Klimakrise

„Wir haben versagt“: Jung und Alt diskutieren über die Klimakrise

Lindau / Lesedauer: 8 min

Zum Start der neuen Klimakolumne der LZ unterhalten sich zwei Generationen über den Klimaschutz
Veröffentlicht:01.02.2022, 18:30
Aktualisiert:03.03.2022, 16:48

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Klimaschutzaktivisten gibt es nicht erst, seitdem die Schwedin Greta Thunberg begonnen hat, jeden Freitag fürs Klima zu streiken. Der Lindauer Steffen Riedel setzt sich schon seit dreißig Jahren für das Klima ein. Er spricht mit zwei jungen Klimaschützerinnen, die sich bei Fridays for Future engagieren. Was erwarten sie voneinander?

Wie nimmt eure Generation den Klimawandel wahr?

Steffen Riedel: Wir haben versagt. Ich sage es einmal frei raus. Und wir brauchen auch gar nicht so zu tun, als wenn wir es nicht gewusst hätten. Ich war am Bodensee-Gymnasium und uns gelang es, 1974 mit einer Diskussion zum Thema Atomkraft und Energie den Saal zu füllen. Das Thema war seinerzeit schon präsent. Aber wenn ich mir so meine Klassenkameraden anschaue, muss ich sagen: „Leute, was habt ihr eigentlich daraus gemacht, aus dieser Erkenntnis?“

Keona Schroff: In unserer Generation ist das Thema sehr präsent. Ich sehe es jetzt auch bei uns in der Schule: Mir fällt kein einziges Fach ein, wo wir das Thema Klimawandel noch nicht besprochen haben. Und die Leute wollen, dass sich was verändert. Allerdings sind auch viele sehr oft enttäuscht worden, wodurch sie die Haltung einnehmen; ich weiß nicht, ob das jetzt was hilft, wenn wir irgendwas sagen oder unsere Stimme erheben, uns hört doch eh niemand zu.

Wie könnten die Generationen zusammenarbeiten?

Steffen Riedel: Es muss einen Zusammenschluss geben, zwischen euch Jungen und uns Alten. Mir ist die Sache genauso ernst.

Keona Schroff: Wir haben ja in Lindau auch die Parents-Gruppe, wir hatten regelmäßige Treffen, aber das war ein bisschen schwierig. Die Kommunikation funktioniert einfach sehr oft nicht sehr gut. Und ich finde das total schade, weil eigentlich wäre das doch so wichtig, weil man für die gleiche Sache kämpft und jeder weiß, worum es geht. Es ist dann ganz oft einfach dieses Bild – Entschuldigung, wenn ich das jetzt verallgemeinere – in eurer Generation: „Ich muss mir doch jetzt nichts sagen lassen, ich weiß doch, wer ich bin. So, wie ich das mache, ist doch alles richtig.“ Und das ist total schade, denn so bilden wir uns nicht weiter.

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1300 Menschen streiken in Lindau für den Klimaschutz. (Foto: Julia Baumann/Schwäbische.de)

Was wünscht ihr euch von der jeweils anderen Generation?

Keona Schroff: Was ich mir am dringlichsten wünsche, ist einfach, dass sie ihre eigenen Versprechen halten und nicht nur sagen, wir finden es gut, was ihr macht, sondern sagen es ist nötig, was ihr macht, weil wir es nicht geschafft haben und dann aber auch wirklich handeln. Das Pariser Klimaabkommen ist das beste Beispiel. Und natürlich auch, dass unsere Sorgen ernst genommen werden. Ich sehe, wie das auch gerade in meiner Generation so viele Menschen mental belastet. Weil wenn man sich für diese Sache einsetzt, dann wird das abgetan als „Ihr seid noch in der Schule, macht ihr mal euer Ding, geht mal in die Schule“. Aber daran merkt man ja auch eigentlich genau, dass sie sich ein bisschen auf den Schlips getreten fühlen.

Steffen Riedel: Also, was ich mir wünsche: Bleibt bitte dran! Keona, bitte, nicht aufgeben, nicht sich entmutigen lassen, nach dem Motto, ich kann doch nichts machen. Wir Älteren brauchen jemanden, der uns in den Arsch tritt. Vielleicht mit ein bisschen mehr Sachkunde. Aber das ist in der Vergangenheit auch tatsächlich schon passiert.

Emily Maier : Spontan wünsche ich mir, dass Verständnis herrscht und ein bisschen Verständnis für die Vorwürfe.

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Keona Schroff bei einer Klimaschutz-Demo von Fridays For Future 2020. (Foto: Archiv/Schwäbische.de)

Wie glaubt ihr, bringt man den Einzelnen in Verantwortung?

Keona Schroff: Es darf nicht unglaublich viel kosten, klimaneutral zu leben. Es darf nicht mehr kosten, sich beispielsweise vegan zu ernähren als Fleisch zu essen. Klimaschutz und Klimagerechtigkeit müssen für alle zugänglich sein, und es muss ein gesellschaftlicher Wandel her.

Steffen Riedel: Ja, es soll nicht so sein, dass man sich Klimaschutz leisten können muss. Es muss für alle erschwinglich sein.

Emily Maier: Genau, das ist nämlich ein sehr politisches Thema. Wenn Fleisch billiger ist, hat das auch viel mit der Politik zu tun. Da müssen wir auch als Fridays for Future darauf hinweisen, es geht nicht nur um Konsumkritik. Wir wollen auch die Politik auffordern, etwas zu tun und es nicht nur in die Verantwortung der Bürger und Bürgerinnen zu geben.

Keona Schroff: Ich meine, warum kostet ÖPNV was, wenn wir die Menschen dazu bewegen wollen, mit dem ÖPNV zu fahren? Warum ist es zum Teil billiger zu fliegen, als mit der Bahn zu fahren? Das ist doch ein systematisches Problem. Da müssen wir doch ansetzen.

Emily Maier: Es ist auch sehr schade, dass immer, wenn Kritik an Fridays for Future geäußert wird, sofort das Verhalten von einzelnen Mitgliedern hinterfragt wird. Es wird gesagt, „aber ihr seid ja auch mit dem Auto zur Demo gefahren“. Da können wir langsam nur noch den Kopf schütteln, weil es immer die gleichen Fragen sind und dadurch weichen wir von den großen Grundsatzdebatten ab und von der eigentlichen Kritik.

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Auch mit von der Partie: Gruppen-Mitglied Emily Maier bei einer Demonstration der Fridays For Future-Ortsgruppe in Lindau. (Foto: privat/Schwäbische.de)

Wie muss es im Klimaschutz weitergehen?

Keona Schroff: Ich finde, der wichtigste Schritt zum Umdenken ist einfach das Bewusstsein, um zu verstehen, in welcher Situation sind wir gerade und wie kann ich meinen Teil dazu beitragen? Und dann auch bereit sein, die Arbeit in die Hand zu nehmen, weil jeder kann einen kleinen Beitrag leisten.

Emily Maier: Und es geht auch nicht darum, allwissend zu sein und genau zu wissen, wie die konkreten Fakten sind. Sondern es geht darum, dass wir ins Gespräch kommen und Leute dazu anregen, über diese Klimakatastrophe zu sprechen und somit einfach die Message zu verbreiten.

Steffen Riedel: Leute, wir brauchen euch. Wir brauchen euch.

Keona Schroff: Ich glaube, wir brauchen nicht nur uns, sondern wir brauchen jeden und jede.

Emily Maier: Wenn du von wir sprichst, dann heißt es ja nicht nur, dass alles in der Hand von der Jugend liegt. Auch die Generationen über uns können noch was tun und müssen nicht sagen „Wir schieben alle Verantwortung ab an die Generationen, die die nächsten Arbeitsstellen besetzen und die nächsten Ideen bringen.“ Sondern es kann jetzt noch sehr viel getan werden. Und es muss getan werden, mit den Leuten, die jetzt gerade die Macht haben. Und das sind leider noch nicht wir, weil die Jugend sehr wenig Mitspracherecht in der Politik hat und die großen Hebel immer noch bei den älteren Leuten liegen. Wir appellieren natürlich auch an die und fordern die auf, was zu tun.

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Steffen Riedel ist auch schon bei den Demonstrationen der Fridays-For-Future-Bewegung mitgelaufen. (Foto: Archiv/Schwäbische.de)

Steffen Riedel: Wenn es um das Engagieren geht, dann kneift man immer. Ich appelliere an euch: Ihr müsst viele sein. Das kann nicht auf ein kleines Grüppchen begrenzt sein.

Keona Schroff: Wir sind viele, wir sind unglaublich viele, wir haben Millionen, wir haben Massen auf die Straße gebracht und die Frage ist: Worauf wartet die Politik? Was muss jetzt noch passieren, damit was passiert? Wir können nicht ewig warten. Und wir können auch nicht immer sagen wir brauchen noch mehr, wir sind viele! Und wir werden früher oder später handeln müssen.

Dafür engagieren sich die drei Lindauer im Klimaschutz:

Alle drei Gesprächspartner setzen sich für den Klimaschutz sein. Keona Schroff war eine der Gründerinnen der Fridays-For-Future-Ortsgruppe in Lindau. Die 17-Jährige will die Politik darauf hinweisen, dass sie ihre eigenen Klimaschutzziele einhalten soll und Privatleute darauf aufmerksam machen, was jeder einzelne tun kann. „Das hängt aber leider nicht nur an einzelnen Personen, sondern das Ganze muss sich ändern, vor allem die Politik muss handeln. Sie hat einfach die größte Macht.“

Auch die Schülerin Emily Maier engagiert sich bei Fridays For Future und sieht es als ihre Aufgabe an, die Menschen über den Klimawandel zu informieren und sie dazu zu bringen, sich mehr mit dem Thema zu befassen.

Der ehemalige Klimaschutzmanager des Landkreises Lindau, Steffen Riedel , ist 65 Jahre alt und sieht den Klimaschutz als persönliche und gesellschaftliche Aufgabe an. „Ich kann nicht auf andere deuten und sagen, mach du mal, ohne selber was zu machen“, sagt er. Deshalb habe er auch bei sich selbst angesetzt und sein Haus und seine Ernährung möglichst klimaneutral gestaltet.