Fortsetzung

„Vieles ist im Dunkeln geblieben“

Trossingen / Lesedauer: 3 min

Schwenninger Flüchtling verliert Prozess: Angeklagter Landsmann wird freigesprochen
Veröffentlicht:29.06.2016, 18:49
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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Überraschung bei der Fortsetzung des Prozesses gegen den 22-jährigen Pakistani, der sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten muss: Am Dienstag wurde er freigesprochen. Doch der Nebenkläger will nicht aufgeben und weiter für Gerechtigkeit kämpfen.

„Das können wir nicht auf uns sitzen lassen“, meinte Nebenklägervertreter Thilo Bohr nach der Urteilsverkündung. Er verwies dabei auf die erheblichen Verletzungen, die der Nebenkläger am Abend des 3. Oktober 2015 bei der Konfrontation mit mehreren pakistanischen Landsmännern in der Asylbewerberunterkunft in der Obereschacher Straße in VS-Schwenningen erlitten hatte. Da der Schwenninger beide Beine gebrochen und sechs Operationen hinter sich hat, müsste er mit existenziellen Folgen rechnen, vielleicht könne er seine Arbeit nie richtig ausüben, so Bohr weiter.

Dem Freispruch des Angeklagten, der den Nebenkläger nach dessen Aussagen mit einem Cricketschläger geschlagen und anschließend zusammen mit weiteren Pakistani aus einem Zimmer im zweiten Stock gestoßen haben soll, war nicht nur eine rund sechsstündige Marathonsitzung im Amtsgericht , sondern auch ein Ortstermin in der Gemeinschaftsunterkunft vorausgegangen.

Bereits hier machten sich zwei grundlegende Tendenzen deutlich: Zum einen zwar die unglaubwürdigen und widersprüchlichen Aussagen des Angeklagten, ob er sich im Tatzimmer aufgehalten habe, die besonders die Staatsanwältin in Aufruhr brachten. Zum anderen machte die Inaugenscheinnahme des kleinen Fensterabschnitts aber auch deutlich, dass ein gewaltsamer Rauswurf mit Widerstand für alle Beteiligten nur schwer vorstellbar war.

Diese Tatsache griff der damals zuständige Kriminalkommissar, der nun als Zeuge geladen wurde, anschließend im Gerichtssaal wieder auf: Auch ein Rechtsmediziner von der Universität Freiburg habe die Verletzungen des Nebenklägers als typisch für einen Sprung, bei dem er mit den Füßen aufgekommen sei, eingestuft. Der Kommissar machte zudem das problematische Aussageverhalten der übrigen pakistanischen Zeugen, die beim Überfall anwesend waren, deutlich: „Jeder schien mehr mit sich beschäftigt und konnte nicht richtig beobachten, was mit Warrich wirklich passiert ist.“

Vier weitere Personen wurden am Dienstag in den Zeugenstand gerufen. Er könne nichts dazu sagen, dass er mitgeholfen habe, den Nebenkläger aus dem Fenster zu stoßen, meint ein 32-jähriger Landsmann, als Jugendrichter Bernhard Lipp ihn mit dieser Behauptung konfrontierte. Vielmehr wisse er aber, dass sich der nebenkläger am Abend zuvor mit einem Landsmann laut gestritten und ihn sogar geschlagen haben soll. Das habe auch zu einem Polizeieinsatz geführt.

Wollten sich die Landsleute also mit dieser brutalen Tat am nächsten Tag am Nebenkläger rächen, wie die Staatsanwältin vermutete? Ein richtiges Motiv blieb auch am Dienstag ungeklärt. „Warum streiten hier Pakistani gegen Pakistani?“, fragte sie in ihrem Plädoyer. Sie verwies zum einen auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen, deren Aussagen sich zumindest in einem wichtigen Punkt, dem Angriff der Pakistani auf die Landsleute, deckten. Sehr dünn sei die Beweislage hingegen bei der Fenstersturz-Version des Nebenklägers.

Richter macht es kurz und knapp

Während sie für eine Verwarnung und Auflagenerteilung an den Anklagten im Sinne des Jugendstrafgesetzes plädierte, machte es Richter Lipp bei der Freisprechung kurz und knapp: Denn es gebe keinen nachvollziehbaren Grund für den Sturz des Nebenklägers. „Das Gericht weiß nichts, außer dass Sie verletzt sind“, meinte er. Er bemängelte sowohl die unzureichenden Beschreibungen des Nebenklägers als auch die „nicht glaubhaften“ Aussagen der Zeugen. Auch der Angeklagte habe wenig zur Erhellung beigetragen. „Vieles ist im Dunkeln geblieben. Straf- und zivilrechtlich bleibt nichts übrig“, sagte Lipp.

Hat der Nebenkläger falsch und unzureichend ausgesagt oder die Chance, nach langem Warten seinen Landsmann zur Verurteilung zu bringen, vertan? Für ihn ist jedenfalls sicher, dass er so schnell nicht aufgeben und Berufung einlegen wird.