Krieg und Kostenexplosion

Mehr Menschen brauchen Hilfe vom Jobcenter

Lindau / Lesedauer: 5 min

Pandemie, Kostenexplosionen, hohe Inflation: Wie hat sich das im Kreis Lindau auf die Lage von Langzeitarbeitslosen ausgewirkt? Was wird das neue Bürgergeld ändern?
Veröffentlicht:23.01.2023, 12:00
Aktualisiert:20.01.2023, 01:00

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Trotz Corona-Pandemie, trotz Kriegsausbruch in der Ukraine: Das Lindauer Jobcenter sah sich im Frühjahr 2022 auf einem guten Weg – und viele Chancen für seine Kundschaft. Denn der Lindauer Arbeitsmarkt braucht dringend Fachkräfte wie auch Helfer.

Warum dennoch am Ende des Jahres deutlich mehr Menschen auf Hilfe des Jobcenters angewiesen sind und wie der Wechsel zum Bürgergeld klappt.

Dass sich seine Kundschaft auf einen Schlag um ein Viertel erhöht, damit hat das 34-köpfige Team des Lindauer Jobcenters vor einem Jahr nicht gerechnet. Bis zum Frühjahr war die Zahl derjenigen, die im Alltag Geld vom Lindauer Jobcenter benötigen, auf gut 1100 gesunken.

„Die niedrigste, seit es das Jobcenter hier gibt“, wie dessen Geschäftsführer Michael Preisendanz im Gespräch mit der LZ mit einem gewissen Stolz anmerkt.

Arbeitskräfte überall händeringend gesucht

Der Grund dafür ist nach seinen Worten schnell gefunden: „Der Arbeitsmarkt im Kreis Lindau ist äußerst aufnahmefähig.“ Überall würden Mitarbeitende gesucht, ob Fachkräfte oder Helfer.

Die Firmen wollen sehen, dass die Menschen etwas getan haben, um wieder Arbeit zu finden.

Geschäftsführer Michael Preisendanz

Auf Einschränkungen der zu Vermittelnden wie gesundheitliche Handicaps würden die Firmen- und Personalchefs mittlerweile eher eingehen – wenn sich die Arbeitslosen engagiert und weiterbildungswillig zeigen, beobachtet der Leiter des Jobcenters. „Die Firmen wollen sehen, dass die Menschen etwas getan haben, um wieder Arbeit zu finden.“

Positiv auch: „Die Corona-Pandemie hat sich in unserem Bereich nicht groß ausgewirkt“, sagt Preisendanz. Denn im dritten Pandemie-Jahr sind Arbeitskräfte im Kreis Lindau mehr denn je Mangelware. „Es gibt für jeden und jede, die wir betreuen, zahlreiche Möglichkeiten.“

Ein Fünftel weniger Jobcenter-Kunden

Vor diesem Hintergrund ist die Zahl der sogenannten erwerbsfähigen Leistungsbezieher im vergangenen Frühjahr im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel auf 1135 gesunken.

Darunter sind Langzeitsarbeitslose genauso wie Ergänzer, also Menschen, die zwar eine (zumeist Teilzeit-)Stelle haben, damit aber nicht genug für ihren Lebensunterhalt verdienen und deswegen zusätzlich Geld vom Jobcenter beziehen.

Sehr individuell suche sein Team neue berufliche Chancen für die Kundschaft. Was Preisendanz dabei auffällt: „Es finden auch mehr Frauen wieder Arbeit.“ Und das trotz eines ganz großen Problems: Es hapert immer wieder an der Kinderbetreuung.

Wenn Arbeit am Kita-Platz scheitert

Manchmal finde sich leichter ein Kita-Platz, wenn eine Frau schon einen Arbeitsvertrag vorweisen könne. Es gebe aber auch Fälle, wo die Rückkehr ins Berufsleben am fehlenden Kita-Platz scheitere, weiß der Jobcenter-Chef. „Das ist auf jeden Fall ein politisches Thema“, stellt Preisendanz klar.

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Die große Politik hat der positiven Entwicklung im Lindauer Jobcenter dann im vergangenen Sommer einen Strich durch die bis dahin gute Bilanz gezogen: Binnen kurzer Zeit nach Kriegsbeginn kommen die ersten Ukraine-Flüchtlinge auch im Kreis Lindau an. Und die sind per Gesetz ab Juni bundesweit Kunden der Jobcenter.

Für das Lindauer Team ist eine große Herausforderung: Von jetzt auf sofort müssen sie rund 370 Erwerbsfähige mehr betreuen. Das sei in den meisten Fällen „ein mehrwöchiger Prozess“ gewesen, oft mit Hilfe von Dolmetschern.

Die Beschäftigten des Jobcenters müssen alle notwendigen Daten, Fakten und beruflichen Hintergründe erfassen, damit die Geflüchteten – zu einem ganz überwiegend großen Teil Frauen – Geld und Hilfe erhalten können.

„Sprache ist unerlässlich“

Oberste Priorität danach: einen Integrationskurs besuchen. „Sprache ist unerlässlich“, wie es Preisendanz formuliert. Er ist froh, dass ein „ganz großer Teil“ einen solchen sechs bis neun Monate dauernden Kurs belegen kann. Zum Jahreswechsel sind es noch gut 200 Teilnehmerinnen. Da es genügend Anbieter gebe und der Bund das fördere, „haben wir im Landkreis in diesem Punkt eine gute Situation“.

Viel Arbeit machen Preisendanz’ Team allerdings die beruflichen Anerkennungsverfahren der Geflüchteten. Zwar hätten viele der Ukrainerinnen eine Berufsausbildung. „Und es gibt unter den Geflüchteten eine hohe Bereitschaft, möglichst schnell zu arbeiten, eigenes Geld zu verdienen“, schildert der Leiter des Jobcenters. Aber keines jener Verfahren ist nach seinem Wissen bisher offiziell abgeschlossen. Auch wenn etliche Frauen bereits im Kreis Arbeit gefunden hätten.

Was die Jahresbilanz des Jobcenters zeigt: Auch dort gibt es , ähnlich wie in der Lindauer Arbeitsagentur, viel Bewegung, also Zu- und Abgänge. Ende Dezember erhalten noch 1320 Menschen aus dem Kreis Lindau Geld vom Jobcenter, ob nun Arbeitslosengeld II, ergänzende Zuschüsse für Berufstätige oder Aus- und Weiterbildung.

Eine große Hürde habe das Jobcenter-Team zudem erfolgreich bewältigt: das Überleiten ins neue Bürgergeld. „Das hat gut geklappt, die rund 1300 Bescheide sind raus“, freut sich Preisendanz. Ob die Kundschaft des Jobcenters dieses „gut geklappt“ bestätigt, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

„Das ist aktuell zu früh – die Leute müssen ja erst mal ein, zwei Monate Erfahrungen sammeln mit dem neuen Bürgergeld“, gibt etwa der Lindauer Caritas-Geschäftsführer Harald Thomas zu bedenken.

Bürgergeld: „Federt die Inflation nicht ab“

Das sieht auch Karin Stark im Familienstützpunkt im Minimaxi ähnlich: „Jene unserer hier begleiteten Familien, die seit Januar nun Bürgergeld beziehen, müssen erst einmal schauen, ob und wie sie mit dem etwas höheren Betrag auskommen.“ Für den Caritas-Chef ist zudem klar: Die 50 Euro mehr Lebensunterhalt „federn die Inflation nicht ab“.

Auch Jobcenter-Leiter Preisendanz hat in den ersten Januar-Wochen unterschiedliche Resonanz zum Bürgergeld gehört: Da gebe es durchaus auch Menschen, „die das mit Blick auf ansteigende Lebenshaltungskosten kritisch sehen“.

Er geht davon aus, dass die Zahl der Antragstellenden in nächster Zeit erst mal wieder steigen wird, weil aufgrund geänderter Vorgaben der Zugang zum Bürgergeld etwas leichter scheine. Aber Michael Preisendanz gibt sich optimistisch: „Das Jahr 2023 wird spannend – aber wir hatten einen guten Einstieg.“