Sahnehäubchen

„Der Nobelpreis ist nur das Sahnehäubchen“

Lindau / Lesedauer: 4 min

Nobelpreisträger Stefan Hell besucht Schüler im Lindauer Bodensee-Gymnasium
Veröffentlicht:30.06.2016, 17:50
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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„Am Ende des Tages ist es einfacher, als man denkt“, sagt Nobelpreisträger Stefan Hell . Die Schüler, die zu seinem Vortrag am Mittwochnachmittag ins Bodensee-Gymnasium gekommen sind, blicken ihn ungläubig an. „Wie einfach kann es schon sein, einen Nobelpreis zu bekommen?“, hallt es stumm durch den Raum. Hell, dem erst vor zwei Jahren der Nobelpreis für Chemie verliehen worden ist, verrät sein Geheimnis: „Das Wichtigste ist, dass einem das, woran man forscht, Spaß macht.“

Nun, das ist nachvollziehbar. Aus dem Mund eines Mannes, der das Fach, in dem er Jahre später einen Nobelpreis gewonnen hat, in der zehnten Klasse abgewählt hat, klingt es aber auch ein wenig skurril. „Ich mochte Chemie nie“, gibt Hell zu. Geliebt hingegen hat er die Physik. „Schon mit 14, 15 Jahren wusste ich, dass ich Physiker werden möchte.“

Warum es am Ende der Chemie- und nicht der Physiknobelpreis geworden ist, diese Frage kann Hell selbst nicht so recht beantworten. „Da müssen Sie schon das Nobelpreis-Komitee fragen“, scherzt er nach der Veranstaltung. „Das Problem, an dem ich gearbeitet habe, war ein physikalisches. Es hatte aber Auswirkungen auf die Chemie, vor allem die Biochemie.“

Hell hat seinen Nobelpreis für die Entwicklung superauflösender Fluoreszenzmikroskopie bekommen. Konkret bedeutet das: Er hat das Lichtmikroskop, das jeder aus dem Chemie-, Biologie- oder Physikunterricht kennt, weiterentwickelt: Beim so genannten STED-Verfahren ist die Auflösung dessen, was durch das Mikroskop betrachtet wird, nicht mehr von der Lichtbündelung des Objektivs abhängig. Dadurch können auch extrem kleine Strukturen mit dem Lichtmikroskop betrachtet werden. Früher war ein scharfes Bild nur bis zu einer Größe von 200 Nanometern möglich.

Wie das funktioniert, das wollten die Schüler aus Bogy, VHG, Fos, Bos und dem Friedrichshafener Valentin-Heider-Gymnasium ganz genau wissen: „Wo liegt die Grenze, nach der Sie auch bei Ihren Verfahren die Struktur nicht mehr scharf erkennen können?“, wollte ein Schüler wissen. Ein anderer fragte, ob das Mikroskop auch funktioniere, wenn sich das untersuchte Objekt bewege. „Mir gefällt das sehr gut, dass die Schüler keine Hemmungen haben und direkt nachfragen“, sagt Hell nach der Veranstaltung.

Der Weg zum Nobelpreis war nicht leicht

Einige der Schüler wollten wissen, warum der Wissenschaftler auf seinem Weg zum Nobelpreis nie aufgegeben habe. Denn schließlich kam Hell mit seiner Theorie anfangs nicht bei allen gut an: „Ich hatte viele Kritiker. Aber ich wusste, dass es funktioniert. Und ich wusste auch, wenn ich es nicht mache, dann macht es früher oder später ein anderer“, sagt Hell. Trotzdem habe er sich auch viel gefallen lassen müssen, besonders von einem Kritiker. „Das war ein großer Populist. Und die Wissenschaft kann sehr populistisch sein. Aber ich wusste, dass es geht, und, dass am Ende die anderen Probleme bekommen. Und nicht ich.“

Hell hat schon früh gelernt für seine Überzeugung zu kämpfen: Mit 13 Jahren überredete der in Rumänien geborene Hell seine Eltern, nach Deutschland zu ziehen, weil er sich dort eine bessere Schulbildung erhoffte. „Wir sind dann nach Ludwigshafen gegangen, weil meine Mutter möglichst weit weg von Russland und dem Eisernen Vorhang sein wollte.“ Später studierte Hell in Heidelberg Physik, dann zog es ihn nach Nordeuropa. „Ich habe mich damals für die Mikroskopie entschieden, weil ich dachte, dass mir das einen Job einbringt. Nicht weil ich fasziniert davon war.“

Die Mikroskopie habe ihn dann allerdings so sehr gelangweilt, dass er sich auf die Suche nach etwas Fundamentalerem auf diesem gebiet gemacht habe. „Dann habe ich mir überlegt, dass es möglich sein müsste, die Grenze von 200 Nanometern, die seit hundert Jahren bestand, zu durchbrechen.“

Am Ende hat Hell es geschafft. Auf die Idde zu seinem Verfahren ist er durch Zufall gekommen: „Ich habe in einem Buch über Quantenoptik geblättert und plötzlich kam mir die Idee wie ein Geistesblitz.“ Ausschlaggebender sei aber gewesen, dass ihm das Forschen am Mikroskop wieder Spaß gemacht hat.

So konnte Hell auch die eine Frage beantworten, die vielen der Schüler unter den Nägeln brannte: Welches Gefühl der Nobelpreis in ihm ausgelöst hat. „Der Nobelpreis ist nur das Sahnehäubchen. Das Befriedigendste, was ich je erlebt habe, ist die Entdeckung an sich. Zu sehen, dass das, was ich mir vorgestellt habe, funktioniert.“

Im Video auf

schwaebische.de/hell

erklärt der Nobelpreisträger, was ihm die Auszeichnung bedeutet.