Antikriegstag

Ein Guggenheim in Lindau

Lindau / Lesedauer: 4 min

Vom jüdischen Antiquar Josef Guggenheim gegenüber dem Lindauer Bahnhof
Veröffentlicht:01.09.2019, 06:00
Aktualisiert:01.09.2019, 06:01

Von:
Artikel teilen:

Dieses Jahr wird zum 20. Mal der „Europäische Tag der jüdischen Kultur“ begangen, diesmal am 1. September, dem Internationalen Antikriegstag. Anlass genug, an den ehemaligen Lindauer Antiquar und Tabakwarenhändler Josef M. Guggenheim zu erinnern, dessen Familienname für Kunstinteressierte insbesondere von New York her einen interessanten Klang hat.

Josef Moritz Guggenheim wurde am 13. Oktober 1846 in Gailingen geboren, einem kleinen Dorf am Hochrhein, etwas flussabwärts von Stein am Rhein gelegen. Gailingen, an die Südseite des Randen angelehnt, war im 19. Jahrhundert eine der bekanntesten südbadischen Landgemeinden mit einem außergewöhnlich hohen Anteil an Menschen jüdischen Glaubens. Im Jahre 1860 belief sich ihr Anteil an der Einwohnerschaft auf etwa fünfzig Prozent. Ebenso waren die Hälfte der gewählten acht Gemeinderatsmitglieder mosaischen Glaubens. Die weitverzweigte Sippe der jüdischen Guggenheims im Dorf selbst sowie im Nachbardorf Randegg war recht zahlreich und in verschiedene Familienstammbäume gegliedert. Leopold Guggenheim wurde 1870 erster und hoch angesehener jüdischer Bürgermeister im Großherzogtum Baden.

Josef Guggenheims Eltern waren Rosetta Bloch und ihr Ehemann, der Antiquar G. Moritz Guggenheim. Auch ihr Sohn Josef erlernte den bürgerlichen Kaufmannsberuf des Altertümersammlers (Antiquar), welcher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine erste Blüte erlebte. Bekanntester Antiquar der Bodenseeregion war damals der auf der Meersburg wohnende Schwager der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, Josef Freiherr von Laßberg.

Am 5. April 1875 heirateten Josef Guggenheim und die aus einer anderen Gailinger Guggenheim-Familie stammende und elf Jahre jüngere Betti Guggenheim. Mit Moritz (1876), Robertina (1878) und Lina (1880) brachte Betti Guggenheim noch in Gailingen drei Kinder auf die Welt, von denen allerdings Robertina bereits am Tag nach ihrer Geburt wieder verstarb. Ihre zweite Tochter, Frida, wurde im März 1882 bereits in Lindau geboren. Ihr 1884 in Lindau geborener Sohn Simon verstarb im Alter von knapp zwei Jahren wieder.

Am 12. November 1891 inserierte Josef Moritz Guggenheim im Lindauer Tagblatt eine Änderung seiner Geschäftstätigkeit. „Nebst meinem Antiquitätengeschäft habe ich ein Cigarrengeschäft damit verbunden, und setze hiermit das geehrte Publikum gefälligst in Kenntnis, dass es mein Bestreben sein wird, nur gute und geschmackhafte Waren zu führen und bitte um geneigten Zuspruch. Hochachtungsvollst J. M. Guggenheim, Kunst- und Antiquitätenhandlung im ehemaligen Schrader’schen Laden.“

Vom Brettermarkt an Bahnhof

Zuvor hatte die Familie im Haus von Weinwirt Stoffel am Lindauer Brettermarkt gewohnt. Im Februar 1893 meldete Josef Guggenheim noch von „gegenüber dem Bahnhof“, dass er so lange der Vorrat reiche, „einen größeren Posten Cigarren, wohl schmeckend und abgelagert, das Kistchen enthaltend 100 Stück zu zwei Mark (…) abgebe.“ Doch bereits zwei Monate später informierte seine Frau per Todesanzeige, dass ihr erst 46 Jahre alter Mann am 9. April 1893 „nach schwerem Leiden“ verstorben sei. Er wurde auf dem 1667 errichteten jüdischen Friedhof am Südhang des Randen in Gailingen beigesetzt. Jüdische Friedhöfe, im jüdischen Glauben als „Haus des ewigen Lebens“ bezeichnet, werden jeweils von einer „Heiligen Bruderschaft“, der Chewra Kaddischa, betreut. Männliche Besucher haben dort eine Kopfbedeckung, einen Hut oder die jüdische Kippa zu tragen. Als Zeichen, dass die dort beerdigten nicht vergessen wurden, wird bei Besuchen ein Kieselstein auf den Grabstein (Mazewa) gelegt. Blumenschmuck ist im orthodoxen Judentum verpönt, da Menschen sich am Tod auch nicht indirekt erfreuen sollen.

Zehn Tage nach dem Tode ihres Mannes und nach „Rückkehr von unserer Trauerreise“ bedankte sich Betti Guggenheim mit ihren drei Kindern im Lindauer Tagblatt bei „allen unseren Freunden und Bekannten für die aufrichtigen Beweise aufrichtiger Teilnahme (…) sowie auch für die überaus zahlreichen Blumenspenden und Condolenzschreiben.“ Am 1. Januar des Jahres 1900 verließ die Witwe Guggenheim Lindau und zog nach München.