Orchester

Sinfonien eines gefährdeten Orchesters

Trossingen / Lesedauer: 2 min

Neue Philharmonie Westfalen beeindruckt mit Werken von Haydn, Mozart und Jeff Beal
Veröffentlicht:29.03.2015, 18:31
Aktualisiert:24.10.2019, 04:00

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Orchester mit Jazz-Trio: Die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) hat am Samstagabend im Hohner-Konzerthaus mit einem Spagat über 222 Jahre beeindruckt. Unter der souveränen Leitung von GMD Rasmus Baumann erklangen Werke von Haydn, Mozart und dem US-Amerikaner Jeff Beal.

Vor 19 Jahren entstand das Ensemble durch Fusion zweier Orchester des nördlichen Ruhrgebiets. Von den rund 130 Orchestermitgliedern waren 48 Streicher und Bläser nach Trossingen gekommen. Ohne Taktstock, die Handrücken meist den Musikern zugewandt, führte Rasmus Baumann durch Haydns Sinfonie Nr. 52 c-moll. Nach dem feurigen Auftakt – Haydn hatte 1771 dem „Allegro assai“ die Aufforderung „con brio“, also „mit Schwung“ hinzugefügt – folgte das nur anfangs mitreißende Andante. Der dritte Satz ist ein eher schwermütiges Menuett, das in ein in C-Dur gehaltenes Allegretto mündet. Stolze 188 Takte zählt das Finale der Sinfonie: Interessante Wechsel zwischen den Extremen Fortissimo und Pianissimo charakterisieren den Schlusssatz, der von den Musikern hohe Konzentration erfordert.

Rasmus Baumann, 1973 in Gelsenkirchen geboren, ist bekannt als Grenzgänger zwischen U-und E-Musik. War er doch in seiner Jugend Drummer bei einer Heavy Metal Band. Baumann war es auch, der die europäische Erstaufführung des Konzerts für Jazz-Bass und Orchester des 1963 geborenen Kaliforniers Jeff Beal leitete. In Trossingen spielte Heiko Pape die drei Sätze: „Estward Expansion“ und das turbulente „Mardi Gras“ auf der fünfsaitigen elektronischen Bassgitarre, das Mittelstück. „After the Storm“ auf einem Kontrabass. Hier wechselte er zwischen gekonntem Streichen und virtuosem Zupfen. Das Instrument, ein 160 Jahre alter deutscher Kontrabass, hat der 48-Jährige von einem seiner Lehrer aus der Zeit des klassischen Studiums in Berlin bekommen.

Als kongeniale Begleiter brachte Pape den Pianisten Donato Deliano und Andy Pilger, Drummer bei „Starlight Express“ in Bochum, mit nach Trossingen. Als Zugabe für den langanhaltenden Beifall spielte Heiko Pape eine Eigenkomposition, das Solo „Donostia“, benannt nach einer baskischen Stadt.

Den Abschluss des Konzerts bildete die Sinfonie Nr. 40 g-moll von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahr 1778: brillant das „Molto allegro“, bläserbetont das Andante im ansprechenden 6/8-Takt. Beim folgenden Menuetto, Allegretto zeigte Dirigent Baumann verstärkten Köpereinsatz, das finale Allegro assai wurde von den Westfalen mit Verve gespielt. Leider gab es keine Zugabe.

Die Neue Philharmonie Westfalen, größtes der drei Landesorchester Nordrhein-Westfalens, wurde in diesem Monat in die Rote Liste Kultur des Deutschen Kulturrats aufgenommen und in Kategorie 2 (gefährdet) eingestuft. Grund: Dem Land fehlen die finanziellen Mittel.