Kriminalstatistik

Sexualdelikte und Callcenter-Betrug: Warum die Polizei besorgt ist

Lindau / Lesedauer: 5 min

Seit die Corona–Beschränkungen aufgehoben wurden, nimmt die Zahl der Straftaten in Lindau wieder zu. Auffallend stark ist der Anstieg in drei Bereichen - mit Video.
Veröffentlicht:17.03.2023, 05:00

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Seit die Corona–Beschränkungen aufgehoben wurden, steigt die Zahl der Straftaten wieder an. Während sie in vielen Bereichen auf ein ähnliches Niveau wie 2019 geklettert sind, gibt es drei Bereiche, die der Polizei Sorgen bereiten: Sie verzeichnet deutlich mehr Sexualdelikte, Callcenter–Betrügereien und Straftaten im Internet.

Polizeipräsidentin Claudia Strößner und Michael Haber, Leiter Kriminalitätsbekämpfung, stellten die Kriminalstatistik 2022 im Polizeipräsidium Schwaben Süd/West, zu dem auch Lindau gehört, am Donnerstag vor.

Im Präsidiumsbereich registrierte die Polizei insgesamt rund 39.200 Straftaten, von denen sie 74 Prozent aufklären konnte. Auf den Kreis Lindau kommen gut 5000 Straftaten, die Aufklärungsquote liegt bei etwas mehr als 80 Prozent.

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In der Stadt Lindau liegt die Zahl der Straftaten bei gut 3605. Die Aufklärungsquote ist dort mit rund 84 Prozent noch etwas höher.

Im Bereich des Präsidiums zählte die Polizei insgesamt 1261 Sexualdelikte, rund 93 Prozent wurden aufgeklärt. Das sind rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr — und sogar knapp 121 Prozent mehr als im Vor–Corona–Jahr 2019.

Wie Michael Haber erläuterte, fällt ein Großteil davon auf den Besitz und die Verbreitung von kinderpornographischen Fotos und Videos. „Das liegt an der zunehmenden Verfügbarkeit, aber auch an einer unreflektierten Nutzung von Sozialen Medien und Smartphones“, sagte er.

Auffällig sei der hohe Anteil junger Tatverdächtiger: Drei von vier Verdächtigen sind zwischen 14 und 21 Jahren alt. Aufklärungsarbeit durch Eltern und Schulen sei daher sehr wichtig.

Welche Rolle Dating–Apps spielen

Die Polizei hat 123 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung festgestellt. „In vier von fünf Fällen kennen sich Täter und Opfer“, sagte Haber.

Tatort sei häufig die Wohnung des Opfers. Der Polizei ist aufgefallen, dass sowohl Täter als auch Opfer immer jünger werden. Laut Haber spielen soziale Medien und Dating–Apps zunehmend eine Rolle bei der Anbahnung von Treffen — und somit auch den Straftaten. „Häufig wollen Männer mehr, als von der Frau gewünscht wird“, sagte er.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn in der Statistik tauchen nur die Straftaten auf, bei denen der Täter in unserem Bereich sitzt.

Michael Haber über Internet-Kriminalität

Claudia Strößner erläuterte, dass ein Teil des Anstiegs, der seit 2016 zu beobachten ist, dadurch zu erklären sei, dass Sexualdelikte enttabuisiert werden. Das liege zum einen an Gesetzesänderungen, zum anderen an öffentliche Debatten wie der Me–Too–Bewegung aus den USA. Opfer trauen sich häufiger, die Täter anzuzeigen.

Internet–Straftaten spielen eine immer größere Rolle. Die Polizei stellte in diesem Bereich 1822 Straftaten (plus 38,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) fest. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn in der Statistik tauchen nur die Straftaten auf, bei denen der Täter in unserem Bereich sitzt“, sagte Haber. Taten, die aus dem Ausland begangen werden, spiegeln sich gar nicht wider.

Wenn das Internet das Tatmittel ist

Unter den Überbegriff der Internet–Straftaten fallen Verbreitungsdelikte — wie eben die oben angesprochenen kinderpornographischen Inhalte — aber auch Hasskriminalität, Cyberangriffe auf Firmen, Labore und Arztpraxen, Fake–Shops, die mit angeblichen Sonderangeboten den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen, und Cybertrading.

Das bedeutet, dass über eine professionell aufgemachte Website Investments mit guten Renditen angepriesen werden, das Geld der Kunden aber nicht angelegt, sondern nur in die eigene Tasche gewirtschaftet wird.

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Michael Haber ist Leiter der Kriminalitätsbekämpfung beim Polizeipräsidium Schwaben Süd/West. (Foto: Barbara Baur)

Der dritte Bereich, der den Beamten große Sorgen bereitet, ist der Callcenter–Betrug mit insgesamt 2885 Fällen. Allein im Vergleich zum Vorjahr hat die Polizei eine Steigerung von 218 Prozent registriert. Der Schaden von 323 Fällen lag bei knapp 2,9 Millionen Euro, den höchsten Einzelschaden beziffert die Polizei mit 600.000 Euro.

Im Jahr 2022 haben die Täter einen neuen Weg gefunden, um ihre Opfer anzusprechen. Während sie vorher vor allem angerufen haben — Stichwort Enkeltrick und falsche Polizisten — melden sie sich inzwischen vermehrt über SMS und Messenger wie Whatsapp.

Unter Schock geben die Opfer alles

Sie geben sich als Sohn oder Tochter, der oder die in einer Notlage steckt. Sie fordern ihr Opfer auf, die alte Nummer zu löschen und ihnen Geld zu überweisen, um Schlimmeres abzuwenden. „In der Regel handelt es sich um vierstellige Summen, aber es läppert sich zusammen“, sagte Polizeipräsidentin Strößner.

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In extremen Fällen seien die Opfer breit, alles zusammenzukratzen und einem falschen Polizisten zu übergeben — häufig vor einem öffentlichen Gebäude. „Sie geben ihnen alles mit, was wertvoll ist: Bargeld, Schmuck, Gold, Silberbesteck.“

Trotz aller Prävention seien die Betrüger, die aus Callcentern im Ausland agieren, immer wieder erfolgreich. Deshalb will die Polizei verstärkt auch das Umfeld potenzieller Opfer auf die Masche aufmerksam machen: Bank–Mitarbeiter, Taxifahrer, Pflegekräfte.

„Im Schock gehen wir in einen Notfallmodus und verlieren die Fähigkeit, rational zu denken“, sagte Strößner. Die Polizei wolle das Thema verstärkt in den Fokus der Menschen rücken, sei es durch Bäckertüten, Briefumschläge oder kleine Pappaufsteller, die man sich neben das Telefon stellen kann. „Damit trotz Schock das Nachdenken einsetzt“, sagte Haber. „Das wirkt tatsächlich.“