Ländlicher Ärztemangel

Zweimal aus dem Ruhestand zurückgekehrt: Arzt arbeitet mit 74 immer noch

Gammertingen / Lesedauer: 4 min

Friedrich Kähny arbeitet mit 74 Jahren noch immer in Mariaberg. Fit hält ihn nicht nur die Arbeit.
Veröffentlicht:26.01.2023, 05:00

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Zweimal wurde er bereits in den Ruhestand verabschiedet und doch praktiziert er noch immer: Der Allgemeinarzt Friedrich Kähny steht im Alter von 74 Jahren zum wiederholten Male im Dienste des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Mariaberg.

2014 ging er nach 30 Jahren als Allgemeinarzt in Gammertingen erstmals in Rente. Doch dann kam die Corona-Pandemie und Kähny kehrte zurück. 2021 wurde er wieder feierlich vom Vorstand des sozialen Dienstleistungsunternehmens verabschiedet. Doch auch der zweite Abschied währte nicht lange.

Meine Motivation ist die Medizin.

Friedrich Kähny

Zwischendurch waren andere Allgemeinärzte da – doch sie gingen auch wieder. Die Konstante bleibt Friedrich Kähny, der kurz darauf erneut einspringt. „Es muss hier weitergehen“, sagt Kähny. Deshalb wohnt er nun unter der Woche wieder in seinem Wohnwagen auf den Landwirtschaftsflächen von Mariaberg. Trotz winterlicher Temperaturen hält er es dort gut aus, sagt er.

Besonderes Gespür bei der Betreuung

Die Verantwortlichen von Mariaberg sind froh, dass sie ihn und das Medizinische Versorgungszentrum haben. „Für Mariaberg ist es von unschätzbarem Wert, das Medizinische Versorgungszentrum mit seinen verschiedenen Fachrichtungen im Herzen des Stadtteils zu haben“, sagt die stellvertretende Pressesprecherin Alina Veit.

„Es ist die Grundlage für die notwendige medizinische Versorgung der Menschen, die in unseren Angeboten leben und arbeiten. Dafür braucht es im Team des MVZ hohe fachliche Kompetenz und ein besonderes Gespür in der Betreuung von Patienten mit geistigen Behinderungen. Mit Herrn Kähny haben wir dort einen erfahrenen, zugewandten Allgemeinmediziner und wissen unsere Klientinnen und Klienten in guten Händen.“

Man darf sich ums Fragen nicht zu schade sein.

Friedrich Kähny

Dass die Arbeit mit Patienten mit geistigen Behinderungen eine andere Herausforderung ist, als bei anderen Patienten, ist für Kähny besonders interessant. „Meine Motivation ist die Medizin“, sagt er. Die „vielschichtige Pathologie“, interessiere ihn besonders.

Bei vielen der Patienten müsse er zuerst herausfinden, wo der Schuh drückt, weil die Patienten es gar nicht selbst kommunizieren können. „Hier muss man Erfahrung mitbringen“, sagt Kähny. „Aber man lernt auch viel dazu.“

Unterwegs mit dem Motorrad-Gespann

Der 74-Jährige hat die Medizin schon früh als Sohn eines Arztes kennengelernt. „Ich habe Kontakt mit kranken Menschen, seit ich lebe“, sagt er. „In 40 Jahren Medizin – was ich alles an Entwicklungen miterleben durfte.“ Trotzdem wisse er nicht alles. „Man darf sich ums Fragen nicht zu schade sein“, sagt er. Deshalb tausche er sich hin und wieder auch mit Fachkollegen aus.

Im Alter von 74 Jahren ist Kähny noch fit: „Ich bin dankbar um meine Konstitution.“ Neben der Arbeit helfe ihm dabei auch der Sport. Am Wochenende geht er auf Skitouren, fährt mit seinen Enkeln Ski und auch Mountainbike – ohne Motor. Mit motorisiertem Antrieb ist er dafür ab März wieder unterwegs. Auf seinem Motorrad-Gespann erledigt der Arzt Hausbesuche oder fährt damit nach Österreich zum Skifahren.

Eigentlich wohnen Kähny und seine Frau allerdings in Ulm. Früher haben die beiden gemeinsam in seiner Arztpraxis gearbeitet. Dass er nun wieder arbeite, trägt seine Frau mit, sagt er. „Sie sieht die Notwendigkeit.“

Nachfolger gibt es noch keinen

Ein Nachfolger ist trotz ausgeschriebener Stelle momentan nicht in Sicht. Grund dafür ist einerseits der allgemeine Ärztemangel auf dem Land. „Hier hat man doch alles zum Überleben“, sagt Kähny. Und er schätzt, dass man nicht anonym lebt: „Auf dem Land kennt man sich.“

Ich verstehe es nicht, warum das hier nicht gerne gemacht wird.

Friedrich Kähny

Außerdem geht Kähny davon aus, dass die speziellen Herausforderungen im MVZ für manche seiner Kollegen abschreckend sind. Nachvollziehen kann er das aber eigentlich nicht. „Ich verstehe es nicht, warum das hier nicht gerne gemacht wird.“

Vorzüge sieht er vor allem darin, dass die Praxis in das MVZ eingebunden ist und dieses dem Arzt die gesamte Organisation abnimmt.

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Ein weiterer Pluspunkt ist für den Arzt die Zusammenarbeit mit den Kollegen. „Ein Psychiater, eine Kinderärztin und ein Allgemeinarzt an einem Ort, wo gibt es das?“.

Auch wenn er selbst Freude an der Arbeit hat, hofft Kähny darauf, dass er nach einer Übergangszeit vielleicht bald wirklich in den Ruhestand gehen kann. „Ich bin da keine Blockade“, sagt er. „Ich hoffe, dass jemand gefunden wird.“