Abschiedsritual

Bad Saulgauer tragen ihr Krankenhaus zu Grabe

Bad Saulgau / Lesedauer: 5 min

Bewegendes Abschiedsritual am Mittwochabend: Mitarbeiter legen Kränze nieder. Worauf die Bevölkerung noch immer wütend ist.
Veröffentlicht:01.12.2022, 12:00
Aktualisiert:01.12.2022, 16:56

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Mit einem bewegenden Abschiedsritual haben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Mittwochabend, 30. November, von ihrem Krankenhaus in Bad Saulgau verabschiedet.

LKW fährt Jesus-Statue vor

Gefühle von Trauer, Enttäuschung und großem Unverständnis über die Schließung, die politische Entscheidung, haben dabei ihren Raum gefunden. Diese Gefühle werden bleiben. Nicht nur bei ihnen. Viele Bad Saulgauer Bürgerinnen und Bürger sind noch immer fassungslos und weit davon entfernt, das Geschehene zu akzeptieren. Denn die medizinische Versorgung in der Region ist längst am Limit und verschärft sich jetzt weiter.

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Mitarbeiter des Krankenhauses und Bürger stehen am Tag der Schließung zusammen. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit/Schwäbische.de)

Viele Kerzen werden entzündet an diesem späten Nachmittag und zu den großen Trauerkränzen gestellt. Dann kommt ein Lastwagen, bringt eine wuchtige Jesus-Statue mit großem Kreuz und stellt sie an die Auffahrt zum Krankenhaus. Dort bildet sich innerhalb weniger Minuten ein großer Trauerkreis. Die Stimmung ist gedrückt, es fließen die ersten Tränen.

Mitarbeiterin ist enttäuscht und wütend

Und es wird nochmal klar, wovon sich die Menschen hier verabschieden: Von funktionierenden und lieb gewonnenen Teams, die auseinandergerissen wurden. Von leistungsstarken Strukturen und über viele Jahre aufgebaute Netzwerke. Von einem stimmigen Miteinander einer Belegschaft, die rund um die Uhr versucht hat, ihr Bestes zu geben.

Manch einer weiß am letzten Tag noch immer nicht, wie es weitergeht. Weil entsprechende Informationen von der Geschäftsleitung fehlen. Kritik an der Kommunikation wird laut. Aber auch an der Gesundheitspolitik überhaupt.

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Ein LKW fährt eine große Jesus-Statue vor. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit/Schwäbische.de)

Etwa dann, wenn Politiker von „kleinen Klitschen“ reden, die zu viel kosten. „Ich bin bodenlos enttäuscht , machtlos und wütend“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die sich noch immer dem Krankenhaus zugehörig fühlt, obwohl sie dort nicht mehr arbeitet.

Ehemaliges Personal jetzt in anderen Branchen

Dieser Aussage schließt sich auch Regina Gebhart an. Die Krankenschwester war viele Jahre am Krankenhaus in Bad Saulgau und zeitweise auch in Sigmaringen beschäftigt. Als sich erste Anzeichen mehrten, dass es möglicherweise zu einer Schließung kommen könnte, hat sie gekündigt . Sie nennt die Schließung mit Blick auf die ärztliche Versorgung in der Stadt schlicht eine „Katastrophe“.

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Sie weiß, wie es in den umliegenden Krankenhäusern aussieht: Operationen werden verschoben, die Wartezeiten in den Notfallambulanzen sind grenzwertig, es fehlt an Personal. Apropos Personal: Ehemalige Kolleginnen, allesamt langjährig erfahrene Pflegefachkräfte, trifft sie heute in Bad Saulgau in branchenfremden Bereichen an – als Quereinsteigerinnen .

Die Entscheidung, kleine Häuser zu schließen, wird uns auf die Füße fallen.

Regina Gebhart

Das hat nicht nur mit der Schließung zu tun, sondern auch mit der unbefriedigenden Bezahlung und fehlender Wertschätzung des Berufsstandes. „Die Entscheidung, kleine Häuser zu schließen, wird uns auf die Füße fallen“, ist sie überzeugt.

Die Politik habe das Gesundheitswesen „an die Wand gefahren“. Gleichzeitig hat sie erfahren, dass es in der Vergangenheit bereits zur Wiedereröffnung kleiner Krankenhäuser gekommen ist.

Früherer Krankenhausleiter ist entsetzt

Davon hat auch Dr. Fritz Schäfer gehört. Er hatte rund 24 Jahre die Leitung des Krankenhauses inne und ist genauso entsetzt, dass es seine langjährige Arbeitsstätte nicht mehr geben wird. Nicht seinetwegen, sondern mit Blick auf die medizinische Versorgung in der Region.

Auch er weiß um die Nachteile der Fallpauschalen, um den hohen ökonomischen Druck, die Gewinnorientierung. „Saulgau hat immer schwarze Zahlen geschrieben“, sagt der Pensionär. Die „größte Stadt im Landkreis“ habe jetzt den längsten Anfahrtsweg nach Sigmaringen . „Das geht gar nicht“, sagt er.

Förderverein

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Mit Blick auf den Förderverein des Krankenhauses Bad Saulgau hat er eine klare Meinung: Hier sollte überlegt werden, ob er sich tatsächlich auflösen soll. „Ich fände es besser, wenn er bleibt und die Situation, wie sie sich schon jetzt und auch zukünftig darstellt, genauestens beobachtet und gegebenenfalls Schritte unternimmt“, sagt Schäfer. „Man muss noch an Wunder glauben“, ergänzt er und blickt mit großem Interesse auf die „kleinen Häuser“, die wieder öffnen sollen.

Sorge um Grundversorgung

Auch Matthias Knoll, Geschäftsführer der Knoll Maschinenbau GmbH, tut die Schließung weh. „Leider waren die Aktionen des Fördervereins und der Bad Saulgauer Unternehmer erfolglos “, sagt er und blickt mit Sorge auf die daraus folgende Konsequenz, dass Patienten nach Sigmaringen, Ravensburg oder Biberach fahren müssen. „Ich sehe die Verantwortlichen in der Pflicht, die Grundversorgung in Bad Saulgau, der größten Stadt im Landkreis, sicherzustellen“, so seine klare Forderung.

Der Allgemeinmediziner Dr. Erhard Zoll beschreibt die Schließung des Krankenhauses als ein „bedrückendes und unfassbares Ereignis“. „Ich kann nicht nachvollziehen, wie die Verantwortlichen, im Unterschied zu anderen Krankenhausschließungen bundesweit, die medizinische Versorgung in der größten Stadt des Landkreises so plan- und ziellos sich selbst überlässt“, sagt er. Immer wieder werde betont, dass die stationäre Versorgung nicht für die mangelnde ambulante Versorgungsstruktur verantwortlich sei.

Kritik an der SRH

Doch gerade hier hätte die Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH), die die Kliniken Landkreis Sigmaringen betreibt, im Vorfeld erheblich mehr leisten können, um bei der Verzahnung von Ambulanz und stationärer Versorgung ein harmonisches Miteinander zu fördern. „Das ist nicht geschehen “, fährt Zoll fort. „Da sehe ich große Defizite von deren Seite“, ergänzt er.

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Die Schließung schmerzt ihn auch ganz persönlich . „Unsere Praxis gibt es schon seit 100 Jahren, und wir hatten immer eine sehr enge und gute Beziehung zum Krankenhaus und zur ganzen Belegschaft“. Auch er fordert mit Nachdruck, die ambulanten Versorgungsstrukturen mit aller Kraft und allen zur Verfügung stehenden Fördertöpfen zu sichern und auszubauen.