Hirnforscher zur Digitalisierung

Warum Multitasking nicht funktioniert

Lindau / Lesedauer: 5 min

In der digitalisierten Welt wird vieles gleichzeitig erledigt. Der Haken dabei: Wir werden schlechter bei dem, was wir tun, und dümmer.
Veröffentlicht:21.01.2023, 05:00
Aktualisiert:20.01.2023, 01:00

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Über Teams ploppt die Nachricht einer Kollegin rein, Freunde wollen in der Whats-App-Gruppe wissen, ob das Treffen am Abend klappt, und die Urlaubsbestätigung sollte auch noch schnell per Mail raus. In der digitalisierten Welt wird vieles gleichzeitig erledigt. Der Haken dabei: Wir werden schlechter bei dem, was wir tun und leider auch dümmer.

Warum wir als menschliche Wesen dringend Sendepausen brauchen, hat Professor Volker Busch, Psychiater und Hirnforscher aus Regensburg, beim Neujahresempfang der IHK sehr eindrücklich erklärt.

Der Wissenschaftler verlangte den Vertreterinnen und Vertretern der Lindauer Wirtschaft etwas ab, was es heute nur noch selten gibt: ungeteilte Aufmerksamkeit. Dabei machte er es ihnen leicht, seinem spannenden Ausflug in die Welt des Gehirns zu folgen. Denn Busch garnierte diesen nicht nur mit faszinierenden Erkenntnissen, sondern auch mit viel Humor. Ein klingelndes Handy inmitten des Vortrages zeigte aber, wo die Probleme liegen: bei Störquellen von außen, die ablenken.

Mit was wir unser Leben verbringen

Volker Busch ist keiner, der die Digitalisierung verteufelt. Seiner Meinung nach überwiegen die Vorteile klar. Allerdings machte er auch deutlich: „Wir zahlen einen Preis für die tolle digitale Unterhaltung.“

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Wie wichtig diese für uns geworden ist, zeigt eine Auflistung, die angibt, wie viel Lebenszeit ein Mensch im Lauf seines Lebens mit einzelnen Dingen verbringt: Gehe man von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren aus, fielen neun Jahre auf die Nutzung von Smartphones, sechs Jahre auf das Surfen im Internet und vier Jahre auf das Checken von Mails. Zum Vergleich: Küssen und „Anschlusshandlungen“ kommen nur auf sechs Monate.

Was in der „Welt des Aufmerksamkeitskonfettis“ verloren geht

Das Problem dabei: In der „Welt des Aufmerksamkeitskonfettis“ gehe laut Busch die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, verloren. Dabei sei sie wesentlich – für die Arbeit, aber auch, um ein empathischer Mensch zu sein. Denn Empathie sei mehr Kopf- als Herzenssache, sie gelinge nur, wenn man sich auf den anderen konzentriert.

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Was passiert da im Gehirn? Alle Eindrücke, die auf einen Menschen einströmen, werden von niedrigeren zu höheren Gehirnarealen weitergeleitet. Um zu wissen, welche Informationen wichtiger sind als andere, greift das Gehirn auf bisherige Erfahrungen zurück – und steuert damit die Aufmerksamkeit hin zu Dingen, die es in diesem Moment für wichtig hält. Bei Menschen, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom leiden, funktioniert diese Einordnung nicht. „Heutzutage haben wir alle ein bisschen ADHS“, sagt der Psychiater und meint damit nicht die Krankheit, sondern ein „soziologisches Phänomen“: Das digitale Dauerfeuer erschwere es, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

Die Produktivität sinkt, die Intelligenz nimmt ab

Das hat Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Untersuchungen zeigten, dass man bei der Arbeit im Schnitt alle vier Minuten unterbrochen wird. Für Busch ist klar: „Wir werden dadurch schlechter in dem, was wir tun.“ Das belegten Untersuchungen: Die Produktivität sinke dadurch bis zu einem Viertel, die Intelligenz nehme stark ab. Das hat auch Folgen für die Wirtschaft: geschätzte 58,5 Milliarden Euro Verlust.

Unser Problem ist keine schlechte Ausbildung, sondern die mangelnde Konzentration.

Volker Busch

Der Grund hierfür: Man könne sich nicht zwei Dingen geistig gleichzeitig zuwenden, betont Busch. Auch wenn das oft als Leistung gefeiert wird: „Eine echte Parallelität gibt es nicht, es ist immer ein entweder oder.“ Versuche man es doch, werde man langsamer (30 Prozent mehr Zeit) und mache mehr Fehler (plus 20 Prozent). Busch: „Unser Problem ist keine schlechte Ausbildung, sondern die mangelnde Konzentration.“ Die brauche es aber, um genau hinzuschauen und Dinge zwischen den Zeilen zu erkennen. Das gelte für Psychiater wie für Autoverkäufer. Eine Studie zeige beispielsweise, dass letzteren mehr Verkaufsabschlüsse gelingen, wenn kein Handy auf dem Tisch liegt.

So lässt sich Konzentration trainieren

Die gute Nachricht: Konzentration lässt sich trainieren. Doch wie gelingt „natürliches Gehirndoping“? Busch schlägt vor, sich „Fokuszeiten“ einzurichten und damit bestimmten Tätigkeiten seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Also beispielsweise zu lesen, ohne gleichzeitig Radio zu hören. Bei der Arbeit solle man sich für wichtige Erledigungen eine feste Stunde am Tag Zeit nehmen, in der man offline und auch nicht anderweitig erreichbar ist. „Das führt zu mehr Leistung und Entspannung“, sagt Busch, die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol verringere sich nachweislich.

Um die Kreativität zu fördern, müssen wir ab und an die digitale Nabelschnur durchtrennen.

Volker Busch

Auch kurze, aber mehrmalige Pausen förderten die Konzentration, wenn man sich „Panoramamomente“ gönne. Sich also nicht auf etwas fokussiere und auch keine Katzenvideos anschaut, sondern beispielsweise beim Spaziergang bewusst den Kopf ausschaltet und seine Gedanken schweifen lässt. Das Gehirn brauche das für wichtige „Aufräum- und Verknüpfungsarbeiten“ – um Emotionen zu bewältigen, Probleme zu lösen und Ideen zu finden. Volker Busch ist sich sicher: „Um die Kreativität zu fördern, müssen wir ab und an die digitale Nabelschnur durchtrennen.“