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Mariä Himmelfahrt ist das Fest der Frauen

Spaichingen / Lesedauer: 5 min

Das Kräuterbuschelbinden verknüpft das christliche Marienfest mit uraltem Wissen um die Heilkraft
Veröffentlicht:14.08.2020, 05:00
Aktualisiert:14.08.2020, 05:03

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Gerade in alemannischen Gebieten ist der 15. August schon seit vielen Jahrhunderten ein wichtiges Datum. Und gerade in katholischen Gebieten erfreut sich der mit dem jetzt christlichen Fest „Mariä Himmelfahrt“ verbundene Brauch des Kräuterbuschelbindens einer großen Beliebtheit. Frauen bewahren so das Wissen um die Heilkräuter. Kräuterkundige und ausgebildete Menschen führen einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit die Heilkraft der Kräuter vor Augen. So wie Kerstin Ginzel aus Spaichingen. Sie kennt die Wirkungen der traditionell in die Kräuterbuscheln eingebundenen Pflanzen. Und auch unsere Mitarbeiterin Herlinde Groß, die diesen Beitrag schreibt, ist von jeher dem Brauch zu Mariä Himmelfahrt verbunden.

Das Fest hat seinen Ursprung in der Ostkirche, wo es im Jahr 431 eingeführt wurde. In der römischen Kirche wird die Aufnahme Mariens in den Himmel seit dem siebten Jahrhundert gefeiert; in Deutschland seit dem neunten Jahrhundert. Im Konzil von Trient (1545-1563) wurde die Lehre von der Aufnahme Mariens zum festen Bestandteil der kirchlichen Lehre. 1950 wurde sie von Papst Pius XII sogar zum Dogma erhoben.

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Der 15. August ist in Italien nicht nur Mariä Himmelfahrt, sondern auch „Ferragosto“. Der Begriff geht auf die heidnischen „Feriae Augusti“ (Ferien des Augustus) aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert zurück. Der römische Kaiser Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) hatte an diesem Datum seinen Untertanen das Privileg eines freien Tags gewährt. In Deutschland ist der Tag lediglich im Saarland arbeitsfrei sowie in weiten Teilen Bayerns.

In katholischen Regionen Deutschlands sind an dem auch als ‚ „großer Frauentag“ bekannten Fest Lichterprozessionen und Kräuterweihen populär. Der Brauch der Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt geht auf die Legende zurück, dass die Apostel am dritten Tag nach dem Begräbnis Mariens das Grab leer fanden, dafür aber gefüllt mit Rosen und Lilien. Außerdem seien rund um den Ort Heilkräuter gewachsen, die Maria geliebt hatte.

Mitte August entfalten die Kräuter ihre heilkräftigste Wirkung

Zu den uralten Traditionen der Menschen gehören das Sammeln von Kräutern und deren anschließende Weihe. Schon seit frühester Zeit sind Kräuter zum Gebrauch in der Küche und ihre heilende Wirkung für die Menschen aller Kulturen lebenswichtig. Außerdem wurden sie häufig als Geschenke des Himmels oder der Gottheit angesehen. Mitte August entfalten die Kräuter ihre heilkräftigste Wirkung, weshalb das Kräuterbuschelbinden sehr gut zum Fest am 15. August passt. Nach der Weihe werden sie oft im Haus aufgehängt, wo sie gegen Krankheiten, Gewitter und Blitzschlag helfen sollen, oder sie werden kranken Tieren unters Futter gemischt. Heute wird oft auch der Appell ab geleitet, die Natur mitsamt ihrer Schönheit und Heilkraft wieder stärker zu achten.

Die Königskerze befindet sich traditionell oft in der Mitte eines Kräuterbuschens. Es wurden auch oft Pflanzen verwendet, die eine alte Tradition im heidnischen Schutz- und Abwehrzauber besaßen. Es wurden nämlich vor allem Kräuter genommen, denen man zutraute, sowohl Gewitter als auch böse Geister abzuwehren. Mindestens sieben Kräuter muss der Strauß enthalten nach der Zahl der Schöpfungstage. Mit symbolischem Hintergrund sind die Anzahl der Kräuter von Region zu Region jedoch verschieden.

Heilpflanzen werden seltener

Mit der Nutzung von diesen „magischen Zahlen“ glaubte man früher, dass sich die Wirkungen nach der Segnung noch verstärken. Typische Kräuter für einen Kräuterbuschen sind neben Alant echtes Johanniskraut, Baldrian, Dost, Blutweiderich, Wegwarte, Wermut, Beifuß, Rosmarin, Schafgarbe, Thymian, Baldrian, Kamille, Eisenkraut und die verschiedenen Getreidesorten, die um die Königskerze gebunden werden. Manchmal wurden auch Zwiebeln, Knoblauch und gelbe Rüben mit eingebunden.

Doch ist es gar nicht so einfach, wenn die Kräuter nicht im eigenen Garten wachsen, sie in der Natur zu finden. Man sollte dann schon wissen, welche Böden und Orte die Pflanzen bevorzugen. Dass etwa die Wegewarte meist nur an mageren Böschungen, Wegrändern oder Schutthalden wächst. Heute muss man weit laufen, bis man die blaublühende Pflanze findet, da die Wegränder frühzeitig abgemäht werden.

Beifuß bei Verauungsproblemen

Als Tee und Tinktur findet die Wegewarte Verwendung bei Verdauungsbeschwerden und Hautproblemen. In diesem Jahr ist sie die „Heilpflanze des Jahres“. Der Beifuß hilft bei Verdauungsschwierigkeiten. Gerne wird er zum Räuchern verwendet und öffnet so einen Zugang zu anderen Welten, weiß Kräuterexpertin Kerstin Ginzel aus Spaichingen . Der Duft von Dost sei nach Volksglauben dämonenabweisend. Die Pflanze werde auch bei Husten und Verdauungsschwierigkeiten eingesetzt. Als entzündungshemmend ist die Kamille bekannt, während das Eisenkraut zur Stärkung des Immunsystems angewandt werden könne. Die Kamille als entzündungshemmend, und die Schafgarbe bei Migräne und Nierenleiden seien geradezu Allheilmittel, ergänzt die Kräuterfrau.

Dabei dürfe man die Ringelblume, die wilde Möhre, die gerade in voller Blüte stehen sowie den Baldrian mit seiner Schlafwirkung und Beinwell als die älteste bekannte Heilpflanze nicht vergessen.

Kein anderes kirchliches Fest wird so sehr mit Frauen in Verbindung gebracht, wie Mariä Himmelfahrt. Es sind Frauen, die zum Fest Kräuter sammeln und zu einem Buschen zusammenbinden. Früher wurden diese auch in Prozessionen zur Segnung in die Kirche gebracht und ausschließlich von Mädchen getragen. In der streng patriarchalen Gesellschaftsordnung des Mittelalters, war Maria für die nahezu rechtlosen Frauen oft der einzige Rettungsanker, weshalb sie auch besonders von den Frauen verehrt wurde.

Doch schon heidnischen Göttern wurden Kräuter geweiht. Nach der Christianisierung hing das Volk so sehr an dem Brauch, dass die Kirche ihn schließlich übernahm. Die Heilkraft der Kräuter wurde dem Segen der Gottesmutter unterstellt, die wiederum viele Eigenschaften mächtiger vorchristlicher Gottheiten zugeschrieben bekam.