Helferkreis

Helferkreis ist entsetzt über Abschiebung eines jungen Afghanen

Lindau / Lesedauer: 3 min

Sprecherin Gisela Jobst: „Farid will sich doch integrieren“ – 19-Jähriger hat bereits Lehrstelle im Blick
Veröffentlicht:26.07.2018, 13:02
Aktualisiert:22.10.2019, 17:00

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Gisela Jobst und etliche Aktive des Helferkreises Offene Türen sind frustriert und entsetzt: Gut drei Jahre lang hat Farid in Lindau Deutsch gelernt, die Berufsintegrationsklasse in der Lindauer Berufsschule besucht, jetzt eine Lehrstelle im Blick gehabt. Doch der 19-Jährige ist vor kurzem abgeschoben worden – nach Afghanistan. Dort warte aber buchstäblich nichts auf den Jungen: Aufgewachsen sei er nämlich als Flüchtlingskind mit zwei älteren Geschwistern im Iran. „In Kabul hat Farid nichts und niemanden, keine Verwandten, keine Freunde“, sagt Jobst.

Leise erzählt die frühere Lindauer Schulleiterin von dem jungen Mann, den sie als Deutsch-Honorarkraft des Landratsamtes kennengelernt hat. Sie beschreibt ihn als freundlich und fleißig. „Er hat so gut wie nie gefehlt. Und wenn doch, hat er sich sofort gemeldet“, schildert Jobst. Erst habe sie Farid in einem Alphabetisierungskurs im Unternehmen Chance unterrichtet, später in der Berufsschule: Dort hat Farid die Vorklasse und die Berufsintegrationsklasse besucht, bereits ein Praktikum bei einem Orthopädieschuhmacher begonnen.

In Kabul hat Farid nichts und niemanden, keine Verwandten, keine Freunde“

Zu Farids Deutschlehrern gehört auch Wolfgang Sutter , ebenfalls pensionierter Lehrer. Der Niederstaufner findet die Abschiebung des 19-Jährigen einen „ungeheuren Vorgang“: „Ich bin wütend, ich bin außer mir“, so Sutter gegenüber der LZ.

Er hat keinerlei Verständnis für diese Aktion: „Straftäter und sogenannte Gefährder schaffen sie nicht außer Landes zu bringen. Aber einen fleißigen, freundlichen und leistungsbereiten jungen Mann verfrachten sie in ein Land, in dem wöchentlich Selbstmordattentäter Mitmenschen in die Luft sprengen“, empört sich Sutter.

Entsetzen über Art und Weise der Abschiebung

Jobst ist auch entsetzt über die Art und Weise der Abschiebung: Frühmorgens vor sechs Uhr ist die Polizei gekommen, hat die Familie aus dem Schlaf geklopft und den jungen Mann mitgenommen. So schildern Farids Schwester Fariha und sein älterer Bruder Fareidon den Vorfall der LZ. Fareidon rief zwar sofort danach seine Ansprechpartnerin beim Kreisjugendring an, die ihrerseits Gisela Jobst informierte. Die Sprecherin des Lindauer Helferkreises versuchte noch, über die evangelische Diakonie Kempten und eine Berliner Anwältin per Eilantrag die Abschiebung im letzten Moment zu verhindern. „Aber es hat nicht mehr geklappt.“

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Natürlich habe man gewusst, dass Farid offiziell zu den „Ausreisepflichtigen“ gehörte, schildert Jobst im Gespräch mit der LZ: „Sein Asylantrag ist abgelehnt, sein Widerspruch dagegen auch.“ Der inzwischen 19-Jährige habe nur mehr eine Duldung gehabt. Was Jobst jedoch noch immer überhaupt nicht versteht: „Er ist der Jüngste der Familie – wieso er?“

Mit dem damals noch 15-Jährigen sei die Mutter im Spätherbst 2014 nach Deutschland geflüchtet. Bruder und Schwester, beide älter als Farid, kamen ein Jahr später nach Lindau. Alle vier haben bis zu Farids Abschiebung dann zusammen im Flüchtlingsheim in der Schöngartenstraße gelebt. Jobst hat eine Zeitlang auch den älteren Bruder Fareidon als Deutschschüler unterrichtet, kennt zudem die Mutter aus dem Integrationskurs.

Eher das Abholen des ältesten Sohnes befürchtet

Den besuche die Mutter seit der Abschiebung ihres Jüngsten nicht mehr. Das Geschehen schmerze sie zu sehr, was Jobst gut nachvollziehen kann. Mutter und Tochter genießen übrigens einen Abschiebeschutz, im Gegensatz zum älteren Bruder Farids: Die Familie habe immer befürchtet, dass jener abgeschoben werden könnte. Doch nun sitzt Farid in Kabul. Was den Lindauer Helferkreis genauso hilflos zurücklässt wie Mutter und Geschwister.

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