Aspekt

Die vielen Aspekte zwischen Seele und Geld

Lindau / Lesedauer: 4 min

Klaus Ottomeyer eröffnet die Lindauer Herbsttagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie
Veröffentlicht:30.10.2016, 18:51
Aktualisiert:23.10.2019, 11:00

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Mit dem Vortrag von Klaus Ottomeyer unter dem Titel „Seele und Geld“ hat die Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie ( IGT ) ihre Lindauer Herbsttagung eröffnet. Unter dem Leitthema „Seele und Geld – Chancen und Risiken einer vielstimmigen Identität“ wird bis zum kommenden Donnerstag referiert und diskutiert.

„Mit Geld kann die Stadt Lindau nicht dienen, aber mit viel Raum für die Seele“, begrüßt Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn seine Gäste. Raum für die Seele, damit spricht er die Lage Lindaus, speziell der Insel mit dem Ausblick auf den See mit den Alpen im Hintergrund an. Dies allein wäre ein zentrales Moment für den Tagungsstandort Lindau, für den momentan sehr viel investiert würde: Neben der Unterführung, dem Bahnhofsthema, der geplanten Therme erwähnt Warmbrunn natürlich auch den Inselhallenumbau. Letzterer könne halt nun nicht, wie ursprünglich ambitioniert geplant, mit der nächsten Nobelpreisträgertagung offiziell abgeschlossen werden, aber „möglicherweise sind Sie dann die ersten, die 2017 ihre Tagung dort abhalten können“, so der Kulturamtsleiter. Peer Abilgaard, erster Vorsitzender der IGT, bemerkte humorig dazu, dass ein öffentlich festgelegter Eröffnungstermin „in etwa so gefährlich ist wie jemanden öffentlich sein Vertrauen auszusprechen“.

In der „Idylle“ geht nur wenig auf den Markt

Abilgaard führte ins Thema ein mit der Geschichte von dem phrygischen König Midas, der einst als Belohnung von dem Gott Dyonisos erbat, dass alles, was er in die Hand nehme, in Gold verwandelt werden sollte. Alsbald sah er aber seine Torheit ein, da neben dem Essen auch der Wein sofort in Gold verwandelt wurde und er den Hungertod schon vor Augen hatte. Klaus Ottomeyer, emeritierter Professor für Sozialpsychologie in Klagenfurt, nahm ein auf die Bühne projektiertes Bild her, um die Überforderung der Ich-Identität zu beschreiben. Da ist zunächst ein Bauer, der mit seinem Sohn und einem Pferd den Acker pflügt und der bäuerlichen Szene darüber, in der eine Bauersfrau Essen an den vollbesetzten Tisch bringt. Beispiel für eine tendenzielle Einheit von Produktion, Distribution und Konsum. Was hier produziert wird, wird hier auch konsumiert. Nur geringe Teile davon gehen auf den Markt in die Stadt. Dieses Szenario bezeichnet Ottomeyer als „Idylle“.

Die nächste Szene, als „Markt“ bezeichnet, spaltet die Menschheit auf in den „Homo Ökonomicus“, den ausschließlich wirtschaftlich denkenden Menschen, den „Homo Faber“, den arbeitenden Menschen, und den „Homo Amans“, den liebenden Menschen, der aber auch Konsumartikel liebt. Dazwischen ist ein Kopf gezeichnet, umschwirrt von schnellen Autos und Smartphones, der mit seiner Ich-Identität und seinem Selbstwert völlig überfordert ist. Und dann sind noch diejenigen, die es nicht in diese Hamsterräder schaffen, Arbeitslose und Flüchtlinge, die sich überzählig fühlen. Dieses Szenario beschreibt Ottomeyer als sehr gefährlich, denn Populisten wie die FPÖ oder die Trump-Anhänger nutzten das schonungslos für ihre Angstheorien aus. Gerade mit den Freiheitlichen in Österreich kennt sich der Referent aus, wirkt er doch in Kärnten und hat unter anderem zu Jörg Haider Bücher geschrieben. Zum Phänomen Haider geht er weiter ein, der sich so glaubwürdig präsentiert habe, 2008 das größte Staatsbegräbnis seit dem zweiten Weltkrieg bekommen habe und doch über zwölf Milliarden Euro mit dem Hypo-Alpe Adria-Projekt verbrannt habe, was wohl keinen störe.

Erniedrigung und Schadenfreude sind gesellschaftsfähig geworden

Mit kritischem Auge betrachtet er, wie Erniedrigungen und Schadenfreude à la Dschungelcamp gesellschaftsfähig geworden sind, wie absurd Werbung einerseits kalorienreiche Süßigkeiten als probates Mittel für die Harmonie in der Familie anpreist, um dann im nächsten Spot mit Schlankheitsjoghurt die Bedeutung von Schlank- und Fitsein herauszuheben. Zur Problematik der Ich-AG weiß er: Ich als Marke wie Coca Cola, Mercedes und andere Marken, „das ist selbstzerstörerisch“, ist der Sozialpsychologe überzeugt und beweist das mit der hohen Suizidrate beispielsweise von alternden Schauspielerinnen, deren Marke, das faltenfreie jugendliche Gesicht, verloren geht. Alleinstellungsmerksmale, wie Frisuren entblößt der Referent am Beispiel zu Guttemberg, der nach der Zerstörung seiner Marke mittlerweile mit kurzem Haar umherlaufe.

Der Sozialdarwinismus, die ständigen Verdächtigungen von Mitarbeitern in allen Bereichen, die Dokumentationspflicht im Gesundheitswesen sind ebenso Thema, wie die Auswirkungen, die die stets verfügbare Pornografie im Internet, die unter anderem zu sexuellen Minderwertigkeitsgefühlen wegen verklärender Vergleiche von Körpern und Körperteilen führt. „Was sollen wir da nun als Therapeuten sagen, die wir auch nicht wie Brad Pitt aussehen?“ fragt er in die Runde.

Am Ende seines Vortrags zieht er kein Fazit. Vielleicht auch, weil dann die Tagung bereits beendet werden könnte. Aber Raum für Diskussionen hat er damit reichlich geschaffen.