Standhaft

Es gibt sie noch: Kaugummiautomaten

Immendingen / Lesedauer: 4 min

Kaugummiautomaten gehören zum Straßenbild, auch wenn viele sie gar nicht wahrnehmen
Veröffentlicht:25.08.2017, 17:47
Aktualisiert:23.10.2019, 02:00

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Sie sind rot – meistens jedenfalls – sehen in vielen Fällen schon etwas ramponiert aus, hängen oft ziemlich niedrig und werden von den Erwachsenen gerne übersehen: Kaugummiautomaten.

„Gibt es die überhaupt noch?“, fragen viele, die auf diese Relikte aus der Vergangenheit angesprochen werden. Wir haben uns in Emmingen-Liptingen und Immendingen auf die Suche gemacht und mit denen gesprochen, die die Automaten aufstellen.

„In Hattingen habe ich zwei – einen Zweier am Laden und einen Dreier am Kindergarten.“ Jürgen Singler aus Ehingen muss nicht lange überlegen, wenn er auf seine Kaugummiautomaten im Immendinger Ortsteil angesprochen wird. Etwa 1000 davon hat er noch, verteilt auf das Gebiet zwischen Bregenz, Singen, Tübingen und Balingen. Leben kann er davon nicht – „dazu brauchen Sie mindestens 5000“. Das Geschäft mit den Kaugummiautomaten lohne sich aber trotzdem noch – zumindest ein bisschen. Er bessere sich so seine Rente auf, sagt der 69-Jährige. „Das ist mein Hobby, meine Liebhaberei.“

Die Automaten von Torsten Landgraf aus Singen sind mit einem Warnhinweis ausgestattet: „Kann Aufmerksamkeit und Aktivität von Kindern beeinträchtigen.“ Landgraf schnaubt am anderen Ende der Telefonleitung: „Totaler Schwachsinn, das hat uns die EU eingebrockt.“ Vor einigen Jahren hätten die Lebensmittelbehörden diesen Hinweis von ihm verlangt, wegen eines umstrittenen Farbstoffs, der mittlerweile sowieso nicht mehr in den Kaugummis sei. An den Automaten der Mitbewerber in Emmingen-Liptingen und Immendingen fehlt der Hinweis, das weiß auch Landgraf. „Ich habe damals gefragt, warum die nur zu mir kommen. Da hat es geheißen, die anderen kommen auch noch dran.“

Sind sie aber bisher noch nicht. Peter Kiedels aus Maintal, immerhin rund 330 Kilometer von seinen Automaten in Immendingen oder Tuttlingen entfernt, hatte dafür schon mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen. Zur Zahlung von 600 Euro habe ihn vor einigen Jahren ein Gericht in Tuttlingen verurteilt – wegen Körperverletzung. „Ein Junge hat damals eine Stinkbombe aus einem meiner Automaten direkt vor dem Gesicht einer Frau zerdrückt“, erzählt der 73-Jährige. Stinkbomben im Kaugummiautomat? „Die laufen am allerbesten – und zwar bei Kindern und Erwachsenen“, sagt Kiedels. Er hat sie trotzdem weitgehend aus dem Programm genommen. „Ich hatte gut gehende Automaten vor Schulen und in Gaststätten. Aber das gab einfach zu viel Ärger.“ Spätestens nach drei Monaten wechselt er seine Kaugummis aus, auch wenn die Kaugummis eine Haltbarkeit von einem Jahr haben. Was nicht mehr verwendet werden kann, lande im Mülleimer. Selbstverzehr kommt für ihn nicht in Frage: „Ich bin Gebissträger.“

Der Automat, der nur bunte Kaugummikugeln ausspuckt, ist längst ein Auslaufmodell. „Ich habe fast nur noch Kaugummi in Kapseln“, erzählt Singler. Zum Teil verpacke er die selber, zum Teil kaufe er sie fertig eingekapselt. Immer wichtiger aber würden andere Produkte vom Drops mit Bananengeschmack über Flummis, legoähnliche Steckspiele, Tiere, Modeschmuck – die Liste der drei Automatenaufsteller wird lang und länger. „Was wirklich läuft, muss man ausprobieren. Das ist ein bisschen wie Marktforschung, was wir machen“, sagt Kiedels.

Regelmäßig gehen die Aufsteller der Automaten auf Tour, um ihre Automaten aufzufüllen. In der Regel bedeute das, dass die Automaten ausgetauscht werden. „Eventuelle Defekte oder Verschmutzungen im Innern erkenne ich auf den ersten Blick nicht“, erklärt Singler.

Er hat sich genau wie die Kollegen eine gut ausgestattete Werkstatt eingerichtet, in denen die Automaten gereinigt und repariert werden. „Unterlegscheiben brauche ich mir aber in meinem ganzen Leben keine mehr zu kaufen, die finde ich im Geldfach meiner Automaten“, sagt Singler und lacht. Solche und andere Betrügereien sind Alltag und nur ein verhältnismäßig kleines Problem verglichen mit dem Vandalismus. „Der 1. Mai, Halloween und Silvester sind schlimme Tage für uns“, bestätigt Kiedels. Und Landgraf ergänzt, dass die Diebstähle auch bei ihnen immer mehr zunähmen. „Da erkennt man ein sinkendes Moralbewusstsein in unserer Gesellschaft.“

Ans Aufgeben ihres Geschäfts denken aber alle drei noch nicht: Die Kaugummiautomaten werden auch die nächsten 50 Jahre überleben, ist sich Torsten Landgraf sicher – „es sei denn, das Bargeld wird abgeschafft“.

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