Felsenwand

Ein eigenwilliger Vogel, wie er im Buche steht

Lindau / Lesedauer: 3 min

Das literarische Magazin Mauerläufer beschäftigt sich mit Ordnung und Unordnung
Veröffentlicht:30.08.2015, 15:46
Aktualisiert:23.10.2019, 23:00

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Der Mauerläufer ist ein eigenwilliger Vogel, er haust in Felsenwänden, seine Schönheit entzückt Bergsteiger, seine Wandelbarkeit Ornithologen. Geht es darum, sein Revier zu verteidigen, so kann er durchaus aggressiv werden. Kurz: Der Mauerläufer bringt vieles mit, was gute Literatur ausmachen kann: Schönheit, Wandelbarkeit und Beharrungsvermögen, dazu die Fähigkei, auch in schwierigen Situationen einen Standpunkt zu finden. Es leuchtet ein, dass der Mauerläufer Taufpate für ein literarisches Magazin aus dem Raum Bodensee-Allgäu-Oberschwaben ist. Jetzt ist die zweite Ausgabe erschienen.

Das Titelbild ist Programm: Ein zerknüllter Wasserball, auf dem die Weltkugel abgebildet ist. Das Leben kommt aus dem Chaos, Gott soll es gewesen sein, der Wasser und Land, Tag und Nacht trennte. Kurz, er schuf Ordnung. Seitdem arbeitet der Mensch dagegen. In diesem Spannungsfeld zwischen Ordnung und Unordnung bewegen sich die Texte, die das fünfköpfige Herausgebergremium ausgesucht hat.

Eva Hocke hat die Gedichte, Kurzgeschichten, Romanausschnitte in Verbindung gesetzt zu den Werken bildender Künstler. Die Bad Saulgauer Grafikerin Hocke zeigt durch ihre Gestaltung, was das Buch ausmacht, sie ordnet die Dinge an, doch gerade daraus entsteht der Eindruck von Vielfalt, die wiederum unordentlich wirkt.

Es ist ein Flickerlteppich, den sie zusammengesetzt hat. Der Maler Moritz Baumgartl, bis 2000 Professor an der Akademie in Stuttgart, ist etwa mit vier Abbildungen vertreten. Simone Rueß aus Weingarten, dieses Jahr Stipendiatin der Ulmer Kunststiftung „Pro Arte“ steurt Fotos und Zeichnungen bei. Der Mauerläufer ist ein Gesamtprodukt aus Bildender Kunst, Literatur und Gestaltung. Doch das Herzstück sind die Texte. Die Redaktion ist aus den regionalen, sich gern selbst beweihräuchernden, Zirkeln ausgebrochen und doch klar im Raum Bodensee-Allgäu-Oberschwaben verortet gebleiben.

Natürlich wirkt der ien oder andere Text manieriert, ein wenig überspannt, doch auf der anderen Seite gibt es auch kleine Perlen zu entdecken. Beispielsweise Chris Inken Soppas Beitrag „Jeder Name ein Stück Süßigkeit“. Lakonisch, ohne Pathos breitet die Konstanzerin anhand von realen Ortsnamen eine schwebende (Nicht)liebesgeschichte aus. Die Ravensburgerin Kathrin Seglitz schildert in „Das gelbe Kamel“ die Geschichte eines Flüchtlings ohne Betroffenheitston. Hocke mengt dem Text ein Werk der Stuttgarter Künstlerin Julia Wenz bei. BodenseeExport heißt es: eine Wachskugel, rot, mit Messingpatronenhülsen drin. Es sind Texte dabei wie der Schweizerin Zsuszanna Gahse, die subtil verunsichern. Die ahnen lassen, wie schmal der Grad aus Ordnung und Unordnung ist, wie dünn die Grenze zwischen Sicherheit und Angst.

Aber vielleicht der Zwang zur Ordnung die subversivste Kraft. So wie es die Opfenbacherin Hippe Habasch in ihrer Geschichte beschreibt. Eine alte Frau wird wegen ihres Ordnungswahns, ihrer Demenz weggesperrt. Aber am Ende bleibt eine Hoffnung: Geschlagen gibt sie sich nicht. Was nichts anderes heißt, als dass sie weiterhin für Ordnung sorgt, die letztendlich Unordnung in die scheinbar wohlgeordnete Welt trägt.

Mauerläufer, Literarisches Jahresheft 2015, ISBN 978-3-00-049878-7, 176 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 12 EUR/12 CHF.