Gastfamilie

Ukrainerin geht aus Lindau zurück in ihre Heimat – dort fallen die Bomben

Lindau / Lesedauer: 4 min

Drei Monate lebte Anastasiia Horai in Lindau, dann reiste mit ihren Töchtern zurück in die Ukraine
Veröffentlicht:02.07.2022, 05:00
Aktualisiert:03.07.2022, 19:41

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Drei Monate lebte Anastasiia Horai bei einer Gastfamilie in Lindau. Dann packte sie ihre Koffer und reiste mit ihren beiden kleinen Töchtern wieder zurück in die Ukraine.

Seit vier Wochen lebt sie wieder in Schytomyr, einer Großstadt zwei Stunden westlich in Kiew. Gegangen sind sie, weil über ihrer Stadt die Bomben geflogen sind. Jetzt sind sie zurück und wieder heulen die Sirenen.

Es gibt zwei Tage, die wird Anastasiia Horai nie vergessen: Der Tag, an dem der Krieg begann, und ein Tag im Juni, an dem ihre Heimatstadt wieder bombardiert wird. Erst vor wenigen Tagen war die Mutter mit ihren Kindern zurückgekehrt.

Ich bin im Zimmer der Großen geblieben und die Kleine habe ich in den Armen gehalten.

Anastasiia Horai, lebt wieder in der Ukraine

Als die Sirenen losgehen, ist es halb vier in der Nacht. Anastasiia und ihr beiden Töchter, neun und zwei Jahre alt, wachen davon auf. „Ich bin im Zimmer der Großen geblieben und die Kleine habe ich in den Armen gehalten“, schreibt sie. Eine halbe Stunde später ist alles ruhig und sie legen sich wieder hin. Schon zehn Minuten später gibt es die nächste Explosion.

Um sich vor den Raketen zu schützen, will die Mutter sich mit ihren Kindern im Keller verstecken. „Aber unser Keller eignete sich leider nicht als Bunker“, schreibt Anastasiia Horai. Deshalb hat sie eine kleine Abstellkammer in dem Teil des Hauses eingerichtet, der ihr am sichersten erschien. „Da saßen wir, bis keine Sirenen mehr gingen, und zählten die Einschläge.“

Das Leben der Familie stellt sich auf den Kopf

Vor dem Krieg führten Anastasiia Horai, ihr Mann und die beiden Töchter Viktoria und Ilona ein gutes Leben. Sie hatten ein Haus, ein Auto, einen Job. Die 31-Jährige arbeitete als Buchhalterin in einem Unternehmen, das Käse herstellt. Die größere Tochter Viktoria ging in die Grundschule. Vor zwei Jahren kam dann noch Ilona zu Welt. Die Familie war glücklich.

Ende Februar flogen zum ersten Mal die Bomben über ihre Stadt. Als ihr Mann in den Krieg eingezogen wurde, floh die Mutter mit den Töchtern Richtung Westen. „Das war schlimm für uns“, sagt sie. Aber: „Es ging nicht mehr anders.“

Die Familie landete in Lindau und lebte drei Monate bei einer Gastfamilie. Es ging ihnen gut, sie fühlten sich willkommen, wurden von vielen Seiten unterstützt, sagte Anastasiia Horai damals. „Wir wurden warmherzig aufgenommen, die Menschen waren sehr offen.“

Ihren Mann sieht sie nicht, er ist im Krieg

Ihr Mann kämpft währenddessen an der Front im Donbass. Sie versucht weiterhin jeden Tag mit ihm Kontakt zu haben, aber es wird immer schwerer. „Wir träumen jeden Tag, dass die okkupierten Territorien befreit werden und wir endlich unseren Vater und Mann wiedersehen“, schreibt sie.

Sie will ihrem Mann nahe sein und ihrem Heimatland helfen – das sind Anastasiia Horais Gründe, warum sie zurückgekehrt ist. Immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Landkreis tun es ihr gleich. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Mehr Menschen gehen, weniger kommen

Auch Aurel Sommerlad bekommt die Rückreisen mit. Er hat zusammen mit anderen Lindauerinnen und Lindauern den Verein Hilfswerk Bodensee gegründet und Fahrten an die Grenzen gemacht, Unterkünfte für Menschen in der Region organisiert.

Die Menschen, die in Lindau bleiben, hätten das auch langfristig vor, gingen arbeiten und richteten sich mit ihren Familien ein, sagt er. Die, die gehen, würden das aus Heimweh und Sehnsucht nach ihren Familienangehörigen tun.

Diese Erfahrung hat auch die Zentralen Rückkehrberatung (ZRB) in Südbayern gemacht. Sie unterstützt normalerweise geflüchteten Menschen, die zurück in ihr Heimatland wollen und helfen auch finanziell mit Geldern des Staats.

Die Ukraine ist aber seit einiger Zeit von ihrer Liste gestrichen. Der Grund: „Es ist eine Kriegssituation und Menschenleben sind akut gefährdet“, sagt Projektleiterin Isabella Wlossek. Es sei aus ethischer Sicht fragwürdig, die Rückreise mit staatlichen Geldern zu fördern.

Möglichst normales Leben

Trotz der Sirenen, die durch ihre Stadt schallen, versucht Anastasiia Horai mit ihren Töchtern ein möglichst normales Leben zu führen. Sie gehen auf Spielplätze und zum Baden. Noch steht ihr Haus. Die Einschläge der Bomben waren am Rand der Stadt. Die Mutter und ihre Kinder hatten Glück. Sie wohnen in der Stadtmitte.