Hilfstelefon

Gewalt, Demütigung, Zugang zum Konto verwehrt: In Lindau nutzen wieder mehr Frauen das Hilfstelefon

Lindau / Lesedauer: 4 min

Der Verein Hilfe für Frauen in Not verzeichnet wieder mehr Anrufe
Veröffentlicht:24.09.2022, 17:00
Aktualisiert:24.09.2022, 22:56

Von:
Artikel teilen:

Gewalt gegen Frauen hat viele Formen. Eine davon ist die häusliche Gewalt. Also jene, bei der Frauen Gewalt im eigenen Zuhause, vom eigenen Ehemann erfahren. Sie kann nicht nur körperlich oder sexuell, sondern auch psychisch oder wirtschaftlich sein. Leidtragende sind dann oft auch die Kinder. Aktuell nimmt die Zahl von Frauen, die ein Hilfstelefon in Anspruch nehmen, wieder zu.

„Wir haben vor Corona mehr Aufnahmen in unsere Schutzwohnungen gehabt, als während der Pandemie“, sagt Anita Stierle , die neue Vorsitzende von „Hilfe für Frauen in Not“. Der Verein bietet seit mehr als 35 Jahren Frauen und ihren Kindern im ganzen Landkreis Lindau Beratung, Schutz und Unterkunft, wenn sie Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. „Die häusliche Gewalt habe während der Pandemie zwar deutschlandweit zugenommen, „aber in Lindau haben wir davon nichts gespürt.“ Allerdings, so erklärt sie weiter, habe es 2021 wieder mehr Anrufe auf dem Hilfetelefon gegeben.

Sieben Tage die Woche acht Stunden lang erreichbar

Zwei solcher Telefone betreibt der Verein mit seinen ehrenamtlichen Helferinnen. Eines im oberen und eines im unteren Landkreis. Jeweils sieben geschulte Ehrenamtliche wechseln sich übers Jahr bei der Telefonbetreuung ab und sind an sieben Tagen die Woche acht Stunden lang erreichbar. Gehen über diese Zeiten hinaus Anrufe von hilfesuchenden Frauen ein, rufen die Ehrenamtlichen zurück. „Aber das geht natürlich nur, wenn die Rufnummer nicht unterdrückt war“, sagt Stierle – und bittet die Hilfesuchenden dies zu beachten.

Wie die Zahlen für dieses Jahr sind, steht noch nicht fest. Im vergangenen Jahr jedoch haben im unteren Landkreis 171 Frauen völlig unterschiedlicher Nationalitäten angerufen, wobei 64 davon zum ersten Mal das Angebot des Hilfetelefons genutzt haben. Aus diesen telefonischen Beratungen ergaben sich wiederum vierzehn persönliche Beratungen und von diesen vierzehn sind vier Frauen mit ihren Kindern in die Schutzwohnung gezogen.

Im oberen Landkreis waren es dagegen 40 telefonische Kontakte, aus denen sich 23 persönliche Beratungen ergeben haben. Davon sind zwei Frauen mit ihren Kindern in die Schutzwohnung gezogen.

Landkreis Lindau hat kein Frauenhaus

Weil es im Landkreis Lindau kein Frauenhaus gibt, unterhält der Verein zwei Schutzwohnungen, die groß genug sind, um jeweils drei Frauen mit Kindern aufzunehmen, sagt Stierle. Sie erklärt, dass die meisten Frauen solange bleiben, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Und das könne bei der angespannten Mietwohnungssituation manchmal ziemlich lange dauern. Andere Frauen hingegen blieben nur kurz und nur solange wie sie bräuchten, um sich klar zu werden, was sie wollen. „Aber normalerweise sind es mehrere Monate.“

Der Schwerpunkt des Vereins liegt jedoch auf der Beratung. Denn oftmals rufen Frauen an, die sich schon von ihrem Mann getrennt haben und nun Hilfe brauchen. Die Frauen treiben dann existenzielle Fragen um. Etwa, wenn es darum geht, wie sie sich künftig finanzieren oder wo sie wohnen werden.

Die Ehrenamtlichen von Hilfe für Frauen in Not beraten die Hilfesuchenden darüber, an welche Stellen oder Behörden sie sich wenden können und welche Hilfsangebote es darüber hinaus gibt. Viele Frauen, meistens solche mit Migrationshintergrund, bräuchten zudem Hilfe im Umgang mit den Behörden.

Wenn Männer Frauen permanent erniedrigen

Körperliche und sexuelle Übergriffe seien, so Anita Stierle, die klassischen Gründe für Trennungen. Neu in den letzten Jahren hinzugekommen sei jedoch die psychische Gewalt. Das ist, wenn Männer Frauen permanent erniedrigen und sie nicht wertschätzen und alles, was Frau macht, falsch ist. Oder wenn Männer Frauen verbieten die Wohnung zu verlassen, außer zum Einkaufen.

Wenn Männer ihre Frauen anschreien, ihnen dadurch Angst machen, sie unter Druck setzen und in die Enge treiben. Oder aber wenn Männer Frauen einschüchtern, demütigen, kontrollieren, einschränken. Wirtschaftliche Gewalt ist, wenn etwa der Mann den Lohn der Frau beschlagnahmt oder wenn er ihr keinen Zugang auf das gemeinsame Konto erteilt.

Weil oftmals auch die Kinder die Leidtragenden häuslicher Gewalt seien, ist der Verein zusammen mit dem Kinderschutzbund Lindenberg dabei, ein neues, niederschwelliges Beratungsangebot auf die Beine zu stellen. Dieses Angebot richte sich, so erklärt Anita Stierle, nur an die Kinder und ist völlig unabhängig vom Jugendamt.