Personalmangel

Personalmangel: Wo sind die ganzen Arbeitskräfte hin?

Spaichingen / Lesedauer: 7 min

Wie Demographie und Corona den Arbeitsmarkt verändert
Veröffentlicht:16.11.2022, 17:21
Aktualisiert:16.11.2022, 19:20

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Im Sommer dieses Jahres muss die Metzgerei Becker ihre Spaichinger Filiale schließen – der Grund ist der Fachkräftemangel. Das ist nur eines von vielen Beispielen. Betroffen davon ist fast jede Branche, sei es das Handwerk, die Pflege oder der Zusteller, der die Zeitung bringt. Doch warum fehlt es nach Corona so verstärkt an Leuten? Sie können ja nicht einfach verschwunden sein. Die Antwort ist vielschichtig und selbst Wissenschaftler haben keine vollumfängliche Erklärung.

These 1: Es arbeiten nach Corona weniger Menschen als zuvor

Die Zahlen der Agentur für Arbeit bestätigen dies jedoch nicht. So waren Ende des Jahres 2021 (68.589) sogar etwas mehr Personen im Landkreis Tuttlingen sozialversicherungspflichtig beschäftigt als 2019 (68.348). Rüdiger Wapler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Stuttgart und erklärt auf Anfrage unserer Zeitung, dass wegen Corona viele Personen die Branchen gewechselt haben, zum Beispiel von der Gastronomie in den Einzelhandel oder in die Pflege .

Wenn diese Menschen mit dem Wechsel zufrieden waren, etwa durch besseren Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen , dann gebe es für diese keinen Grund in die alte Branche zurückzuwechseln. Von den Rückkehrern im Arbeitsmarkt sei nur rund die Hälfte wieder in die eigene Branche zurückgekehrt, so Wapler.

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Solche Wechsel haben aber nicht alle beobachtet. Janik Milkau, der mit seinen Eltern vier Edeka-Märkte in der Region betreibt, hat keinen Anstieg der Arbeitskräftezahl zu vermelden. Die Bewerbungen für neue Stellen seien meist aus derselben Branche. Ähnlich ist es auch bei den Einrichtungen der St. Franziskus Stiftung. Auch hier gebe es keinen großen Anstieg an Einstellungen.

In Spaichingen habe sich die Zahl der Beschäftigten nicht verändert, so Pressesprecher Harald Blocher auf Nachfrage.

These 2: Der demografische Wandel ist schuld

Für Ingo Hell , den Vorsitzenden des Cluster Zerspanungstechnik, ist der Personalmangel kein neues Thema . Es sei durch Corona nur noch extremer geworden. Akuten Fachkräftemangel und vor allem Probleme im Nachwuchs habe es aber auch zuvor schon gegeben.

Durch den demographischen Wandel verschiebt sich auch die Altersstruktur der Beschäftigten. Der Anteil der Personen über 55 hat sich so in den letzten Jahren konstant nach oben entwickelt, wie unsere Auswertungen der Daten der Agentur für Arbeit zeigen.

Dazu steigt die Zahl der Rentner im Landkreis Tuttlingen jährlich um rund 200 Personen, wie Nachfragen bei der Deutschen Rentenversicherung ergeben. Auf der anderen Seite wird potenzieller Nachwuchs aber immer weniger. So ist die Zahl der 15 - 20-Jährigen im Landkreis Tuttlingen seit 2010 um circa 650 auf 7472 (Stand: 2021) Personen gesunken, wie das Statistische Landesamt ermittelte. Für Ausbildungsstellen gibt es demnach weniger potenziellen Nachwuchs.

These 3: Studium ist angesagter als die Ausbildung

Von diesen jungen Leuten würden sich laut Wapler jedoch immer mehr für ein Studium entscheiden und eben nicht für eine Ausbildung. Hell spricht von einem Wegfall von rund 30 Prozent der Ausbildungsplätze in der Zerspanungstechnik, Hermann Früh vom Handels- und Gewerbeverein Spaichingen schätzt, dass sogar die Hälfte der ausgeschriebenen Auszubildendenstellen in der Region nicht besetzt werden können.

Eine Annahme, die sich auch in den Statistiken wiederfindet. Im Landkreis Tuttlingen kommen nach der Agentur für Arbeit im Berichtsjahr 2021/22 auf eine/n Bewerber und Bewerberin 2,7 Ausbildungsstellen . Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei 1,6. Karl Hermle, Seniorchef der Metzgerei Hermle in Spaichingen, sehe das in seinem Betrieb. Das Berufsbild des Metzgers habe ein Imageproblem und locke wenig Nachwuchs in die Branche.

Das Ziel muss sein, den Bedarf der Unternehmen herauszustellen und dann gezielt Arbeitskräfte anzuwerben.

Harald Marquardt

Hermann Früh sieht diese Entwicklung auch als ein gesellschaftliches Problem. Man müsse weg vom Studium als den einen erstrebenswerten Weg. Verdienstmöglichkeiten seien auch durch Ausbildungen sehr attraktiv, gerade im Bereich des Handwerks.

Auch Wapler geht davon aus, dass sich der Trend zum Studieren irgendwann legen wird, da sich das potenziell gute Gehalt in Ausbildungsberufen herumsprechen werde. Stand jetzt gebe es nahezu überall ein Problem mit dem Nachwuchs, sagt Früh. Janik Milkau kann entgegen diesem Trend einen Erfolg verzeichnen. Er könne alle Stellen besetzen und sagt, dass gerade dieses Personal lange im Unternehmen bleibe und den Mangel an Fachkräften ausgleiche.

These 4: Arbeitsmarkt und Arbeitskräftepool passen nicht zusammen

Bei Vergleich der Arbeitslosenzahlen fällt ein starker Anstieg auf. Die Arbeitslosenquote pendelte sich vor Corona ungefähr bei 2,5 Prozent ein, stieg während Corona auf bis zu 4,2 Prozent an und liegt im Oktober 2022 bei 3,9 Prozent. Sind das eigentlich potenzielle Arbeitskräfte?

Nur zum Teil, wie Wapler erklärt. Ein hoher Anteil an Arbeitslosen seien dabei Flüchtende aus der Ukraine, also vorwiegend Frauen. Hier hemmten fehlende Kinderbetreuung und auch Sprachbarrieren den schnellen Einstieg in das Berufsleben, sagt Wapler. Zu den als arbeitslos gemeldeten Personen komme ein statistisch nicht darstellbarer Graubereich, die „stille Reserve“.

Das seien laut Wapler Menschen, die beispielsweise während Corona ihre Arbeit verloren, sich nicht arbeitslos gemeldet haben und jetzt erst einmal nicht in die Arbeitswelt eintreten würden. Mögliche Erklärungen seien etwa schlechte Arbeitsbedingungen und das Wertschätzen der freigewordenen Zeit.

Das alles zeige, dass sich der Arbeitsmarkt hin zu einem Arbeitnehmermarkt bewege, so der Wissenschaftler. Es gebe viele ausgeschriebene Stellen und wenig potenzielles Personal – der Arbeitnehmer habe die Wahl und könne sich so freier entscheiden.

Während man zum Beispiel vor einigen Jahren also nur die freie Stelle in der Metzgerei hatte, gibt es jetzt noch Angebote aus dem Handel, aus der Pflege und aus der Industrie. Die raren Arbeitnehmer können zu dem aus attraktiveren Arbeitsbedingungen auswählen. Hermann Früh berichtet von Einblicken in Bewerbungsprozessen, in denen immer mehr Menschen beispielsweise eine 4-Tage-Woche fordern. Außerdem suchen Personen laut Wapler länger nach einem passenden Job, als hier beim ersten zuzugreifen, was den Pool an möglichen Bewerbern und Bewerberinnen weiter ausdünnt.

These 5: Es kamen weniger Zuwanderer während Corona nach Deutschland

Ein weiterer wichtiger Baustein sei schon vor Corona die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland gewesen, sagt Wapler. Da diese während Corona stark gesunken ist, bleiben wichtige potenzielle Arbeitnehmer aus. Auch für die Zukunft müsse dieser Bereich noch mehr angegangen werden.

Dazu sagte der IHK Vizepräsident Harald Marquardt am Montag: „Wir brauchen ein Zuwanderungsgesetz. Da gibt es auch schon erfolgreiche Modelle wie in Kanada. Das Ziel muss sein, den Bedarf der Unternehmen herauszustellen und dann gezielt Arbeitskräfte anzuwerben. Das Einwanderungsgesetz ist überfällig.“

These 6: Corona beschleunigt die Faktoren

Während der Pandemie sei wenig eingestellt, aber auch wenig entlassen worden, so Wissenschaftler Wapler. Jetzt erhole sich der Arbeitsmarkt wieder und Unternehmen gehen verstärkt in die Rekrutierung, suchen also in ganzer Breite nach neuem Personal. Die Zahl der gemeldeten Stellen befindet sich dabei auf einem ähnlichen Niveau wie vor Corona. Es wird also nicht mehr gesucht, sondern gleichzeitig, was zu einem Mangeleffekt führt.

Und jetzt?

Um dem Trend eines verstärkten Konkurrenzkampfes um Arbeitskräfte entgegenzugehen, sieht Ingo Hell alle Branchen in der Verantwortung. Man müsse schon in Schulen anfangen, um Ausbildung stärker zu bewerben und so den Nachwuchs zu sichern. Eine Meinung, die auch Hermann Früh vertritt. Beide sehen auch eine erhöhte Zuwanderung, wie sie auch Marquardt fordert, als zwingend notwendig an.

Die Industrie müsse außerdem bei weiterem Personalmangel in Zukunft noch mehr auf Automatisierung setzen, sagt Ingo Hell. Wo früher Menschen beschäftigt waren, würden dann vermehrt Maschinen zum Einsatz kommen. Ein Konzept, das sich auch auf den Einzelhandel übertragen lässt. Janik Milkau setzt beispielsweise in seinen Märkten immer mehr auf Selbstbedienungstheken bei Fleisch und Käse.

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