Schulterpolster

Neuer Roman: Kommen die „Kleinstadthelden“ aus Lindau?

Lindau / Lesedauer: 5 min

Ralf Grimminger über seinen ersten Roman und die späten 70er- und frühen 80er-Jahre
Veröffentlicht:02.08.2022, 12:00
Aktualisiert:16.12.2022, 18:51

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Das Abenteuer von Klaus beginnt mit dem Einzug in eine Wohngemeinschaft. Was er zwischen Demos, Schulterpolstern und Synthiepop erlebt, darum geht es in dem Roman „Kleinstadthelden“. Im Gespräch mit LZ-Redakteurin Yvonne Roither verrät Ralf Grimminger , ob sein Buch auch etwas mit seiner Geburtsstadt Lindau zu tun hat.

Herr Grimminger, in ihrem Roman geht es um Ihre wilden Jahre, die späten 70er- und frühen 80er-Jahre. Sind Sie in dieser Zeit hängengeblieben?

(lacht) Nein, ich fühle mich im Hier und Jetzt schon ganz wohl. Aber es war eine unheimlich spannende und noch heute politisch und gesellschaftlich prägende Zeit. Es gab riesige Demos gegen Atomkraft und Menschenketten gegen die Nach- und Aufrüstung, die Startbahn West und für den Frieden.

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Er ist Journalist, doch jetzt hat er seinen ersten Roman geschrieben: der gebürtige Lindauer Ralf Grimminger mit seinen „Kleinstadthelden“. (Foto: Yvonne Roither/Schwäbische.de)

Emanzipation, Verweigerung des Kriegsdienstes, Ende der RAF, Gründung der Grünen, AIDS, und der Häuserkampf in Berlin waren Themen dieser Zeit. Modisch, musikalisch und beim Lebensstil trafen Punks, Müslis und Popper aufeinander. Ich habe versucht, diesen Geist und diese Strömungen im Mikrokosmos Wohngemeinschaft und im Leben des Protagonisten Klaus aufleben zu lassen.

Kommen wir zu Klaus. Er kämpft in seiner WG mit Putzplänen, Emanzen und stehpinkelnden Linken. Sind Sie auch WG-erfahren?

Ich habe viele Jahre in WGs gelebt und bis heute noch, obwohl ich längst in Ulm wohne, ein WG-Zimmer in Lindau. Als ich mit 18 Jahren von Zuhause ausgezogen bin, kam ich in eine WG am Alten Schulplatz unter. Das war eine der wenigen Wohngemeinschaften in Lindau in dieser Zeit und Anlaufpunkt für viele aus dem linken Milieu. Hier entstanden Kontakte zu politisch Aktiven, aus denen später die Bunte Liste hervorging. Die alten Kämpfer von damals sind alle politisch aktiv geblieben.

Werden wir also den ein oder anderen Protagonisten aus Ihrem Buch wiedererkennen?

„Kleinstadthelden“ ist kein Regionalroman über Lindau und auch kein autobiografischer Roman. Es geht über die aufregende Zeit Ende der 1970er- und 1980er-Jahre in einer Kleinstadt. Der See spielt aber eine Rolle, und einige Lindauer oder Lindauerinnen werden sich vielleicht doch beim Lesen schmunzelnd an ihre Jugend erinnern.

Manches ist auch einfach erfunden.

Als Journalist habe ich diese Ereignisse recherchiert, manche selbst erlebt, gelesen oder von anderen gehört. Und manches ist auch einfach erfunden. Es ist hinderlich, wenn man darüber nachdenkt, wer sich hinter bestimmten Namen verbergen könnte. Man sollte nicht alles entschlüsseln wollen.

Auf dem Buchcover ist ein Bus zu sehen, der am Seeufer steht. Er ist mit Prielblumen, Peacezeichen und einem grünen Aufkleber versehen. Darauf steht: „Am See Natur und nicht Beton“, der Kampfspruch beim Lindauer Wäsen-Streit. Lindau spielt also doch eine große Rolle...

Viele denken, der Bus steht an der Hinteren Insel. Das stimmt nicht. Natürlich fließen in dem Buch meine Lebenserfahrungen und meine verschiedenen Stationen in Lindau, Berlin, Ulm, aber auch Tuttlingen ein, wo ich einen Teil meines Volontariats absolvierte. Aber es geht ganz allgemein um das Leben in der Kleinstadt.

Was erlebt Klaus denn da alles?

Zunächst einmal die doch sehr einfachen Wohnverhältnisse in einer WG mit Standdusche. Er setzt sich mit Putzplänen, Emanzen, Polizisten und Alt-Linken auseinander. Ende der 1970er flüchtet er vor der Bundeswehr nach Berlin, gerät in Häuserkämpfe und kehrt genervt von Punks und No Future in seine überschaubare Heimat zurück. Dort beginnt er bei einer Provinzzeitung zu jobben, lernt den Journalismus von ganz unten.

Er schreibt über Zuhälter, erschossene Kühe und übersteht Versammlungen mit Kaninchenzüchtern und U-Boot-Fahrern mit Gleichmut, Gras und Alkohol. Am Wochenende feiert er mit Freunden oder demonstriert für den Frieden. Nebenbei trifft er auch bekannte Musiker und Persönlichkeiten – oder die später bekannt werden.

Sie blicken mit einem Augenzwinkern auf das Lebensgefühl dieser Zeit. Wie haben Sie es erlebt?

Wir haben nicht an gute Noten oder an unsere Karriere gedacht, sondern in den Tag gelebt. Und über manche Aktionen gar nicht nachgedacht. Ich bin vom Gymnasium geflogen und mit 15 Jahren nach Frankreich getrampt. Da es noch kein Handy gab, wussten die Eltern nicht, wo ich war. Undenkbar, sage ich als Vater heute.

Aber es war auch alles sehr politisch. 1981, als ich mein Abitur gemacht habe, stieg das Spiel- und Musik-Prachtfestival (Sumpf). Das war hochpolitisch, es ging auch darum, eine andere Gesellschaftsform auszuprobieren.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Lebensgefühl in einem Roman festzuhalten?

Ich habe irgendwann angefangen, für mich ein paar Sachen aus dieser Zeit zusammenzuschreiben, aber gemerkt, dass das so keinen interessiert. Da meine Generation noch Bücher liest und sich in der Regel gern an diese Zeit erinnert, beschloss und versuchte ich, einen Roman zu schreiben. Dafür belegte ich Kurse im Internet. Denn die Arbeit eines Romanautors unterscheidet sich schon sehr von der eines Journalisten.

Ich musste da umlernen. Der Gmeiner Verlag hat mein Manuskript für gut befunden. Als ich das auch schön gestaltete Buch endlich in den Händen hatte, war ich schon verdammt stolz.

So ein Lebensgefühl hat immer auch viel mit Musik zu tun, mit den Liedern der damaligen Zeit. Fließen die auch in den Roman ein?

Ja, gleich am Anfang gibt es einen QR-Code, der zu den beliebten Liedern der Kleinstadthelden führt. Auf der Spotify-Playlist finden sich Lieder von Bob Dylan, Udo Lindenberg, Ton Steine Scherben und Joan Baez, aber auch von Bands, die auf dem Sumpf gespielt haben.

Das Buch ist seit ein paar Wochen auf dem Markt. Die ersten Weggefährten haben es bereits gelesen. Werden Sie auf Klaus und seine Mitstreiter angesprochen? Fühlen sich manche erkannt?

Ja, das passiert schon mal. Wenn es Spekulationen gibt, löse ich die meistens auf. Ich freue mich, wenn die Leute sich unterhalten fühlen, denn das soll der Roman sein: eine unterhaltsame Zeitreise.