Schulstunde

Lesemuffel motivieren

Spaichingen / Lesedauer: 4 min

In der Realschule startet ein neues Projekt – warum Lesen für Kinder wichtig ist
Veröffentlicht:31.10.2018, 11:54
Aktualisiert:22.10.2019, 15:00

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Das Projekt „Lesen macht stark“ ist in der vergangenen Woche in den fünften Klassen der Realschule Spaichingen gestartet. Eine Schulstunde pro Woche soll die individuelle Leseförderung stärken, die Qualität im Deutschunterricht verbessern und zum lesen motivieren, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums.

„Die Arbeitsmappen kommen bei den Schülern gut an“, sagen Jasmin Kehrle und Sarah Müller, die das Projekt an der Realschule in Spaichingen umsetzen. Die Farben, das Neue und die Abenteuertexte: „Unsere Schüler freuen sich wahnsinnig auf das Projekt.“

Die Lesekompetenz sei ein immer schwierigeres Thema, meint Schulleiter Holger Volk . Das bestätigt der Bildungstrend der letzten Jahre. 2015 rutschte Baden-Württemberg im Kompetenzvergleich der Bundesländer im Lesen von Platz drei auf 13, beim Zuhören von Platz zwei auf 14. Das Kultusministerium spricht von einer „umfassenden Qualitätsstrategie“, mit der nun versucht werde, dem Trend entgegenzuwirken.

Sozialer Hintergrund wichtiger als Migrationsgeschichte

Die Leseschwäche in Baden-Württemberg hänge dabei kaum mit dem Migrationshintergrund zusammen, sagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In einer Sonderauswertung der PISA Studie 2015 zeigte die OECD, dass der soziale Hintergrund einen deutlich negativeren Effekt auf die Lesefähigkeit habe. Der Rückstand wird dabei beziffert: Die Lesefähigkeit sozial schwacher Kinder liegt laut der Studie gegenüber privilegierten Kindern teils dreieinhalb Jahre zurück.

„Viele unserer Schüler lesen Bücher und gehen gerne in die Schulbibliothek“, sagt Deutschlehrerin Kehrle. Aber es gebe auch Kinder, die zuhause gar nicht lesen, „das merkt man dann schnell im Unterricht.“ Auch Rektor Volk weiß: „Oft gilt: In welchem Haushalt Bücher sind, lesen die Kinder besser.“

Für Volk und die Deutschlehrerinnen an der Realschule ist klar: Die Motivation am Lesen muss gestärkt werden. „Oft sind Schüler schnell gefrustet, wenn sie einen Text nicht gleich durchblicken“, sagt Kehrle. „Lesen macht stark“ gibt auch dafür Tipps. Wie nähere ich mich einem Text an? Welche Schritte kann ich gehen um zu verstehen? Gerade die Kinder, die selten ein Buch in die Hand nehmen, sollen dadurch die Freude am Lesen für sich entdecken.

Christiane Hüttmann beschäftigt sich vor allem mit diesen leseschwachen Kinder. Sie ist Sachgebietsleiterin der Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein und ist unter anderem für das zweitägige Lehrertraining zuständig, das im voraus des Projekts durchgeführt wird.

In Schleswig-Holstein gibt es „Lesen macht stark“ schon über zehn Jahre, die Inhalte und Materialien entwickelte dort das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen. Hüttmann beschreibt eine Kluft zwischen gut lesenden Kindern und denen, die hinterher sind. Diese „Risikoschüler“ wären bei den Überlegungen zum Projekt besonders beachtet worden.

Lesen verändert das Gehirn

Dabei tritt die Risikogruppe vor allem an Haupt- und Realschulen auf, weiß Hüttmann. „Wenn sich diese Schüler nicht an die anderen annähern, ist ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft nicht in gleicher Form möglich.“ In der Schullaufbahn, in der Ausbildung, der Uni oder im Beruf – das ganze Leben muss ein Mensch lernen, sagt Hüttmann. Grundlage dafür sei ein gutes Leseverständnis.

„Die Fähigkeit zu lesen verändert das Gehirn“, betont Stanilas Dehaene, Hirnforscher am Collège de France in Paris, im Interview mit dem Psychologie-Fachmagazin Gehirn & Geist. Regelmäßiges Lesen verbessere laut Forschern nicht nur bei Kindern den Signalaustausch zwischen verschiedenen Hirnregionen, auch Erwachsene würden davon profitieren.

Dabei werde heute insgesamt kaum weniger gelesen und geschrieben als früher. Gewandelt habe sich aber das Wie: Zunehmend werden Texte nicht mehr eingehend studiert, sondern nur noch überflogen und häppchenweise konsumiert, schreibt die Zeitschrift. Gerade das Angebot über Handys, den PC oder Fernseher verändere den Lese- und Schreibstil, glaubt auch Rektor Volk. „Die Ablenkungen vom ruhigen Lesen sind größer als früher. Die Kinder verarbeiten Texte weniger.“

Deswegen hofft Volk auf die Wirkungen des innovativen Deutschunterrichts. In Schleswig-Holstein werden die Effekte von „Lesen macht stark“ regelmäßig überprüft. Christiane Hüttmann beschreibt die Ergebnisse als Erfolg: Gerade die Risikogruppe im Leseverstehen sinke immer weiter. „Lesen macht stark“-Schülerinnen und Schüler, die unter dem festgelegten Mindeststandard lesen, seien zwischen 2009 und 2015 von 23 auf 17 Prozent zurück gegangen. In ganz Deutschland sei diese Risikogruppe derweil um ein Prozent gestiegen.