Meterstab

Mit fünf Euro zieht Sigmarszeller in die Welt hinaus

Sigmarszell / Lesedauer: 4 min

Simon Hagen geht auf die Walz – Er darf nur eine Zahnbürste, Wechselwäsche und Werkzeug mitnehmen
Veröffentlicht:28.01.2015, 19:49
Aktualisiert:24.10.2019, 06:00

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Für den 24-jährigen Simon Hagen aus Sigmarszell-Heimholz geht es in die große weite Welt: Der junge Schmied geht auf die Walz – und beginnt damit eine drei Jahre und einen Tag lange Reise ins Unbekannte.

Der Meterstab zeigt 60 Zentimeter an, beim nächsten Messen sind es 75 Zentimeter. Aber nein, es reicht noch immer nicht. „Graben, Junge“, sagt Altgeselle Owe aus Nordfriesland zu Hagen, der sich mit einem löffelgroßen Werkzeug in die Tiefe arbeitet. Denn bevor das Loch nicht 80 Zentimeter tief und vorerst noch Geheimgehaltenes vergraben ist, darf Simon nicht über das Ortsschild an der Weiherstraße in Schlachters steigen. Und damit den letzten Schritt des Abschiedsrituals vollziehen, mit dem er seinem Heimatdorf für mindestens drei Jahre und einen Tag Adieu sagt.

Der Altgeselle führt ihn in die Sitten und Bräuche ein

Es ist gleichzeitig der erste Schritt auf der traditionellen Walz, auf die sich Simon am Montag begeben hat. Mit vielen guten Wünschen verabschiedet von seinen Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden und Nachbarn. Owe wird den 24-jährigen Schmied die ersten drei Monate begleiten, ihn in die Bräuche und Sitten der Walz einführen.

Rund die Hälfte der 30 Tippelbrüder und -schwestern aus den verschiedensten Handwerkszünften, die am Wochenende zu Simons Einkleidung und Losgehparty nach Heimholz gekommen waren, werden sich für kurze Zeit anschließen. „Wir holen ihn ab und begleiten ihn ein paar Tage“, erklären die 24-jährige Tischlerin Elli aus Kiel und Polsterin Franziska (25) aus Dornstadt im Landkreis Donau-Ries.

Beide sind – wie auch die anderen nach Sigmarszell gekommenen Wandergesellen – im „Freien Begegnungsschacht“. Diese Handwerkervereinigung wurde 1986 gegründet und lässt im Gegensatz zu anderen Traditionsschächten auch Frauen zu.

Bei den wandernden Gesellen bestimmen schwarze Cord-Schlaghosen, Westen und Jacken das Bild, wie sie Tischlerin Anika „aus der Schweriner Ecke“ und Schreiner und Holzbildhauer Simon aus Nordfriesland tragen. Franziska und Owe tragen die rote Kluft der Polsterer und Schneider. Schlosserin Wiebke aus Sörup – „zwischen Flensburg und Schleswig“ – hat, wie auch Simon Hagen die Traditionskluft aus blauem Zwirn-Doppel-Pilot an. Der Sigmarszeller hat sich für eine Melone als Kopfbedeckung entschieden, andere tragen Schlapphut oder Zylinder.

An den Bäumen stehen die gewundenen Wanderstäbe – Stenze genannt –, an die die Charlottenburger gebunden sind: Stoffbündel, in denen sich die wenige Habe der Wandergesellen befindet, wie Zahnbürste, Wechselwäsche und Werkzeug. Nicht mehr als fünf Euro dürfen die Gesellen mitnehmen. Diesen Betrag müssen sie am Ende ihrer Reise aber auch wieder mitbringen. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich durch ihre Arbeit unterwegs.

Nach gut drei Stunden schultern die Wandersleute ihre Stoffbündel – nachdem das von munteren Gesellenliedern begleitete Abschiedsritual beendet ist und zwei Flaschen im achtzig Zentimeter tiefen Loch vergraben sind: eine mit Familien und Freunden halb geleerte Schnapsflasche, eine zweite mit Glückwünschen, die Simon Hagen bei seiner Heimkehr wiederfinden muss.

Er hat das Ortsschild erklommen, auf dem steht, dass es nun in die große weite Welt geht. Und sich dann in die Arme seiner Handwerksbrüder fallen lassen, die ihn unter dem Beifall der Zuschauer hoch in die Luft werfen. Dann laufen die Wandergesellen, die zum Teil schon in aller Herren Länder waren, los in Richtung Weißensberger Weiher. Zusammen mit dem Sigmarszeller, der während der Wanderschaft seinem Heimatort nicht näherkommen darf als bis zur Bannmeile von 50 Kilometern.

Den Wunsch, auf die Walz zu gehen, hat der junge Schmied, der seine Ausbildung beim Meisterbetrieb Fäßler in Scheidegg gemacht hat und anschließend in der Stadtschmiede in Wangen arbeitete, schon länger gehegt. Er wolle sich beruflich und persönlich weiterentwickeln, erklärt er zu den Gründen. Andere Länder, Leute und Sitten kennenzulernen und seine Fertigkeiten auszubauen, sieht er als Bereicherung.

Wohin es ihn verschlagen wird, weiß er noch nicht: „Alles ist offen“, sagt Simon Hagen. Wo er auf seiner Reise arbeiten und schlafen wird, weiß er ebenfalls nicht. Wo und was das erste Ziel auf dem langen Marsch sein wird, ist auch noch ein Geheimnis. Das weiß nur Owe.