Pianomanufaktur

Autorin sucht perfekten Klang in Sauters Piano

Spaichingen / Lesedauer: 4 min

Ulrich Sauter lernt die Amerikanerin auf einer Messe kennen und begeistert sich für ihr Buch
Veröffentlicht:29.08.2014, 15:09
Aktualisiert:24.10.2019, 10:00

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Auch ein Flügel der Spaichinger Pianomanufaktur Carl Sauter spielt in dem autobiografischen Reportage-Roman der amerikanische Journalistin Perri Knize „Der verlorene Klang“ eine wichtige Rolle. Und wie der Zufall es will: Ulrich Sauter , Miteigentümer der Manufaktur, Klavierexperte, Soziologe, Mitglied in zahlreichen namhaften Piano-Verbänden, ist der Autorin auf einer Messe in den USA begegnet. Die Spaichinger Manufaktur ist heute der älteste Klavierhersteller Europas, 1819 gegründet.

Perri Knize ist bereits Mitte 40, als sie sich entschließt, einen Flügel zu kaufen. Sie möchte wieder Klavier spielen, eine Leidenschaft, die sie seit ihrer Kindheit und Jugend ziemlich vernachlässigt hatte. Nach einer langen Suche verliebt sie sich in einem New Yorker Pianogeschäft in einen 1,92 Meter langen Flügel des deutschen Traditionsherstellers Grotrian-Steinweg aus Braunschweig . Sein wundervoller Klang macht sie regelrecht süchtig. Der Preis des Instrumentes: rund 30 000 Dollar. Die Liebe zu diesem Piano siegt über die Vernunft. Knize kauft den Flügel und nimmt dafür eine Hypothek auf ihr Eigenheim auf.

Als das wertvolle Stück in klassischem Hochglanz-Schwarz schließlich in ihre Wohnung in Missoula in Montana geliefert wird – von New York mehr als 3800 Kilometer entfernt – erlebt die Autorin etwas Unfassbares: der bezaubernde Klang ist total verschwunden: „Der Diskant ist tot. Die ‚Melodiesektion‘ klingt, als würden Hämmer auf Holz treffen, ein klapperndes Geräusch. Der fantastische Nachklang, den ich in Erinnerung habe, das Fließen von Ton zu Ton, das zarte Schimmern – es ist fort.“

Ein Alptraum. Was war passiert? Die Suche nach den Ursachen für den „verlorenen Klang“ liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Irgendwann aber kommt plötzlich die entscheidende Erkenntnis: Nicht der Flügel als solcher, sondern die Stimmung ist das Problem. Schließlich reist Perri Knize sogar nach Deutschland – zu Grotrian-Steinweg in Braunschweig. Endlich lernt sie das Geheimnis kennen, wie auch die Klaviertechniker in den USA ihrem Flügel seinen vollkommenen Klang zurückgeben können. Vor den Könnern unter den Klavierstimmern hat Perri Knize am Schluss ihrer Reise durch die Welt der Klaviere und des Klavierklangs die allergrößte Hochachtung: Sie nennt sie „Neurochirurgen mit dem Gehalt eines Installateurs“.

Bevor Knize ihr Piano findet, führt die Suche nach dem vollkommenen Klang sie auch zu einem Instrument aus dem Hause Sauter in Spaichingen. Hätte sie den „Steinweg“ nicht entdeckt, wäre aus ihrer Begegnung mit dem Sauter Omega 220 in Pyramiden-Mahagoni vielleicht sogar die „große Liebe“ geworden: „Also setze ich mich an dieses umwerfende Instrument mit seiner wunderschönen Ausführung, der anmutigen Form, und öffne die Klappe. Die Tasten scheinen größer als die anderer Klaviere, ich berühre sie behutsam… Ich drücke einige der langen Tasten nieder, und das Klavier beginnt in sonoren, klaren Tönen zu singen. Ich spiele Mendelssohn, die Bassnoten klingen dunkel, wonnevoll, herzzerreißend. Das ist ganz offensichtlich ein großartiges Klavier, ein Klavier mit musikalischen Möglichkeiten, die man bei anderen Instrumenten so nicht findet.“

Die Autorin ist zunächst sogar derartig von diesem Sauter-Flügel begeistert, dass sie sich entschließt, ihn zu kaufen und sogar eine Anzahlung leistet. Doch es sollte ja ganz anders kommen…

Welch ein Zufall - nach Erscheinen des Buches lernte Ulrich Sauter, Mitinhaber der Spaichinger Pianomanufaktur und Mitglied der Gründerfamilie, Perri Knize bei einer internationalen Klavierausstellung in den USA kennen. Sie kamen miteinander ins Gespräch. Knize erzählte Sauter ihre Geschichte und schenkte ihm schließlich ihr Buch.

„Zuerst dachte ich etwas skeptisch, was wird das wohl sein, über 500 Seiten, und dann auch noch in Englisch“, erzählt er. Am Abend beginnt er zu lesen – und kommt nicht mehr von dem Reportagen-Roman los. Er liest ihn in einer Nacht.

Keine Esoterik, sondern Physik

Als leidenschaftlicher Klavierexperte und Klavierspieler hat er allerdings sofort erkannt, warum es lange nicht gelang, den ursprünglichen, so bezaubernden Klang des Flügels wieder herzustellen. „Natürlich muss das Instrument optimal gestimmt sein, bevor man sich an die Intonation macht, die den Klangcharakter bestimmt“, betont er: „Da ist keine Klang-Esoterik gefragt, sondern prosaische Physik – Akustik eben“.

Trotz alledem: „Nie hätte ich geglaubt, dass man so wunderbar, fesselnd und bezaubernd über Klaviere und ihren Klang schreiben kann“, ist Ulrich Sauter bis heute begeistert.

Perri Knize: „Der verlorene Klang“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 16,90 €, ISBN 978-3-423-24995-9