Bahnhofsgebäude

Lindauer Bahnhof feiert seinen 100. Geburtstag – Wie alles begann

Lindau / Lesedauer: 6 min

Zum Jubiläum lohnt sich ein Blick auf die bewegte Geschichte – Kulturamt plant Geburtstagsgeschenk
Veröffentlicht:15.12.2021, 05:00
Aktualisiert:01.02.2022, 17:55

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Das alte dreiteilige Lindauer Bahnhofsgebäude von 1853 war zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst nicht mehr zeitgemäß. Die Züge der nördlichen Bodenseegürtelbahn Richtung Friedrichshafen standen seit 1899 an einem nicht überdachten Bahnsteig, die Wartesäle zweiter und dritter Klasse waren zu düster und klein, die Arbeitsräume des Bahnhofspersonals waren im Winter nur schlecht heizbar dafür im Sommerhalbjahr oft überhitzt. Und an heißen Tagen roch das Bahnhofsgelände übel nach den überlasteten Toilettenanlagen.

Immer mehr drang die Stadtpolitik auf ein Ende dieser unerfreulichen Zustände, welche auch den jährlich rund 325 000 Fahrgästen in täglich rund 120 Zügen der Verkehrsdrehscheibe Bahnhof mit Hafen Lindau nicht mehr gerecht wurden. Ein neuer Bahnhof musste her.

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1913 endlich wurde mit dem Neubau des Stadtbahnhofes begonnen, nun als reiner Personenbahnhof mit Gleisverbindung zu den Trajektgüterschiffen an der Leuchtturmmole. Der Erste Weltkrieg bescherte dem Bahnhofsneubau allerdings ab 1915 als provisorisch überdachter Rohbau eine längere Unterbrechung. Der Zugbetrieb lief während der ganzen Bauzeit weiter.

Ab dem Frühjahr 1919 ließ das nun republikanische Bayern die Bauarbeiten trotz kriegsbedingt beginnender Preisinflation wieder aufnehmen. Der an der Planung beteiligte Augsburger Architekt und Oberregierungsbaurat W. Heilmann beschrieb den imposanten Neubau in unmittelbarer Hafennähe 1923 folgendermaßen: „Nachdem die im Gebäude befindlichen Wohnungen möglichst bald bezugsfähig gemacht und die Räume für die Schiffszollrevision und die Bureaus der Betriebs- und Bauinspektion seinerzeit sogleich nach Fertigstellung belegt werden mussten, ist am 15. Dezember 1921 der Betrieb nebst Fahrkartenausgabe und Gepäckabteilung in das neue Gebäude übergesiedelt und dieses damit dem Verkehr übergeben worden. Der Umzug der Bahnhofswirtschaft erfolgte in der ersten Hälfte des Januar 1922“, schrieb er.

Neubau trägt der Lage Rechnung

Der Neubau trage der bedeutsamen Lage Lindaus als Eingangspforte des Reiches und internationalem Verkehrsplatz vollauf Rechnung. „Mit Rücksicht darauf, dass das Gebäude den Seestürmen stark ausgesetzt ist, wurde auch an der Verwendung der besten Baustoffe festgehalten, was sich durch die geringeren Unterhaltskosten als wirtschaftlich erweisen wird“, schrieb Heilmann weiter.

Er beschreibt die große, im Erdgeschoss zentral gelegene Schalterhalle, an die sich die Räume für Fahrkartenausgabe, Gepäck, Geldwechsel sowie die breiten Verkehrsgänge unmittelbar anschließen. „An bedeutsamen Stellen ist plastischer Steinschmuck angebracht. Vor allem fällt dem von der Stadt her Kommenden der wuchtig hervorragende Schalterhallenbau auf, dessen Zweckbestimmung in den großen doppelten Eingangstüren und den vier mächtigen Fenstern sinnfällig in Erscheinung tritt.“

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Dieser Bauteil sei auch stofflich hervorgehoben und bis zum Hauptsims in gestocktem Beton aus Kleingeschläge des Cannstädter Travertins hergestellt, „dessen warme gelbliche Tönung voll zur Geltung kommt“. Den mächtig verputzten Giebel beschreibt er mit einer in Travertin gehauenen Uhrengruppe, Tag und Nacht darstellend, geschmückt.

„Die Uhrenanlage ist elektrisch betrieben“, schrieb Heilmann. „Im Telegraphenbureau ist eine Hauptuhr mit Rieflerschem Nickelstahl- Kompensationspendel I. Klasse und automatischem Selbstaufzug aufgestellt, von welcher sämtliche durch Schwachstromleitungen angeschlossenen Nebenuhren in unmittelbarer Abhängigkeit sind.“

Gesamtkosten liegen bei 50 000 000 Mark

Die Gesamtkosten des Gebäudes und der Nebenanlagen betrugen ungefähr 50 000 000 Mark. In Friedenszeiten waren nur rund 1 570 000 Mark veranschlagt worden. Doch ein Teil der Rohbauarbeiten sowie der gesamte Innenausbau, ferner die Bahnsteige und ihre Überdachungen mussten in einer Zeit ständiger Lohn- und Baustoffsteigerungen erstellt werden.

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1922 wurden die bisherigen Gebäude abgerissen, neue Bahnsteige angelegt und überdacht sowie der Fußgängersteg über die neuen Gleisanlagen nach Westen hin verlängert. Bis 1924 wurden die Stellwerke 1 bis 4 errichtet Seit 1924 verliefen nun vier Gleise auf dem Bahndamm: zwei von und nach München sowie Friedrichshafen und zwei von und nach Reutin.

1926/27 wurde am Bodenseeufer südwestlich der Gleise Gelände aufgefüllt. Ursprünglich für eine Bahnhofserweiterung vorgesehen, wurde daraus 1928 der Uferweg, seit 1954 der „Schützingerweg“, der östliche Teil durch die Eisenbahn, der westliche zur Karlsbastion hin von der Stadt errichtet.

Neuer Titel: Hauptbahnhof Lindau

Infolge seiner weiter angewachsenen Bedeutung als Bahnhof aller Zuggattungen sowie täglich zahlreicher nationaler und internationaler Züge verlieh ihm die Reichsbahndirektion 1936 den Titel Hauptbahnhof Lindau. Inzwischen versuchten über ihn seit 1933 vom NS-Regime Verfolgte Menschen zunehmend einerseits in die Schweiz zu fliehen, und es wurden Lindauer Häftlinge über den Bahnhof in das KZ Dachau transportiert.

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Andererseits wurden nun verbotene deutschsprachige Zeitungen beispielsweise aus der Schweiz über Lindaus Kombination von Hafen und Bahnhof nach Süddeutschland hineingeschmuggelt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs1939 fanden auf den Bahnsteigen immer häufiger Abschiedsszenen mit zum Krieg einberufenen Soldaten sowie umgekehrt mit zurückkehrenden Verletzten statt. Durch Arbeit zuvor zugrunde gerichtete KZ-Häftlinge warteten in Güterwagen auf ihren Rücktransport ins Lager Dachau.

Mit dem nahenden Ende von NS-Herrschaft und Krieg kamen immer häufiger Flüchtlinge aus zerbombten Städten an. Das Personal, nun verstärkt nicht mehr nur männlich, musste noch bis 1946 im unvollständig beleuchteten und zeitweise nicht beheizbaren Bahnhofsgebäude weiterarbeiten.

Fußballweltmeister kommen per Sonderzug

1954 wurden von Österreich und der Schweiz her die östlichen drei Gleise im Bahnhof elektrifiziert. Im Juli des gleichen Jahres kam die westdeutsche Fußballweltmeister-Mannschaft per Sonderzug nach Lindau, übernachtete hier, bevor sie erneut per Zug nach München weiterfuhr. Die Bahnsteige des Bahnhofes hatten bereits seit Mitte der 1920er Jahre eine wachsende Zahl an Sonderzügen empfangen.

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Nach 60 Jahren wurden 1982 die gewölbten Bahnsteigüberdachungen durch die heutigen langweilig flachen ersetzt, am 1. Oktober 1994 begann die neu gegründete Deutsche Bahn AG mit der Degradierung des Lindauer Hbf. Die Stelle des Lindauer Bahnhofsvorstandes für damals noch rund 200 Beschäftigte von Nonnenhorn bis Röthenbach wurde nach dem altersbedingten Ausscheiden von Karl Oberdorfer nicht mehr besetzt. Ab April 1997 musste sogar Jahre lang für die grundsätzliche Erhaltung der Bahnanbindung des Stadtzentrums auf der Insel Lindau gekämpft werden.

Inzwischen gibt es Pläne, das Bahnhofsgebäude Lindau-Insel von den Gleisanlagen abzutrennen und diese dann nördlich davon auf Höhe der Stadtbücherei enden zu lassen.

Für den 15. Januar 2022 plant das Kulturamt der Stadt Lindau am Lindauer Inselbahnhof zum hundertjährigen Jubiläum die Einweihung einer Bahnhofs-Informationsstele.