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Sie duscht 20 Mal am Tag: Doch ihr Leid lässt sich nicht wegwaschen

Lindau / Lesedauer: 6 min

Rechtsanwältin wäscht sich 50 Mal am Tag die Hände und duscht bis zu 20 Mal – Das sind die Gründe
Veröffentlicht:06.11.2022, 19:00
Aktualisiert:29.11.2022, 09:59

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Seine Klienten sind Menschen wie Du und Ich. Einige brauchen ihn als Psychiater, manche als Psychotherapeuten und wieder andere als Coach. Dr. Christian Peter Dogs lädt die Leser der Lindauer Zeitung dazu ein, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen und verspricht: „Bei vielen Fällen werden Sie manches von sich selbst wiedererkennen.“ Dieses Mal geht es um eine erfolgreiche Rechtsanwältin, die unter einem Wasch- und Putzzwang leidet. Doch ihr Leid lässt sich nicht so einfach wegwaschen.

Petra ist eine ziemlich selbstsicher auftretende Rechtsanwältin. Sie ist 42 Jahre alt. Betritt meine Räume, dreht sich nach allen Seiten um und scannt regelrecht die Umgebung. Ihr abschätziger Blick verrät, dass sie sich unter der Praxis eines angeblich so erfolgreichen Psychiaters etwas ganz anderes vorgestellt hat. „Na, ich hatte es mir eher so wie bei dem Psychotherapeuten aus Paris gedacht“, sagt sie.

Einer Therapieserie, die mal im dem Fernsehsender Arte zu sehen war. Und mich hatte sie sich auch viel jünger und attraktiver vorgestellt. Die Fotos im Internet seien wohl schon etwas älter. Aber nun ja, sagt sie, jetzt sei sie schon mal hier.

Wer so abwertet, muss gewaltig Angst haben.

„Vielleicht ist der weite Weg nicht ganz umsonst gewesen und Sie können mir zumindest einen Rat geben.“ Mit diesen Worten lässt sie sich in den Sessel fallen und gibt mir durch eine Geste zu verstehen, dass ich auch Platz nehmen kann. Sie trägt weiße Handschuhe, mit denen sie kontrollierend über meine Sessellehne streicht.

Mit ihrem ganzen Verhalten provoziert sie mich direkt in die Konkurrenz zu gehen. Ich merke sehr schnell, wie sehr ich narzisstisch getriggert werde. Auch ich möchte in die Selbstdarstellung gehen. So, wie wir es häufig in unserer Gesellschaft tun. Gerade wir Männer, wenn man sich kennenlernt: erst einmal um die Wette gockeln. Wer man ist und wen man alles kennt und überhaupt, wie bedeutend man doch ist. Und diesen Vergleich mit diesem langweiligen französischen Analytiker halte ich schon lange aus.

So könnte ich gleich einsteigen und wäre damit in die erste Beziehungsfalle gelaufen. Wer so abwertet, muss gewaltig Angst haben. Also lasse ich mich abwerten und gebe ihr den Triumph. Versuche das auch nicht mit einem amüsanten, weisen, therapeutischen Lächeln zu überspielen. So, wie ich es von vielen Kollegen gelernt habe. Ich finde diese Geste ist oft unehrlich und überheblich. Sie ist arrogant.

Rote Linien, erlaubte und verbotene Zonen im Haus

Nein, ich stehe zu meiner Mittelmäßigkeit und frage, ob wir nicht einfach anfangen wollen. Und wie so oft verbirgt sich hinter dieser Fassade eine tragische Lebensgeschichte. Seit ihrem 17 Lebensjahr bestehen bei der Patientin sehr ausgeprägte Putz- und Waschzwänge. Inzwischen sei es mit dem Putzen so ausgeprägt, dass sie mit Klebeband rote Linien in ihrem Haus markiere. Das seien die Wege, die ihr Mann und ihre Kinder benutzen „dürfen“. Außerdem gibt es im Haus erlaubte und verbotene Zonen. Ihre Angst, sich mit irgendetwas tödlich zu infizieren, habe seit Corona massiv zugenommen.

Jetzt habe sie noch einen Sicherheitsbereich gesperrt, der virenfrei sei und nur von ihr betreten werden darf. Sie wasche sich etwa 50 Mal am Tag die Hände und dusche bis zu 20 Mal. Das habe sie jetzt reduzieren können.

Morgens um 7.15 Uhr müsse sie immer beten. Auch am Abend genau um 21.15 Uhr. Wenn sie das versäume, bestrafe sie sich immer selbst. Genau so, wie ihre Mutter das immer gemacht habe.

Von der Mutter sexuell missbraucht

Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr sei sie von ihrer Mutter sexuell missbraucht worden. Die habe sie immer wieder genital stimuliert und irgendwelche Gegenstände in ihre Scheide eingeführt. Häufig auch Gemüse wie Karotten und Salatgurken. Sie habe dieses Gemüse immer „vorbereiten“ müssen und waschen. „Immer wieder waschen!“, schreit sie mich verzweifelt und schluchzend an.

Wenn sie sich geweigert habe, dann hätte ihre Mutter ihre Hand auf die heiße Herdplatte gelegt. Sie reißt die Handschuhe von ihren Händen und zeigt alte Verbrennungsnarben.

Die versuche sie sich jeden Tag wegzuwaschen. Ihre Mutter habe es nicht geduldet, dass sie zu ihrem Vater gehe. Der habe es gewusst und weggeschaut. Er sei ein schwacher Mann gewesen.

„So wie Ihr Mann?“ frage ich leise. „Ja.“ antwortet sie zaghaft. „Ich weiß, dass ich durch meine Zwänge meine Familie terrorisiere.“ Ihre Mutter sei für sie überall präsent. Manchmal, wenn sie in den Spiegel schaue, dann meine sie, ihre Mutter zu sehen.

Angst, wie die Mutter zu werden

Sie bete jeden Tag zu Gott, nicht so zu werden, wie ihre Mutter. Sie habe unglaubliche Angst, von ihr infiziert worden zu sein. Angst, ihre Kinder zu missbrauchen. Und sie genieße es regelrecht, ihren Mann zu quälen. Wie er da hilflos zwischen den roten Linien herumtapse und sich alles gefallen lasse.

Ich habe Petra über zwei Jahre therapeutisch begleitet. Sehr wichtig war es, ihr zunächst einmal bewusst zu machen, dass ihre Zwangshandlungen ihr Sicherheit geben. Zwangserkrankte erhalten durch ihre Zwänge die Struktur, die sie in sich nicht haben. Deshalb darf man als Therapeut nicht nur auf die Symptomatik fokussieren. Schon gar nicht versuchen, die Zwänge direkt aufzulösen. Zentrales Thema ist es, die Psychodynamik zu begreifen. Die lag zunächst nicht so klar auf der Hand wie beschrieben. Dass sie mit ihrem Verhalten den Psychoterror ihrer Mutter geradezu wiederholte, war für sie eine schockierende Erkenntnis.

Wut und Verzweiflung hinausschreien

Es wurde aber auch für die Patientin im Laufe der Therapie sehr deutlich, wie sehr sie ihre nicht gelebten Affekte gegen die Eltern auf ihre Familie verschob. In vielen intensiven Sitzungen gelang es, die Wut und die Verzweiflung hinauszuschreien. Umso mehr sie ihren Elternkonflikt klärte, desto mehr lösten sich die Zwänge.

Sehr wichtig war natürlich auch, dass sie sich entlastete, indem sie alles, was sie Schreckliches erlebt hatte, mitteilen konnte. Sie redete sich regelrecht alles von der Seele. Und es war wichtig, dass sie einen männlichen Therapeuten hatte, von dem sie sich jetzt geschützt fühlt. Deshalb hatte sie gleich am Anfang versucht, mich so klein zu machen, wie sie es von ihrem Vater erlebt hatte. Es war wichtig, dass ich mich nicht provozieren ließ.

Wie sie ihren Ehemann durch ihre Zwänge „kastriert“

Auch ihren Mann hatte sie durch ihre Zwänge regelrecht „kastriert“. Den Ehemann haben wir nach einem Jahr in die Therapie einbezogen. Er kannte die Lebensgeschichte seiner Frau überhaupt nicht. Nachdem er seine Betroffenheit überwunden hatte, konnte er zunehmend der „Beschützer“ seiner Frau werden. Sie vertraute ihm immer mehr und konnte sich aus fast allen Zwängen lösen.

Nur das Beten ist in dem Sinne geblieben, dass sie sich jede Woche mindestens einmal bei Gott bedankt, dass ihre Familie so sehr hinter ihr gestanden hat.