann geht Keller in den Ruhestand. „Ich freue mich nicht darauf“, sagt er. „Ich war mit Leib und Seele der Technologe von Aesculap.“ Sogar nachts habe er über die nächsten Schritte nachgedacht. „Ich kann nicht abschalten, sehr zum Leidwesen meiner Frau Susanne und meines Sohnes Johannes. Ich träume fast jede Nacht von der Firma und denke dann: Mensch, so könnte es gehen.“

Zukunft als Berater denkbar

Wie lange das anhält, wird sich zeigen. Vielleicht träumt der leidenschaftliche Radfahrer – zwölf Zweiräder stehen in der Garage – und Liebhaber „verrückt schneller Autos“ demnächst anders. Keller kann sich vorstellen, andere Firmen in Werkzeugfragen zu beraten – so wie er es schon während seiner Dienstzeit in Tuttlingen bei Heckler & Koch oder Fischer Dübel getan hatte. Dann aber als Selbstständiger.

„Das wollte ich eigentlich immer beruflich sein.“ Aber auch bei Aesculap, wo er am Freitag mit vielen Kollegen für lange Jahre im Betrieb geehrt wurde, habe er immer die „Freiheiten gehabt, etwas zu bewegen“. Und das, rückblickend, durchaus erfolgreich.

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