Rettungsdienste

Patient zu Notarzt: „Toll, dass Sie da sind. Die Taxi-Zentrale hatte zu“

Lindau / Lesedauer: 4 min

Der Rettungsdienst muss immer mehr Einsätze leisten. Auch, weil viele Menschen den Krankenwagen wegen Kleinigkeiten rufen. Der Stress steigt, die Wertschätzung sinkt.
Veröffentlicht:19.01.2023, 05:00

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Der Rettungsdienst in Lindau muss immer mehr Einsätze leisten. Auch, weil viele Menschen den Krankenwagen wegen Kleinigkeiten rufen. Für die Rettungsdienstler steigt der Stress und die Attraktivität des Berufes sinkt.

Es sind Vorfälle, die zu denken geben. „Toll, dass Sie da sind. Die Taxi-Zentrale hatte schon zu,“ sagten Leute, die den Notruf gewählt hatten, zu Rettungssanitätern der Lindauer Rettungswache und Notärzten. Manche geben zu: „Mit euch geht es schneller.“ Das berichtet der BRK-Kreisgeschäftsführer Roman Gaißer. Obwohl die Erkrankung eigentlich ein Fall für den Hausarzt wäre, wählen Menschen immer häufiger die 112, so Gaißer.

Schwere Atemnot, Bewusstlosigkeit oder Schlaganfälle: All das sind Fälle für den Notdienst. Hohes Fieber, Bauch- oder Rückenschmerzen sind es nicht. Anstatt sich von Verwandten oder Bekannten fahren zu lassen, rufen Patienten teilweise den Notruf. Die Zahl der Bagatell-Einsätze steigt, sagt Gaißer.

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Das zeigen auch die Zahlen. Bei der integrierten Leitstelle in Kempten, bei der auch die Notrufe aus dem Lindauer Landkreis eingehen, läutet es immer häufiger. Die Zahl ist innerhalb eines Jahres um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Sind die Fälle keine Notfälle, verweist die Leitstelle an Hausärzte oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Im vergangenen Jahr ist das im gesamten Allgäu 4500 Mal vorgekommen. Tendenz steigend. Und das obwohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle abfragen, wo der Patient sich befindet und was vorgefallen ist.

Nummern sind nicht bekannt

Nicht immer kann die Leitstelle solche Fälle abfangen. Es komme auch vor, dass die Informationen der Anrufer zu ungenau seien oder Fälle nicht richtig eingeschätzt werden, sagt der Leiter der Leitstelle, Marco Arhelger.

Die Kräfte rücken dann aus, werden aber vor Ort nicht gebraucht. „Auch das passiert häufig“, so Arhelger. An anderer Stelle, dort wo wirklich ein Unfall passiert ist, fehlen dann Rettungswagen und Sanitäter, Einsätze verzögern sich. Kollegen aus benachbarten Kreisen müssen einspringen.

Vereinsamung und Verwahrlosung sind laut Gaißer weitere Gründe dafür, dass Menschen immer häufiger den Notruf wählen. Dass der Rettungsdienst an seine Grenzen stößt und die Belastung steigt, liege aber auch daran, dass viele nicht die Notrufnummern kennen.

Ein Großteil der Bagatell-Anrufe seien Fälle für die 116 117, den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Oder: „Weil sie die 116 117 nicht erreichen, landen sie beim Rettungswagen“, sagt Gaißer. Arhelger von der Leitstelle betont aber auch: „Wer sich nicht sicher ist, soll bei uns anrufen.“

Gesundheitssystem überlastet

Dass man über die Nummer des Bereitschaftsdienstes erst spät Hilfe bekommt, kommt vor. Vereinzelte Beschwerden oder Unstimmigkeiten seien bei so vielen Fällen im Jahr nicht zu vermeiden, schreibt ein Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, die die Hotline betreibt. Prinzipiell sei immer jemand zu erreichen. Zu Spitzenzeiten, wie Weihnachten und Silvester könnten die Wartezeit auch mal länger als zehn Minuten sein.

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Dazu kommen strukturelle Probleme. „Wir haben den Eindruck, dass das Gesundheitswesen seit der Pandemie belastet ist. Da fällt den Leuten nur noch die 112 ein“, sagt Marco Arhelger. Vielerorts seien Notaufnahmen überbeansprucht, Hausärzte ohne Termine.

„Die Belastung für unser Team ist allgemein hoch, zu Spitzenzeiten auch höher“, sagt der Sprecher der Asklepios-Klinik, Christopher Horn.  Ähnlich wie in anderen Kliniken kommt es daher an manchen Tagen zeitweise zu Teilabmeldungen einzelner Bereiche, wenn in der Klinik eben gerade besonders viele schwere Fälle stationär versorgt werden müssen.

Die Ansprüche an Rettungskräfte nehme zu, so Gaißer. Und die Qualität der Einsätze sinke. Unter alldem leide die Attraktivität des Berufes. Dabei sucht das BRK händeringend nach Ehrenamtlichen in allen Bereichen. Dass die Haltung gegenüber Rettungskräfte sich verschoben hat, zeigen viele Beispiele. Roman Gaißer erzählt auch, dass Patienten am Einsatzort angeboten haben, den Rettungsdienst für seine Fahrt ins Krankenhaus zu bezahlen.


Wann ist die 112 und wann die 116 117 richtig? Nicht immer ist der Notruf die richtige Nummer. Manchmal kann auch der Bereitschaftsdienst helfen. Diese Tipps gibt die KVB:

Beispiele für Erkrankungen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können:

  • Erkältung mit Fieber, höher als 39 °C
  • anhaltender Brechdurchfall bei mangelnder Flüssigkeitsaufnahme
  • starke Hals- oder Ohrenschmerzen
  • akute Harnwegsinfekte
  • akute Rückenschmerzen
  • akute Bauchschmerzen

Beispiele für den Notdienst

  • Bewusstlosigkeit oder erhebliche Bewusstseinstrübung
  • schwere Atemnot
  • starke Brustschmerzen oder Herzbeschwerden
  • starke, nicht stillbare Blutungen
  • Unfälle mit Verdacht auf starke Verletzungen
    Vergiftungen
  • starke Verbrennungen
  • Ertrinkungsunfälle