Klosterstadt

Pläne, Pannen, Potenzial: Die erste Klosterstadt-Saison steht vor dem Abschluss

Meßkirch / Lesedauer: 6 min

Die SZ zieht Bilanz, bevor der Campus Galli bis zum nächsten Frühjahr schließt
Veröffentlicht:06.11.2013, 17:55
Aktualisiert:24.10.2019, 20:00

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Am kommenden Wochenende endet die erste Saison der Klosterstadt. In den knapp fünf Monaten seit seinem Bestehen hat der Campus Galli viel Kritik, aber auch Euphorie hervorgerufen, einige Tausend Besucher fasziniert, seinen Mitarbeitern viel abverlangt und stets für Diskussionsstoff gesorgt. Die SZ wirft einen Blick zurück – und natürlich auch nach vorn. Nach der Saison ist schließlich vor der Saison.

Besucher: Ganz ordentlich. Wenn das Kassenhäuschen in wenigen Tagen für die Wintermonate schließt, werden 12000 bis 13000 Menschen die Klosterstadt besucht haben. Diese Zahl bleibt zwar deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück, ist laut Bert M. Geurten aber der verkürzten Saison geschuldet. „Der stärkste Monat war der Oktober“, sagt er. Die meisten Besucher hätten den Campus Galli am Tag der deutschen Einheit besucht: 360 Leute bezahlten eine Eintrittskarte. Geurten betont, dass in der ersten Saison die Reisebusse gefehlt haben, mit denen er ab dem nächsten Jahr fest rechnet.

Medienecho: Enorm. Neben lokalen und regionalen Medien ist es Geurten gelungen, vor allem rund um die Eröffnung in nahezu aller Munde zu sein. Neben dem SWR interessierten sich auch RTL und das ZDF für die Klosterstadt, sogar russische und niederländische Fernsehsender kamen vorbei. Überregionale Zeitungen wie die „Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichteten, und Deutschlandradio sendete am Tag der Eröffnung ein einstündiges Feature. Der Gegenwert dieser Berichte ist zwar nicht konkret messbar, dürfte den Bekanntheitsgrad Meßkirchs aber deutlich gesteigert haben.

Rückhalt in der Bevölkerung: Mäßig. „Es dreht sich aber langsam ein bisschen“, sagt Geurten. „Die, die da waren, sind positiv gestimmt. Und viele derjenigen, die gegen uns sind, waren noch gar nicht hier.“ Kritisiert wird vor allem, dass das Geld für andere Dinge sinnvoller hätte ausgegeben werden können. Gebe es anderswo kaum Geld, um beispielsweise alte Klöster in ihrer Substanz zu erhalten, stampfe man in Meßkirch ein neues aus dem Boden – dabei gebe es in der Stadt genug andere Baustellen, die den ein oder anderen Euro gut gebrauchen könnten.

Potenzial für Meßkirch und die Region: Vorhanden. Gastronomen und Einzelhändler berichteten bereits im Sommer, dass die Klosterstadt ihnen Kunden beschert habe. Die einen trinken Kaffee, die anderen kaufen Sonnenbrillen, wieder andere gehen essen oder übernachten sogar in der Umgebung. Gelingt es tatsächlich, die Besucherzahlen in den kommenden Jahren kontinuierlich zu steigern, lässt sich der Effekt für die Stadt ausrechnen. Schon jetzt haben laut Geurten Unternehmen wie Mercedes angekündigt, Betriebsausflüge zur Klosterstadt zu unternehmen. Die Akademie für Führungskräfte möchte Seminare anbieten, und der Werkzeughersteller Dictum habe für 2014 angekündigt, auf dem Campus Galli Kurse durchzuführen. „Und all diese Leute kommen auf uns zu, nicht umgekehrt“, sagt Geurten.

Mitarbeiter: Arm, aber glücklich. Wer in der Klosterstadt arbeitet, tut das nicht wegen des Geldes – zurzeit zahlt der Verein seinen Mitarbeitern rund 1550 Euro brutto. Sie wussten aber, worauf sie sich einlassen und sind trotzdem froh, bei dem Projekt mitwirken zu können. Vor allem die gelernten Handwerker gehen mit viel Idealismus an die Sache und betonen stets den für sie positiven Aspekt, auf dem Campus Galli ursprünglich, also ohne den Einsatz von Maschinen arbeiten zu können.

Sieben ehemalige Ein-Euro-Jobber haben in der Klosterstadt eine Festanstellung bekommen und werden auch über den Winter weiter beschäftigt. Die Verträge der anderen enden zunächst Ende Dezember – sie sind dann für drei Monate arbeitslos, werden aber im Frühjahr unbefristet wieder eingestellt, erklärt Geurten. Neben den festangestellten Mitarbeitern gibt es so viele Freiwillige, dass ein Aufnahmestopp verhängt wurde. „Wer bei uns helfen will, muss das für mindestens eine Woche tun“, sagt Geurten.

Pannen: Gab es. Zu wilde Ochsen, fehlende Baugenehmigungen, Querelen mit ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeitern: Das Projekt ist in den vergangenen Monaten von verschiedenen Seiten heftig kritisiert worden. Insbesondere Vertreter der „Living-History“-Szene bemängeln die mangelnde Wissenschaftlichkeit auf der Baustelle. Diesen Vorwurf hat Geurten indes stets zurückgewiesen. „Ich muss mich an die Regeln und Gesetze des 21. Jahrhunderts halten“, sagt er. Und liefert gleich ein Gegenbeispiel: „Gerade erst haben wir anhand einer einfachen Skizze einen mittelalterlichen Blasebalg für die Schmiede nachgebaut“, sagt er. „Das hat seit 1000 Jahren keiner mehr gemacht, und es hat drei Wochen gedauert – eingeplant war eigentlich nur eine.“ Er betont, dass in der Klosterstadt nie „der einfachste Weg gesucht“ werde.

Konzept: Sehr gut. Handwerkern in mittelalterlicher Montur beim Arbeiten zusehen, vielleicht selbst mal mit anpacken, ein Ausflugsziel, das sich kontinuierlich wandelt: Dieses Konzept kann aufgehen und tut es bereits – zahlreiche „Mehrfach-Besucher“ bereits im ersten Jahr sprechen dafür. Dass auf dem Campus Galli noch nicht alles perfekt mittelalterlich aussieht, ist nicht schlimm. Mancher Maschendrahtzaun muss ja auch noch zuwuchern. Den Vorwurf, er zeige das Mittelalter als eine Art Disneyland, weist Geurten zurück. „Aber natürlich wollen wir die Menschen unterhalten“, sagt er.

Kommunikation: Ausbaufähig. Teilweise drängte sich der Eindruck auf, dass Unangenehmes lieber hinter verschlossenen Türen verhandelt wird – insbesondere finanzielle Fragen. Das kam in der Bevölkerung gar nicht gut an, da es den Eindruck verstärkte, dass in ein Fass ohne Boden investiert würde. Fairerweise muss man sagen, dass Bert M. Geurten sich offenen Fragen in aller Regel stellt und sie beantwortet. Geht es aber um öffentliche Zuschüsse, ist er nicht der richtige Ansprechpartner – und die Informationsmühlen der kompetenten Ansprechpartner mahlten zuweilen langsam.

Finanzplan: Ambitioniert. Der Meßkircher Gemeinderat hat kürzlich grünes Licht für weitere Zuschüsse gegeben – die Klosterstadt hatte akute Liquiditätsprobleme. Für dieses Jahr billigte das Gremium zusätzliche 170000 Euro sowie zusätzliche 15000 Euro fürs nächste Jahr. Künftig soll der Gemeinderat regelmäßig über die Finanzen informiert werden und so eine größere Kontrolle bekommen. Trotz der prekären Situation ist eine städtische Förderung über die Anschubfinanzierung hinaus, die für die ersten zwei Jahre gedacht ist, nicht geplant. Geurten bemüht sich laufend um Geld aus weiteren Fördertöpfen und Sponsoren.

Pläne: Viele. Mehrere mittelalterliche Feste sollen ab 2014 zusätzliche Attraktionen für Besucher darstellen, und mit Schülern sind Workshops geplant. Auf dem Marktplatz werden in der kommenden Saison zwei weitere Stände stehen, an einem von ihnen werden dann eigene Erzeugnisse wie Besen und Honig verkauft. Ein zweiter Ofen soll die gastronomischen Kapazitäten erweitern – außerdem soll es dann nicht mehr nur Wurst und Fladen geben, sondern auch saisonale Angebote. „Wir ernten schließlich unsere eigenen Erzeugnisse“, sagt Geurten. Allein dieses Jahr sei bereits eine Tonne Getreide angefallen, das die Besucher 2014 als Brot wiedersehen sollen.