Bugspriet

Gerammt, versenkt, geborgen: Dieses Stück Geschichte soll in Lindaus Museum kommen

Lindau / Lesedauer: 5 min

Der Bugspriet des Dampfschiffes „Stadt Lindau“ wird für das Museum im Cavazzen restauriert
Veröffentlicht:14.12.2022, 19:00

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Es ist nur wenig Farbe an dem Pinsel von Bernhard Leinmüller. Der gelernte Kirchenmalermeister steht im hellen Licht seiner Tageslichtlampen vor einem alten Bugspriet und tupft vorsichtig Gold auf die Stellen, an denen die Farbe im Lauf der Jahrzehnte abgeblättert ist. Konzentrierte Stille liegt über dem Raum. Ob es vor den Türen stürmt oder die Sonne scheint, selbst die Tageszeit scheint hier drin vergessen.

Eine Woche lang hat Leinmüller gemeinsam mit Denise Franz im Depot des Lindauer Stadtmuseums an dem Bug des Dampfschiffes „Stadt Lindau “ gearbeitet. Das Schiff war 1887 vor der Hafeneinfahrt gesunken. Nun ist das Stück bereit, Teil der neuen Dauerausstellung zu werden, sobald das Museum im Cavazzen wieder öffnet.

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Ein Bugspriet ist ein langer Holm, der sich von der Spitze eines Schiffs erstreckt. Es wird das erste Mal sein, dass der Bug der „Stadt Lindau“ öffentlich ausgestellt wird.

Weniger ist oft mehr

Bevor es dazu kommen kann, kümmern sich Leinmüller und Franz darum, dass „es wieder gut aussieht“, wie Denise Franz sagt. Dafür mussten sie den Bugspriet, der etwa 500 Kilogramm wiegt, erst von Staub und Schmutz befreien. Dann ging es an den Hauptteil der Arbeit: die Retusche. Dabei tupfen die Restauratoren Farbe auf die Stellen, an denen sie fehlt. Große Bewegungen oder gar Streichen sind verboten.

„Es ist ja ein Museumsstück, da soll man die Geschichte auch sehen können“, erklärt Leinmüller. Deswegen müssen die Restauratoren bei der Arbeit zurückhaltend sein. „Das musste ich lernen“, ergänzt die 23-jährige Denise Franz, „dass weniger oft mehr ist. Man will ja nichts Neues machen, sondern das Alte erhalten.“

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Auch an den Figuren vom Giebel der Stiftskirche arbeiten die beiden Restauratoren mit viel Geduld. (Foto: Maike Daub/Schwäbische.de)

Der Bug aus Eichenholz ist eines der ersten Stücke, die die Museumsgesellschaft bei ihrer Gründung 1889 erworben hat, trotzdem war er bisher wohl nie ausgestellt. Ein Aufkleber an der Spitze weist ihm die Inventarnummer Sechs zu. Einst zierte er die Spitze des Dampfschiffes „Stadt Lindau“, das 30 Jahre lang auf dem Bodensee unterwegs war, ehe es nach einem Unfall sank. Mit 45 Metern Länge und einer zulässigen Personenbelastung von 600 Passagieren war es zeitweilig das größte Dampfschiff auf dem See.

So kam es zu dem Schiffsunglück

Es war wohl eine „glückliche Fügung“, dass nur wenige Fahrgäste an Bord waren, als es zu dem Unglück im Oktober 1887 kam, wie das Museum schreibt. Dennoch kamen vier Menschen ums Leben, als die „Stadt Lindau“ nur 200 Meter vor der Lindauer Hafeneinfahrt von einem anderen Schiff gerammt wurde. Innerhalb von Minuten sank sie, wenn auch nur auf eine Tiefe von vier Metern.

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Das Schiff vor dem Bayrischen Hof im Lindauer Hafen. (Foto: Album Gruber, Bayrische Schiffe. Copyright Museum Lindau/Schwäbische.de)

Schuld, das legt später ein Gericht fest, war der Kapitän des anderen Schiffs, der österreichischen „Habsburg“. Um eine Verspätung aufzuholen, soll er regelwidrig den Kurs geändert haben ohne Signal zu geben. Ein überlebender Passagier schrieb dazu später im Liechtensteiner Volksblatt: „Über den Kapitän und die Mannschaft erlaube ich mir kein Urteil abzugeben, dasselbe würde sehr schlecht ausfallen.“

Die „Stadt Lindau“ konnte geborgen werden und die meisten Teile wurden wiederverwendet. Nur den dekorativen Bugspriet hat das Museum erworben. Seine Farben, von Gold über Grün zu Blau, und das kunstvolle Lindauer Wappen mit dem Lindenbaum an der Spitze wirken im Kontrast zu den modernen weißen Passagierschiffen, die heute auf dem See unterwegs sind, besonders farbenfroh.

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Mithilfe der Pigmente kann der Restaurator seine Farben selbst anrühren. (Foto: Maike Daub/Schwäbische.de)

„Ich denke, das war ein Ausdruck davon, wie wichtig die Dampfschifffahrt für die Region zu dieser Zeit war“, vermutet Museumsleiterin Barbara Reil . Genau diese Bedeutung soll der Bugspriet in der neuen Ausstellung im Cavazzen repräsentieren. Dort wird er Teil des Rundgangs „Lindau im langen 19. Jahrhundert“. Je nachdem, wie die Renovierungen am Cavazzen voranschreiten, fasst Reil eine Eröffnung der Ausstellung im Frühjahr 2024 ins Auge. „Da freue ich mich schon sehr darauf“, sagt sie.

Ein Schiffsbug ist etwas Besonderes

Auch Bernhard Leinmüller ist gespannt, wie der große Bugspriet in den kleinen Räumen des Cavazzen in Szene gesetzt werden wird. Er ist immer stolz, wenn die Stücke, die er bearbeitet hat, wieder gezeigt werden. „Es ist wie ein Kind, dass man hergibt“, beschreibt er das Gefühl. Der 55-jährige Ravensburger arbeitet nicht zum ersten Mal in Lindau.

So hatte er vor einiger Zeit auch die Restauration der Nordfassade des Alten Rathauses übernommen. Das Restaurieren hat er von seinem Vater gelernt, in dessen Werkstatt er schon als Kind dabei war. Später besuchte er die Meisterschule in München.

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Um auch die kleinen Unsauberkeiten zu finden, braucht es Konzentration. (Foto: Maike Daub/Schwäbische.de)

Der Bugspriet war für Leinmüller trotz seiner langen Erfahrung etwas Besonderes, denn es war das erste Mal, dass er an einem Schiffsbug gearbeitet hat. Kaum war die Arbeit daran abgeschlossen, haben er und Franz sich schon die nächsten Stücke vorgenommen: zwei Figuren vom Giebel der katholischen Stiftskirche, die ebenfalls ins Museum sollen.

Damit sie richtig daran arbeiten können und nichts kaputt geht, haben sie den Engeln die Flügel abgenommen. Tupfer für Tupfer werden ihre kleinen Unvollkommenheiten ausgebessert. „Es heißt Erhalten und Bewahren, nicht Neu machen“, erinnert Leinmüller noch einmal. Denise Franz ist genauso vorsichtig wie er, aber sie entgegnet trotzdem: „Du spielst die Sachen etwas sehr herunter. Es sind ja trotzdem schöne Ausstellungsstücke.“ Wenn sie mit der Restauration fertig sind, werden aus den gefallenen Engeln auf ihren Arbeitstischen auch sicher wieder fliegende.