Einflattern

Schuldnerberater: „Die meisten Leute sind froh, wenn sie mich nicht sehen müssen“

Tuttlingen / Lesedauer: 5 min

Andreas Sauter bietet Schuldnerberatung – Auswirkungen der Krisen noch nicht spürbar
Veröffentlicht:26.11.2022, 17:00

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Was tun, wenn am Monatsende kaum noch Geld übrig ist, aber die Waschmaschine streikt? Oder Mahnungen nach Mahnungen einflattern, sodass man sich gar nicht mehr traut, den Briefkasten zu öffnen?

In diesem Fall bietet Andreas Sauter Hilfe an. Der 44-Jährige ist seit 2019 bei der Kreisdiakoniestelle in Tuttlingen beschäftigt. Dort besetzt er zwei halbe Stellen, jeweils als Schuldner- und als Sozialberater.

Doch die Grenzen dazwischen verschwimmen angesichts der großen finanziellen Krisen immer mehr. Im Interview erklärt er, welche Auswirkungen die Preissteigerungen für viele Menschen haben.

Guten Tag, Herr Sauter, wer kommt zu Ihnen in die Schuldnerberatung?

Wir betreuen Menschen, die überschuldet oder davon bedroht sind. Es gibt immer drei Möglichkeiten: Man kann entweder die Schulden regulieren, man geht in die Insolvenz oder lebt mit den Schulden. Der Ausgang hängt immer davon ab, ob derjenige ein Einkommen oder Vermögen

Was ist der erste Schritt?

Am Anfang steht der Überblick. Das ist für viele erst einmal entlastend, wenn sie sehen, dass sie zwar 40 Mahnbriefe haben, die allerdings nur von fünf Gläubigern sind.

Die Leute sind wesentlich sensibler.

Gibt es in letzter Zeit einen Anstieg an Kundinnen und Kunden durch die Krise?

Es ist grundsätzlich so, dass wir die ganze Zeit eine hohe Nachfrage haben, die wir auch nicht bedienen können mit dieser halben Stelle. Im Moment ist es so, dass die Leute, die herkommen, schon vor der Krise verschuldet waren. Die direkten Auswirkungen der Energiekrise haben wir in der Schuldnerberatung noch nicht. Das kommt erst nachgelagert.

Kann man sich die Auswirkungen der Krise also wie eine Lawine vorstellen, von der man momentan nur die Ausläufer sieht?

Genau. Die Nachzahlungen kommen ja erst noch. Was aber auffällt: Die Leute sind wesentlich sensibler. Und: Die Preissteigerungen sind schon da. Das belastet die Leute. Aber ich kann noch nicht sagen, dass wir allein aufgrund der Krise deutlich mehr Anfragen haben.

Viele sehen die Verantwortung bei sich.

Welche Rolle spielt die psychische Belastung für Menschen, die verschuldet oder sogar überschuldet sind?

Wir verfolgen das Konzept der Sozialen Schuldnerberatung. Unser Fokus liegt nicht allein auf der Schuldenregulierung. Schulden führen nicht nur zu einem psychischen Druck, sie haben auch gesundheitliche und soziale Auswirkungen. Wie es das Wort ja schon verrät, haben Schulden ja auch immer etwas mit Schuld zu tun. Viele sehen daher die Verantwortung bei sich. Das hat auch mit dem Gefühl von Versagen zu tun, gerade bei der Insolvenzeröffnung. Das muss man verarbeiten. Das geht hier, manchmal braucht es aber auch weitere psychologische Beratung.

Fühlen sich die Leute nach der Beratung sicherer?

Ja. Wenn jemand beispielsweise einen Pfändungsbeschluss erhält, ist die Angst groß. Aber wenn man kein pfändbares Einkommen hat, wird niemand kommen, der alles ausräumt, denn das geht rechtlich nicht. Diese Erkenntnis nimmt einem dann die Angst und man kann seine Schulden einordnen. Die Leute gewinnen so mehr Sicherheit. Aber es gibt, glaube ich, niemanden, der hier rausgeht und sagt: „Ich war beim Schuldnerberater.“ Die meisten Leute sind froh, wenn sie mich nicht sehen müssen. Das ist ähnlich wie beim Zahnarzt.(lacht)

Beraten Sie momentan mehr Menschen, die bislang noch nicht Ihre Dienste in Anspruch genommen haben?

Ich hatte eine Alleinerziehende von zwei Kindern da, die 80 Prozent arbeitet. Ihr ist es sehr schwergefallen, hierherzukommen. Doch am Schluss geht es Null auf Null auf und dann kommt die Schule und möchte für die Klassenfahrt 150 Euro. An solchen Sachen klemmt es dann. Das ist noch keine Überschuldung im klassischen Sinne, aber es ist zu eng am Monatsende. Wenn etwa die Waschmaschine kaputt ist oder gerade die Energienachzahlung kommt, dann wird es für diese Familien schwer. Da sind die ersten schon da, aber es ist noch nicht die Masse.

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Was ist aus Ihrer Erfahrung heraus die häufigste Stellschraube, an der die Personen selber drehen können?

Grundsätzlich muss man schauen, ob die Leute alles beantragt haben, was möglich ist. Es gibt welche, die Wohngeld beantragen könnten, haben das aber noch nie gemacht. Bei Alleinerziehenden ist es auch oftmals möglich, aufzustocken. Wir fragen uns: Gibt es Einsparmöglichkeiten? Habe ich die teuerste Haftpflichtversicherung? Ist soviel Einkommen da, dass das Existenzminimum gesichert ist? Und wenn nicht, dann stellen wir die entsprechenden Anträge. Wenn das alles steht, kann man die Schulden regulieren.

Es wurde viel über das Bürgergeld gesprochen. Was halten Sie als Schuldnerberater davon?

Die Erhöhung der Regelsätze ist unbedingt notwendig. Vor allem, wenn man noch die Inflation berücksichtigt. Da fehlt mir die Sachlichkeit in der Diskussion. Aus unserer Erfahrung gehen Sanktionen insbesondere bei Familien zu Lasten der Kinder. Auch zeigen die Erfahrungen aus unserer Beratung, dass viele Menschen arbeiten und gleichfalls aufstockend Leistungen beziehen müssen, weil der Verdienst nicht ausreicht. Dies sollte man nicht aus dem Blick verlieren, wenn man Sanktionen lediglich auf den Aspekt hin diskutiert, dass angeblich niemand mehr arbeiten wolle.

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