Brückentausch

Ostracher beobachten vor 85 Jahren den Brückentausch

Ostrach / Lesedauer: 2 min

Zum Einbau der Eisenbahnbrücke fällt am 28. Juni 1934 sogar die Schule aus
Veröffentlicht:28.06.2019, 06:00
Aktualisiert:28.06.2019, 06:01

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Am 28. Juni vor 85 Jahren gab es eine spektakuläre Baustelle in Ostrach. Die Eisenbahnbrücke wurde erneuert. Das Ostracher Urgestein Josef Unger hat den Einbau damals als Junge beobachtet und schildert seine Erinnerungen.

Waren es strategische Gründe oder war sie dem zunehmenden Güterverkehr mit immer schwerer werdenden Lokomotiven und Transportmaterial, hauptsächlich Kies in den ganzen süddeutschen Raum und in die Schweiz, nicht mehr gewachsen? Ersteres kann ausgeschlossen bleiben, denn ein Krieg war zu jener Zeit, wenigstens aus der Sicht der gewöhnlichen Menschen, nicht in Sicht. Jedenfalls wurde die gerade 50 Jahre alte Eisenbahnbücke über die Ostrach vor 85 Jahren ausgetauscht. Der Schreiber dieser Zeilen kann sich noch gut an das Ereignis erinnern, denn der Unterricht an der Ostracher Volksschule, die er in der vierten Klasse bei Lehrer Fidelis Teufel besuchte, fiel an diesem Tag aus. Viele Einwohnern und auch Menschen aus den Nachbargemeinden verfolgten das einmalige Geschehen. Als am Abend die neue, tragfähige Brücke saß, freuten sich Bauleitung, Bauarbeiter und Zuschauer. Sie riefen Bravo und klatschten Beifall.

Dem Auswechseln der 28,80 Meter langen Brücke gingen mehrere Wochen harte Bauarbeiten voraus. Die Widerlager, die aus Beton mit Werksteinverkleidung im Staffelsystem bestanden, wurden durch vorgesetzte Stahlbetonpfeiler verstärkt. Zum Aushieven der alten und dem Einsetzen der neuen Brücke waren zwei Krane erforderlich. Die bisherige Brücke wurde angehoben und zur Seite geschoben, sodass Platz für die neue geschaffen wurde. Sie war übrigens eine der ersten Eisenbahnbrücken in Eisenkonstruktion. Bis etwa 1870 waren Brücken ähnlicher Größe in Holz ausgeführt worden.

Die Überquerung der Ostrach und eines parallel verlaufenden Weges war beim Bau der Eisenbahnstrecke Altshausen-Ostrach-Pfullendorf nicht das einzige Problem. Zahlreiche Hügelgebiete mussten durchschnitten und Täler aufgefüllt werden. Zwischen Ostrach und Burgweiler und kurz vor Pfullendorf waren zunächst Tunell geplant, die aber wegen des sandigen Bestandes der Jungmoränehöhen nicht ausgeführt werden konnten. Dazwischen liegende Täler und Torfgründe erforderten hohe Dammaufschüttungen. Als die Bahnstrecke am 15. August 1875 in Betrieb genommen wurde, hatten viele Handwerker und Gelegenheitsarbeiter, vor allem zahlreiche italienische Gastarbeiter, ein gutes Geld verdient. Der Bierverbrauch soll während der Bauzeit einen Höhepunkt erreicht haben – und ein Italiener ließ als Andenken in Ostrach eine nette „Signora“ zurück. Deren Mutter hatte nur die eine Sorge, das Kind werde deutsch sprechen. Die Sorge war unnötig: Der Schreiber dieses Berichtes kannte sie; sie sprach perfekt schwäbisch.