Hosensack

Unbeobachtet verschwinden Äpfel im Hosensack

Lindau / Lesedauer: 3 min

Auch früher war die Jugend nicht lammfromm – Ein paar Beispiele aus Lindau
Veröffentlicht:30.05.2016, 19:48
Aktualisiert:23.10.2019, 15:00

Von:
Artikel teilen:

In den vergangenen Tagen hat in Lindau und näherer Umgebung die Diskussion erneut an Fahrt aufgenommen, wie ungebührlich sich doch ein Teil der heutigen Jugend benehme. Verdruss und Ängstlichkeit, berechtigte Kritik, Hilflosigkeit und übersteigerte Empörung mischen sich dabei. Für Lindau und andere Städte ist das Thema jedoch nicht neu. Zwei Beispiele aus den vergangenen 100 Jahren mögen dies in Erinnerung rufen.

Jugendjahre auf der Insel in der starren „Kaiserzeit“

So erinnerte sich beispielsweise der Lindauer Journalist Walter Götzger 1980 an seine Jugendjahre auf der Insel in der starren „Kaiserzeit“ um 1910: „Man kannte die dunklen Hausgänge und knarrenden Stiegen der Altstadthäuser, wusste von geheimnisumwitterten Speichern und Dachluken, die über Giebel und Altanen hinweg den schönsten Ausblick auf See und Berge boten (…) Um manches Fenster der Gasse geistert irgendein harmloses Kindheitserlebnis – und sei’s nur das unvergessene Schimpfen einer alten Nachbarsfrau über den Lärm, den wir als spielende Kinder zumal an langweiligen Sonntagnachmittagen machten. Hatten wir nicht unentwegt – auf die Hausecken zwischen Schneeberggasse, Grub und Storchengässle verteilt - ‚Anschlägerles’ gespielt und die Stille damaliger Kleinstadtsonntage oft mit lautem Geschrei zerrissen?…

Wie oft war der umtriebige Geschäftsmann (Obsthändler Jacob Hungerbühler, K.S.) aus der Vorderen Metzgergasse hier mit dem Abladen ganzer Fuhrwerke beschäftigt! Für uns Lausbuben war es natürlich ein Spaß, in unbeobachtetem Augenblick eine Handvoll möglichst rotbackiger Äpfel im Hosensack verschwinden zu lassen…“.

Auch eineinhalb Generationen später fiel eine Minderheit der jungen Lindauer aus der ihr gesellschaftlich zugedachten Rolle. So schrieb die LZ unter der Überschrift „Unglaublicher Exzess – Wilder Vandalismus“ in der sittenstrengen bleiernen Adenauerzeit beispielsweise im Sommer 1960 über einen Prozess vor dem Lindauer Amtsgericht:

„Was sich drei Burschen im Alter von 19 bis 20 Jahren in der Nacht zum 9. März geleistet haben, ist bei uns wohl ohne Beispiel: Zwischen Nonnenhorn und Wasserburg, auf einer Länge von über einem Kilometer, hatten sie rechts und links der Bundesstraße 60 Beton-Leitpfähle mit Rückstrahlern umgerissen oder so beschädigt, dass sie unbrauchbar geworden waren. Aber damit nicht genug, rissen sie drei vor Straßeneinmündungen aufgestellte Pfähle mit Bundestraßen-Kennzeichen heraus, warfen die Wegweiser an der östlichen Abzweigung nach Nonnenhorn auf einen Acker, drückten zwei Kilometersteine um, verbogen an der Omnisbus-Haltestelle Hege das Halte-Schild und knickten außerdem die Hinweistafeln einer Privatpension, eines Hotels und die Ortstafel der Gemeinde Hege ab. Einer der Burschen hat zum Schluss noch das Glas von drei Scheinwerfern einer am Wegrand abgestellten Straßenwalze eingeworfen (…)

Der Staatsanwalt wies in seinem Plädoyer darauf hin, dass die beiden Brüder als Säufer und Unruhestifter- bekannt seien und bezeichnete es als charakteristisch für den Jüngeren, dass er im Rauschzustande einmal seinen kranken Vater blutig geschlagen und fortwährend drangsaliert habe, sodass dieser schließlich aus der eigenen Wohnung auszog (!)…“.

Die Polizei konnte die Täter ermitteln und vor das Lindauer Gericht bringen. Dessen Urteil lautete für die beiden Brüder auf jeweils vier Monate Gefängnis und für den dritten im Bunde auf sechs Wochen Gefängnis, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Den angerichteten Sachschaden hatten die drei gemeinsam zu bezahlen.

Fehlgeleitete Erziehung, nachzuholende gesellschaftliche Sozialisierung aber auch nur harmlose Kinderstreiche sind seit jeher auch in den bayerischen Bodenseegemeinden zuhause. Es kömmt darauf an, wie die Erwachsenenwelt damit umgeht.