Naziherrschaft

„Die Angehörigen haben lange geschwiegen“

Spaichingen / Lesedauer: 3 min

Das NS-Regime „probte“ auch an Spaichinger Frauen und Männern die systematische Ermordung von Bevölkerungsgruppen - Teil 2
Veröffentlicht:30.08.2016, 10:15
Aktualisiert:23.10.2019, 13:00

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Noch lange ist nicht alles aufgearbeitet, was an Verbrechen in der Zeit der Naziherrschaft geschehen ist. Ein im Bereich Spaichingen/Heuberg so gut wie unaufgearbeitetes Kapitel, ist das Kapitel NS-„Euthanasie“. Also das Töten von als „unwertes Leben“ deklarierten Menschen auf systematische Weise. Auch aus unserer Region sind geistig oder psychisch behinderte oder kranke oder in Einrichtungen abgeschobene Menschen meist durch Kohlenmonoxid-Gas ermordet worden. Die erste Mordanstalt war Grafeneck auf der schwäbischen Alb. Regina Braungart hat die Historikerin Franka Rößner von der Gedenkstätte Grafeneck befragt. Hier Teil 2 des zweiteiligen Interviews.

Die Aufarbeitung beginnt an manchen Orten, wie in Spaichingen, erst jetzt oder in jüngster Zeit, aber das Interesse steigt. Können Sie das aus Ihrer Arbeit bestätigen?

Das Interesse ist eigentlich seit Ende der 1990er-Jahren gestiegen. In den 90ern wurden auch in den ehemaligen Anstalten, heute Einrichtungen und Kliniken, Gedächtnisstätten eingerichtet. Aber es stimmt, das Interesse ist angestiegen, in Spaichingen ist es jetzt sicher später. Man war wohl davon ausgegangen sein, dass es in Spaichingen keine Opfer gab. Aber das war unwahrscheinlich. Ihre Anfrage war eigentlich die erste aus Spaichingen und kurz darauf besuchte Franz Schuhmacher mit einer Gruppe Grafeneck.

Warum eine so späte Aufarbeitung?

Es liegt wohl auch daran, dass man im Bezug auf die NS-Zeit erst einmal den Holocaust in den Blick nahm, auch bei den Stolpersteinen. Das Problem war, dass es sich um eine sehr spezielle Opfergruppe handelte, die geistig und psychisch erkrankt war und es keine Überlebenden und auch keine starken Lobbygruppen gab. Angehörige haben lange geschwiegen und die Heime hatten auch kein Interesse, die Aufarbeitung anzustoßen. Aber es passiert. Ich bin seit 2005 in Grafeneck und bemerke ein ständig steigendes Interesse von Angehörigen.

Wie ist Ihre Arbeit? Was machen Sie in der Gedenkstätte?

Wir sind immer noch dabei Namen zu erschließen aus allen Akten, die erschließbar waren. Es sind jetzt 9800 Namen. Aber es ist manchmal schwierig, weil die Daten unvollständig sind. Die Angehörigen suchen die Opfer. Wir schreiben auch Biografien, soweit möglich. Ziel ist, dass die Opfer nicht ein zweites Mal sterben, indem sie totgeschwiegen werden. Wichtig ist es auch, die Struktur genau zu erforschen, um zu lernen. Unser Grundgesetz sagt es ja ganz deutlich im ersten Paragraf: Die Würde ist der Maßstab und nicht der Wert. Und die Würde hat jeder, weil er ein Mensch ist.

Wie ist es für Angehörige, wenn sie bei Ihnen sind und die Namen sehen?

Es sind oft ältere Menschen, die am Ende ihres Lebens das Schweigen brechen wollen, vor allem, wenn sie einen Ermordeten noch kannten, wie jüngst eine 90-jährige Frau aus Freiburg, deren Mutter ermordet wurde. Oft sind die, die es wissen wollen und auch veröffentlichen innerhalb der Familie Druck ausgesetzt, weil sie das Familientabu brechen. Aber meist sind Angehörige dann doch sehr erleichtert, wenn sie sich damit auseinandersetzen.