Vorurteil

Max macht’s zum dritten Mal

Lindau / Lesedauer: 5 min

Kandidaten-Porträt (1): Max Strauß kandidierte bereits vor 30 Jahren das erste Mal für den OB-Posten
Veröffentlicht:30.01.2012, 16:45
Aktualisiert:25.10.2019, 12:00

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Der Mann provoziert Vorurteile. Er sei ein Berufsjugendlicher, ein Basisdemokrat, der keine Entscheidungen treffen könne, und zudem wolle er gar nicht Oberbürgermeister werden. Kurz: Seine politischen Gegner greifen tief in die Klischeekiste.

Max Strauß , Kandidat der Bunten Liste, ist dies schlichtweg egal. Immerhin kandidiert er bereits das dritte Mal für den OB-Posten. Das erste Mal vor 30 Jahren, dann 2006. Beim ersten Mal gab es einen Achtungserfolg, 2006 rückte er mit mehr als 46 Prozent der Amtsinhaberin bedrohlich nahe.

Strauß wirkt auch in der heißen Phase des Wahlkampfs tiefenentspannt. Ob es an der wöchentlichen Yoga-Stunde liegt, die der Kandidat der Bunten Liste nimmt? Vielleicht. Er selbst führt noch eine andere Begründung ins Feld: „Ich mache doch jetzt nicht für vier Wochen plötzlich Wahlkampf. Mein Wahlkampf hat schon im Monat nach der vergangenen OB-Wahl begonnen. Von daher bin ich in meinen Aussagen auch überprüfbar. Ich setze mich im Stadtrat für meine Ziele schon seit Jahren ein“, sagt Strauß.

Wobei er auch dazu steht, dass er wohl selten einen Diplomaten-Pass für seine Aussagen bekommen würde. „Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Wenn ich der Meinung bin, dass man die Steuern erhöhen muss, dann sage ich das auch - wie jetzt - vor der Wahl. Das ist vielleicht taktisch unklug, aber ehrlich.“

Ähnlich direkt geht er mit den Klischees um, die ihm angehängt werden. Berufsjugendlicher? „Ich bin mit 57 der älteste der Kandidaten. Das Vorurteil kommt aus meinem Engagement im Club Vaudeville , der als sozio-kulturelles Zentrum eine wichtige Rolle in der Stadt spielt.“ Entscheidungsschwach? „Ich arbeite als Produktionsleiter, war auch schon selbständig. Betriebe lassen sich nicht basisdemokratisch führen – Verwaltungen auch nicht.“

„Ich bin mir sicher, ich kann OB“, gibt er sich selbstbewusst. „Ich brauche nur die Chance, es zu zeigen. Wir Bunten haben jetzt mehr als 20 Jahre die Erfahrung gemacht, dass unsere Ideen erst abgelehnt werden, um später in den Anträgen anderer Fraktionen aufzutauchen. Unsere Positionen sind in der Bevölkerung längst angekommen.“ Den Einwand, er sei nicht wie seine drei Konkurrenten ein Verwaltungsfachmann, kontert er trocken: „Einarbeiten muss sich jeder, vielleicht ist es ein Vorteil, wenn mal ein Handwerker übernimmt.“

Strauß fährt Auto

Das Image des Aussteigers hat sich eh längst erledigt. Er wohnt mit Ehefrau Bigsy in einem Haus in Zech – inklusive Garten und Stellplatz vor dem Haus. „Natürlich fahre ich auch manchmal Auto. Aber die Frage ist, welche Verkehrsmittel ich fördere.“ Strauß, das ist kein Geheimnis, setzt auf Stadtbus und Rad. Oder geht einfach zu Fuß.

Seit 2003 wohnt er im Zech. Das ist ein lebendiger Stadtteil“, lobt er. Er zählt auch gleich die Vorteile auf: „Ich bin schnell am See, schnell auch mal in Bregenz und vor allem schnell im Wäsen.“ Der Wäsen markiert einen Meilenstein im politischen Engagement von Strauß und der Bunten Liste. „Wäsen-Krieg“ nannten die Lindauer die Auseinandersetzung, als dort eine internationale Jugendbegegnungsstätte ins Naturschutzgebiet gebaut werden solle. Strauß und die Bunte Liste wehrten sich, und bekamen mit dem Tierschützer Horst Stern prominente Unterstützung. Es war ein erster sichtbarer Erfolg für die Bunten. Den Wäsen hat Strauß sich als Lieblingsplatz in Lindau erkoren. Dort geht er gern spazieren.

Strauß weiß aber auch, dass im Zech viele Menschen wohnen, deren Brot nicht auf beiden Seiten gebuttert ist. Menschen, die in ihm weder den Stadtrat noch den kommenden OB sehen, sondern nur den „Max“. Wie weit dies geht, zeigt eine Episode, die Strauß gern erzählt. Gegenüber seines Hauses steht ein GWG-Block. Als dort die Spülung in einer Wohnung nicht funktionierte, kam der Mieter einfach über die Straße. „Da kann ich auch nicht nein sagen“, so Strauß, „ich übernehme immer Verantwortung. Das tue ich in Lindau seit 30 Jahren, das ist nicht als Hobby zu betreiben, sondern nur mit viel Herzblut.“

Geborener Lindauer

Dieses Herzblut kommt nicht von ungefähr. Wenn es etwas gibt, woran Strauß fast so hängt wie an Familie und Freunden, dann ist dies Lindau. Hier wurde er geboren. „Als Hausgeburt in Reutin“, fügt er an und zerstört auch gleich das Klischee, er sei ein Ur-Zecher. „Ich muss kein Lindauer mehr werden. Ich bin einer“, sagt er mit Blick auf seinen Konkurrenten Klaus Tappeser.

Er ist Lindau treu geblieben, aber auch den Freunden aus der Anfangszeit. Die Stadträte Alexander Kiss, Ulrich Kaiser oder Kreisrätin Ulrike Lorenz-Meyer sind seit den Anfängen Weggefährten. Sie machten sich damals auf zum Marsch durch die Instanzen, weil sie sich von der Verwaltung und den Stadträten untergebuttert fühlten, als sie ein Rockkonzert veranstalten wollten.

„Natürlich waren wir immer Opposition, haben aber dennoch viel erreicht“, so Strauß. Bei der letzten Stadtratswahl holte er die zweitmeisten Stimmen aller Stadträte. Jetzt will er Oberbürgermeister werden. Und wenn es nicht klappt, dann wird er wohl einfach weitermachen wie bisher: Ganz entspannt – aber mit viel Herzblut.