Ukraine-Krieg

Kreis Lindau muss weitere 180 Flüchtlinge unterbringen

Lindau / Lesedauer: 5 min

Bisher ist der Kreis stolz, dass alle Flüchtlinge in Wohnungen leben. Das ändert sich: Wieso der Zeltplatz Sauters und eventuell die Fos-Turnhalle Notunterkünfte werden.
Veröffentlicht:25.01.2023, 05:00
Aktualisiert:24.01.2023, 01:00

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Die Nachricht hat Landrat Elmar Stegmann am Wochenende erhalten: In Kürze muss der Kreis Lindau 180 weitere Ukraine-Flüchtlinge unterbringen. Für das Landratsamt bedeutet das: in aller Schnelle neue Unterkunftsplätze schaffen.

So werden aktuell in Sauters Betten für bis zu 120 Menschen aufgestellt. Doch Stegmann ist sauer. Das macht er im LZ-Gespräch wie auch beim Treffen der Landkreis-Bürgermeister sehr deutlich.

Dass immer mehr Flüchtlinge ins Land kommen, nicht nur aus der Ukraine, sondern verstärkt auch wieder aus anderen Krisengebieten wie Afghanistan und Afrika, darauf weist der Lindauer Landrat seit Herbst bei jeder öffentlichen Gelegenheit hin.

Nun habe Bayern mitgeteilt bekommen, dass der Freistaat im Vergleich zu seiner Größe bisher zu wenig Flüchtlinge aufgenommen habe. Stegmann liest die entsprechende Nachricht vor. Das bedeutet, dass auch Landkreise wie Lindau, die ihre Quote schon fast erfüllt haben, weitere Geflüchtete unterbringen und für sie Platz finden müssen.

Leben in Wohnungen fördert Integration

Erst vor kurzem hat Stegmann im Interview mit der Lindauer Zeitung betont, dass der Kreis Lindau an der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen festhalten will: Die Erfahrung zeige, dass sich die Menschen besser integrieren könnten, wenn sie in Wohnungen in den verschiedenen Gemeinden des Landkreises leben. Bisher hat das Konzept funktioniert.

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Das Walter-Böckler-Haus in Sauters soll aufgrund steigender Flüchtlingszahlen wieder als Flüchtlingsunterkunft dienen. (Foto: Christian Flemming)

Doch mit den angekündigten weiteren 180 Ukraine-Flüchtlingen klappt das nicht mehr. „Wir haben sofort damit begonnen, Sauters zu reaktivieren“, schildert Stegmann im Gespräch mit der LZ. Heißt: Im Gebäude des Jugendzeltplatzes werden in Dach- und Untergeschoss Betten und Schränke für die Geflüchteten aufgestellt. Im Erdgeschoss befinden sich Küche und Aufenthaltsräume.

Fos-Turnhalle als weitere Notunterkunft

Maximal 120 Menschen können in Sauters untergebracht werden. Kommen die angekündigten vier Busse mit bis zu 180 Flüchtlingen schneller als erwartet, dann habe der Kreis die Fos-Turnhalle als weitere Notunterkunft für bis zu 130 Menschen in der Hinterhand.

Die will Stegmann aktuell aber noch nicht einrichten lassen: „Wir gehen nicht davon aus, dass die bis zu 180 Menschen gleichzeitig kommen.“ Zudem gebe es in den Unterkünften immer auch eine gewisse Fluktuation.

Die Bundesregierung duckt sich weg.

Landrat Elmar Stegmann

Das Problem, das der Landrat sieht: „In den Jahren 2015/16, als Sauters mit Flüchtlingen belegt gewesen ist, ging es immer um eine kurzfristige, vorübergehende Unterbringung.“ Jetzt jedoch sei eine längerfristige, eigentlich dauerhafte Unterkunft gefragt. Denn die angekündigten Flüchtlinge aus der Ukraine haben ein Bleiberecht, werden im besten Fall im Kreis Integrationskurse besuchen, Deutsch lernen und hier arbeiten.

„Bundesregierung duckt sich weg“

„Wir werden nicht mehr auf kleinteilige, dezentrale Verteilung Rücksicht nehmen können“, kündigte der Landrat am Montagnachmittag bei den Landkreis-Bürgermeistern an. Dort bat er um dringende Hilfe bei der Wohnungssuche.

Dort hat er aber auch deutliche Kritik am Vorgehen in der Flüchtlingsfrage geäußert: „Die Bundesregierung duckt sich weg.“ So fehlt nach seiner Ansicht in Deutschland „eine längerfristige Perspektive zur Flüchtlingspolitik“.

Es gibt im Kreis kein ungenutztes Potenzial, keinen Leerstand mehr.

Markus Reichart

Auch der Freistaat kommt bei Stegmann nicht ungeschoren davon. Denn der Landrat ist sauer, dass die Landesregierung für die Belegung von Turnhallen keine Miete zahlen will, sondern nur einen Minimalbetrag als Nutzungsausfallerstattung: „Es macht doch einen Unterschied, ob eine Turnhalle am Tag von Schülern und ein paar Vereinsgruppen fürs Training benutzt oder wochenlang rund um die Uhr von Flüchtlingen bewohnt wird.“

Können Baufirmen Lösungen bieten?

Stegmann ist nach eigenen Worten inzwischen mit Baufirmen im Gespräch, ob die kurzfristig auf freien Flächen Gebäude errichten können, die dann der Freistaat als Flüchtlingsunterkunft anmietet.

„Die Wohnraumnot ist das größte Problem“, sind sich Bürgermeister-Sprecher Ulrich Pfanner und seine Kollegen einig. „Es gibt im Kreis kein ungenutztes Potenzial, keinen Leerstand mehr“, fügt sein Stellvertreter Markus Reichart an.

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Im Unter- und Dachgeschoss des Gebäudes auf dem Jugendzeltplatz Sauters sind bereits die Doppelstock-Betten aufgestellt. Bis zu 120 Geflüchtete finden dort Platz. (Foto:  Basti/Landratsamt Lindau)

Er ist Bürgermeister von Heimenkirch: Die Marktgemeinde hat im Frühjahr bereits ihre Turnhalle für die Erstaufnahme von Ukraine-Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Reichart bietet jetzt wieder Hilfe an, „das Angebot steht“. Doch ihm ist auch klar: „Dass jetzt wieder mehr Flüchtlinge kommen, das kriegt keiner mit – weil es ja läuft.“

Auch Flüchtlinge brauchen Infrastruktur

Das könnte sich aber bald ändern. Dass der Landkreis jetzt kurzfristig das Haus in Sauters reaktiviert, finden die Gemeindechefs gut. Aber die Flüchtlinge bräuchten nicht nur ein Bett und ein Dach überm Kopf: Man dürfe die ebenfalls notwendige Infrastruktur nicht vergessen, ob Einkaufen, Behördengänge, Schule oder Kindergarten.

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Deshalb fordert der Weiler-Simmerberger Bürgermeister Tobias Paintner: „Es muss mehr Geld von oben kommen“, etwa für die Kinderbetreuung. Er schlägt auch vor, über Container-Lösungen nachzudenken, und zwar dort, wo die Infrastruktur zur Verfügung stehe. Auch in Pfanners Augen ist das eine bessere Lösung als Turnhallen zu belegen.

Den Landrat drückt unterdessen schon das nächste Problem: Je mehr geflüchtete Kinder und Jugendliche kommen, desto stärker sei das Lindauer Jugendamt gefordert. „Dafür brauchen wir mehr Personal“, hat Stegmann sowohl im LZ-Gespräch als auch vor den Bürgermeistern unterstrichen. „Das aber muss der Landkreis selbst bezahlen, dafür gibt es kein Geld aus Berlin und München.“

Und dass viele Flüchtlinge außerdem psychische Betreuung benötigen, das nehme weder die Bundes- noch die Landesregierung wahr.