Leserstammtisch

Reutin ist ein Transit-Stadtteil

Lindau / Lesedauer: 7 min

Beim Leserstammtisch der LZ war der Verkehr im Fokus
Veröffentlicht:24.01.2019, 16:42
Aktualisiert:22.10.2019, 13:00

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Ärger über Massentourismus und Verkehrschaos haben am Mittwochabend den Leserstammtisch der Lindauer Zeitung in Reutin dominiert. Etwa 25 Interessierte waren zur ersten Ausgabe des Gesprächsformats „LZ hört zu“ gekommen. Vertreter der Stadt erschienen ebenfalls, um sich den Fragen der Leser zu stellen.

Anwohner klagen über Verkehr durch Reutin

Der Verkehr geht den Reutinern gewaltig auf die Nerven. Am Berliner Platz treffen die Blechlawine der Tagestouristen Richtung Insel und der Verkehr von Norden auf der B12 aufeinander. Am Bahngelände warten die Touristenbusse. Staus sind nicht nur im Sommer die Regel. Beim Leserstammtisch machten deshalb einige ihrem Unmut Luft.

„Reutin ist ein Transit-Stadtteil. Nicht nur für die Touristen, auch auf der B12, wo viele in Richtung Österreich fahren“, brachte Jürgen Rockstroh die Stimmung auf den Punkt. Der Vertreter des Lindauparks, der selbst in Reutin lebt, glaubt zwar, dass der Weg von der Bundesstraßenkreuzung in Niederhaus über Reutin weiter nach Vorarlberg mindestens doppelt so lange dauert wie über die Autobahnbahnauffahrt Sigmarszell. Dennoch sind die Reutiner Verkehrsprobleme nicht von der Hand zu weisen.

So hörte LZ-Redaktionsleiter Dirk Augustin als Gastgeber in der Weinstube Reutin die Klage von Anwohnerin Angelika Reich : „Aus der Rickenbacher Straße kann ich schon fast gar nicht mehr in den Kreisel fahren.“ Reich fühlt sich durch den Verkehr stark gestört: „Zwischen all dem Lärm und mit der schlechten Luft ist das ein Leben zweiter Klasse im Osten der Stadt.“ Sie forderte für den Berliner Platz ein Gutachten über Belastung mit Lärm und und Abgasen. „Die letzte Emissionsmessung ist 1994 gemacht worden“; sagte Reich.

Jürgen Widmer , der Pressesprecher der Stadt Lindau nährte in seiner Antwort diese Hoffnung: „Solche Gutachten sind dieses Jahr noch im Rahmen der vorbereitenden Untersuchungen zur Neugestaltung des Berliner Platzes geplant.“ Im Rahmen dieser Untersuchungen lädt die Stadt zudem am 14. Februar alle Anwohner und Betroffenen zu einem Infoabend.

Der Massentourismus spült zu viele Autos in die Stadt

Reich sieht die Ursache für das Verkehrsproblem beim Massentourismus: „Die Stadt wird überrollt von Tagestouristen, die alle mit dem Auto in die Stadt fahren.“ Sie forderte einen sanfteren Tourismus, damit die Belange der Bürger wieder in den Fokus rücken. Damit ist sie weitgehend einig mit Stadtsprecher Widmer: „Wir wollen weg vom Tagesausflugsziel.“ Dafür seien die Sanierung des Cavazzen und der Bau der Therme die richtigen Maßnahmen. „So zeigen wir den Gästen, dass Lindau auch bei schlechtem Wetter viel zu bieten hat, dann bleiben die auch länger da“; erklärte Widmer. Ein Anfang sei auch schon gemacht, immer mehr Menschen würden länger Urlaub in Lindau machen. Hotelier Marc Hübler bestätigte das: „Ich merke, dass die Gäste nicht mehr nur eine Nacht bleiben, sondern teilweise deutlich länger.“ Das sei ein Ziel aller Hotelbesitzer, schließlich würden Gäste die länger bleiben eher zu Stammgästen werden.

Widmer wies aber auch drauf hin, dass die Stadt gegen manche Faktoren machtlos sei. „Durch den Terrorismus im Ausland gibt es einen Trend zu Inlandstourismus, dazu kam noch der lange und schöne Sommer“, meinte er. Außerdem steige die Mobilität der Menschen stetig, dem gerecht zu werden sei eine andauernde Herausforderung.

Wie wird die Neugestaltung des Berliner Platzes geplant?

Bis es konkrete Pläne für die Umgestaltung des Berliner Platzes gebe, werde es aber noch dauern. Stadt Lindau und Bahn AG haben in Zusammenhang mit dem neuen Reutiner Bahnhof und der Elektrifizierung der Bahnlinie nach München einen Zeitplan verabredet. Demnach soll im kommenden Jahr ein städtebaulicher Wettbewerb starten, in dem Architekten und Verkehrsplaner Konzepte für den Bereich zwischen Lindaupark und Bodenseeufer entwickeln sollen. Die Pläne umfassen dann den Verkehr mit allen Verkehrsarten, den Berliner Platz sowie die auf den Bahnflächen geplante neue Siedlung. Bis dahin gehe es darum, Ideen, Bedenken und Meinungen zu sammeln. Auch dafür sei die Bürgerwerft am 14. Februar um 19.30 Uhr in der Inselhalle gedacht, bei dem möglichst viele Reutiner ihre Wünsche äußern sollen.

Stadtrat Ulrich Jöckel (FDP) ist anderer Ansicht: Er findet, dass die Stadt zu viel Zeit verliert. „Die Bahn nutzt ihre alten Weichen bis Ende 2019, dann könnte man theoretisch anfangen zu bauen.“ Er fordert einen früheren Abriss des alten Bahnhofsgebäudes. Zudem solle die Stadt nicht nur den Vorgaben der Bahn folgen, die ihre Grundstücke bestmöglich verwerten wolle. Andererseits sei Entgegenkommen nötig, damit die Bahn mehr als das Allernötigste baut.

Dazu meldete sich auch Ex-Bauamtsleiter Klaus Burger zu Wort: „Eigentlich hätte die Stadt das in den 1990ern schon alles planen können. Aber das hätte damals viel Zeit und Psycho-Spielchen mit der Bahn gebraucht.“ Er warf OB Gerhard Ecker vor, er habe dann Lindauer Belange aus dem Blick gelassen, weil er endlich eine Lösung wollte.

Wie überqueren die Reutiner in Zukunft die Bahngleise?

Auf einen neuralgischen Punkt beim neuen Bahnhof wies Willi Kleiner hin. Die Bahn wolle den Steg zu den Bahnsteigen nur mit kleinen Aufzügen ausstatten. Aber: „Insbesondere die ganzen E-Bike-Fahrer brauchen Aufzüge mit ihren schweren Rädern.“ Zähle man dann noch Rentner, Behinderte und andere Nutzergruppen zusammen, seien die Aufzüge nicht in der Lage den Anforderungen gerecht zu werden. Stattdessen müsse es Rampen geben. Außerdem sei es nötig, den Steg vom Lindaupark über die Bregenzer Straße und den Bahnhof hinweg zum Bodensee hin zu verlängern.

Rampen zu den Gleisen fordert auch die Stadt, während die Bahn diese aus Kostengründen ablehnt. Das letzte Wort in der Sache hat jetzt das Eisenbahnbundesamt. Stadtsprecher Widmer meinte dazu: „Wie man in Biberach sieht, handelt man sich mit den Aufzügen der DB sowieso nur Probleme ein. Die funktionieren schlecht.“

Aber den Steg zwischen Lindaupark und Bodensee plant die Stadt lieber unabhängig von der Bahn. Er habe das auch erst nicht verstanden, sehe das inzwischen aber ein, erklärte Rockstroh: „Es ist besser, auf zwei Stege zu setzen. Einen eigenen zu den Gleisen von der Bahn und einen als Überquerung der Gleise.“

Stadtrat Jöckel pflichtete dem bei, bedauert aber, dass sich die Stadtratsmehrheit von den Plänen für eine Unterführung, den sogenannten Fly Under, am Berliner Platz, verabschiedet hat. Für ihn wäre das nach wie vor die beste Lösung, um Staus zu vermeiden. Zudem bezweifelt er immer noch, dass dieses Bauwerk einen massiven Eingriff in das Stadtbild zur Folge hätte. Widmer hielt dem entgegen, dass das zuständige Staatliche Bauamt diese Lösung ohnehin abgelehnt hat.

Wo parken künftig die Touristen und wo die Insel-Pendler?

Beim Thema Tourismus war das Thema Parken nicht weit. Reich und andere Reutiner forderten, vor dem Berliner Platz Auffangparkplätze zu schaffen, damit die Autos der Tagesgäste gar nicht erst bis zum Berliner Platz kommen. Widmer erklärte, dass die Stadt bereits ähnliches vorhabe, das Shuttle zur Insel soll ein Zug sein oder ein Schiff vom Reutiner Ufer. Reich forderte, das Parkhaus am Karl-Bever-Platz nicht zu groß zu bauen, damit es Gäste nicht anzieht. Die Verwaltung sehe das ähnlich und halte deshalb am Beverplatz 500 Stellplätze für ausreichend, erwiderte Widmer, aber die Stadtratsmehrheit fordere bisher ein größeres Parkhaus direkt vor der Insel. Entschieden ist dort aber noch nichts. Damit muss sich der Stadtrat noch endgültig befassen. Und dann steht ein Bürgerentscheid im Raum, bei dem die Reutiner ihre Interessen vertreten wollen, wie nicht nur Reich deutlich machte.