Grenzpatrouille

Den Lindauer Abiturienten stoppen weder Bären, noch Grenzpatrouillen

Lindau / Lesedauer: 5 min

Tobias Quentmeier war 43 Tage alleine mit dem Rad durch Osteuropa unterwegs
Veröffentlicht:04.09.2019, 10:14
Aktualisiert:04.09.2019, 14:13

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43 Tage ist Tobias Quentmeier alleine mit seinem Fahrrad unterwegs gewesen. Über seine Osteuropa-Hel-Tour, wie er sie selbst nennt, kann er dennoch sagen: „Ich war nicht einmal einsam in der ganzen Zeit.“ Jetzt sitzt der 20-Jährige in seinem Wohnzimmer in Oberreitnau und zeigt Karten und Fotos seiner Reise. Er weiß noch alles ganz genau: Ob Kilometerangaben, Höhenkilometer oder das Wetter, die Fakten sprudeln nur so aus ihm raus.

Gestartet am 6. Juli in Lindau führte ihn sein Weg durch die Alpen, mit Abschnitten in jedem der Alpenländer. Dann nach Ungarn und durch die Slowakei nach Polen. Etwa 2100 Kilometer, ein bisschen weniger als die Hälfte der Streckenlänge, fuhr er durch Polen. Das Hauptziel seiner Reise, die Halbinsel Hel an der Ostsee, erreichte er nach 26 Tagen und rund 2938 Kilometern. Zurück fuhr er entlang der Ostseeküste bis nach Koszalin, um von dort steil gen Süden nach Tschechien und dann wieder nach Deutschland zu fahren. Die Strecke plante er durch für ihn interessante Städte, so reiste er durch zehn Länder und entlang vier Flüssen. 43 Tage später, am 18. August kehrte er nach genau 4729,4 Kilometern zurück nach Lindau.

Was ihn zu solchen Touren bewege? Angefangen habe seine Fahrradbegeisterung vor sechs Jahren. Seitdem bewältigte er jeden Tag einen Schulweg nach Wangen von 40 Kilometern. Das macht im Jahr allein 7 000 Kilometer, dazu kommen seine Urlaubstouren. „Ich wollt’ halt fit bleiben.“

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Fit ist der 20-Jährige, eine Tagesetappe war im Schnitt 130 Kilometer, die längste 163 Kilometer. Insgesamt 22 Höhenkilometer bestritt er mit dem Rad, nicht einmal schob er. Schieben sei das Schlimmste, denn vollbeladen wiegt sein Fahrrad 24 Kilo. Wenn es doch mal sehr anstrengend wird, dann ist das wie ein Kick. „Der Kopf setzt einfach aus und dann sind’s nur noch die Muskeln“, sagt er und klopft auf seine Oberschenkel.

Tobias Quentmeier fühlt sich in der Natur wohl. Mit allem was dazu gehört, ob das die kleinen alltäglichen Insekten sind, die man beim Fahrradfahren ins Gesicht bekommt oder andere Überraschungen, die die Natur bereithält. „Ich habe es gar nicht gewusst, in der Hohen Tatra gibt’s Bären“, erzählt er. Getroffen habe er zwar keinen, aber ein bisschen Angst habe er schon gehabt. Ein slowakisches Paar, dem er auf seiner Etappe durch die Niedere Tatra in der Slowakei begegnete, habe ihm das erzählt. „Aber ich habe mir gesagt, das ist was ich brauche: Abenteuer.“ Und davon hatte er reichlich: Nächte unter freiem Himmel, Gewitter mit einem „grundsätzlich wasserfesten“ Zelt und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen.

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So traf er spontan zwei polnische Radler in Chełm, die er über ein Rad-Forum auf Facebook kannte. Piotrek und Adrian begleiteten ihn auf dem Green Velo, einem Radweg in Polen, entlang der ukrainischen Grenze zum Drei-Länder-Eck in Wołodawa.

Dort stand sein Zelt direkt neben der polnischen Grenzsäule – auf der anderen Seite die Ukraine und Weißrussland. Um 23 Uhr, der Schüler schlief bereits, wachte er durch ein grelles Licht auf. Er steckte den Kopf aus dem Zelt und fand sich der polnischen Grenzpolizei gegenüber. Sie kontrollierten seine Papiere und schnell entwickelte sich ein Gespräch über seine Tour. Obwohl ihm erst mulmig dabei war, freute er sich dann über das „ernsthafte Interesse für mich und meine Tour“.

Am nächsten Morgen habe er dann noch die Grenzpolizei auf der weißrussischen Seite gesehen, ausgestattet mit großen Maschinengewehren. „Da dachte ich mir, gut, dass du in Polen bist!“ Eigentlich hatte er geplant, nach Weißrussland in die visafreie Zone einzureisen. Dieses Vorhaben kippte er dann aber, es wäre ihm doch zu viel Risiko gewesen.

Er zeigt ein Foto von einem riesigen Müllberg mitten in der Natur in Polen. „Das hat mich sehr schockiert.“ Ein Anblick, den er kaum ertragen könne. „Das habe ich nicht nur in Polen so gesehen, das habe ich auch in Spanien so gesehen.“

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Schockiert hat ihn auch die Südslowakei, „die Südslowakei ist schon echt arm dran, sehr arm, sehr viel Müll, auch kaputte Straßen zum Teil.“ Er dachte, die Slowakei sei ein relativ reicher Staat in Osteuropa und hätte deshalb solche Bilder dort nicht erwartet.

Der 20-Jährige ist sich sicher, es müsse sich was ändern. „Das was täglich in den Nachrichten kommt, ist Realität!“ Er selbst habe auf seiner Tour auch Plastik nicht vermeiden können, aber er habe immer Mülleimer genutzt und wo es ging habe er auf Verpackungen verzichtet.

Als er nach 43 Tagen alleine auf dem Rad wieder auf dem Hangnach in Oberreitnau steht, fühlt er sich erstmals alleine, da ihn dort niemand erwartete. „Da war ich einsam.“ Er habe so viele nette Menschen auf seiner Reise getroffen. Menschen, die ihm zufriedener erschienen als in Deutschland, aber auch „aufmerksamer gegenüber ihren Mitmenschen“.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb der Schüler jetzt nach dem Abschluss für längere Zeit ins Ausland geht. Ab September wird er im tschechischen Usti mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) als Lehrer für Deutsch und Französisch einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Sechs Sprachen spricht er bereits, darunter Tschechisch, eine siebte versteht er. Tschechisch würde er gerne auf Muttersprachler-Niveau beherrschen, denn nach seinem FSJ möchte er in Tschechien bleiben und Meteorologie studieren.

Im Gepäck dabei ist natürlich sein eigenes Rad, mit dem er in Zukunft noch einige Abenteuer erleben möchte. Den einen oder anderen fitten 70-Jährigen habe er nämlich auf seiner Tour getroffen.