Weihnachten

An Weihnachten wird noch mehr gelogen als sonst: „Müssen wir den Festtags-Wahnsinn mitmachen?“

Lindau / Lesedauer: 7 min

Muss man an Weihnachten und Silvester wirklich alle gesellschaftliche Erwartungen erfüllen?
Veröffentlicht:04.12.2022, 08:00
Aktualisiert:24.12.2022, 16:24

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Seine Klienten sind Menschen wie Du und Ich. Einige brauchen ihn als Psychiater, manche als Psychotherapeuten und wieder andere als Coach.

Dr. Christian Peter Dogs lädt die Leser der Lindauer Zeitung dazu ein, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen und verspricht: „Bei vielen Fällen werden Sie manches von sich selbst wiedererkennen.“ Dieses Mal geht es um gesellschaftliche Erwartungen, wie wir uns an

Jetzt kommt es wieder auf uns zu. Dieses vermeintliche Festtagsloch. Diese Umtriebigkeit und fast zwanghafte Angst an Weihnachten und Silvester allein zu sein. Nachdem uns viele Bücher und Ratgeber ständig suggerieren, dass Einsamkeit krank macht, müssen wir doch gerade die Festtage in Gesellschaft verbringen. Egal wie, egal mit wem, Hauptsache nicht allein.

Die gefürchtete Frage: Was macht Ihr an Silvester?

Schon die Frage von Kollegen und Freunden, was man denn an Weihnachten und Silvester mache, wird gefürchtet. Nicht selten wird irgendetwas fabuliert, nur um nicht die mitleidigen Blicke der anderen ertragen zu müssen. Oder noch schlimmer: Man wird eingeladen.

Vielleicht kann ich Sie etwas beruhigen und von diesem Druck befreien. Natürlich wird vielen Menschen gerade an diesen Familienfeiertagen immer wieder schmerzhaft deutlich, wie allein sie sind. Wir Psychiater haben in dieser Zeit Hochbetrieb und auch die Suizidalität bewegt sich deutlich nach oben.

In den vergangenen 20 Jahren habe ich gerade immer wieder gegen Ende November eine sogenannte Weihnachtsgruppe in der Klinik gemacht. Ich nannte sie: „Machen Sie mich neidisch“. In dieser Gruppe haben alle erzählt, was sie über die Festtage machen werden, und zwei Phänomene haben sich ziemlich konstant über die Jahre abgebildet.

Warum wir uns immer das wünschen, was wir nicht haben

Zum einen hätten diejenigen, die in einem großen Familiensystem leben, lieber ganz anders gefeiert. In Ruhe und oft auch gerne allein oder zu zweit. Sie haben sich aber den Vorstellungen des Systems gebeugt und gerade diese Tage mit allen Verwandten und der großen Familie verbracht. Gerade an dem Fest des Friedens will man keinen Streit, und es gibt ungeschriebene Regeln.

Es liegt an mir, ob ich es mir schön mache.

Deshalb wird an Weihnachten noch mehr gelogen als sonst. Es werden Menschen eingeladen, die man nicht leiden kann, mit denen man aber nun mal verwandt ist. Und es werden Geschenke freudig ausgepackt, bei denen man auf den ersten Blick schon sieht, dass sie einem nicht gefallen. Rotationsgeschenke nenne ich die, weil sie irgendwann wieder bei dem ankommen, der sie verschenkt hat.

Zum anderen hat sich in den Gruppen immer wieder gezeigt, dass gerade die einsamen Menschen sich in solche großen Familienfeiern hineinwünschen. Wie so oft bei uns Menschen wünschen wir uns immer das, was wir nicht haben – und produzieren damit unsere Enttäuschungen.

Weihnachten und Silvester müssen nicht schön und lustig sein

Das ist ein System, das wir auch täglich im normalen Alltag anwenden, um uns depressiv zu machen. Aber zum Jahreswechsel läuft es zur Hochform auf. Wir erschlagen uns mit den Erwartungen an uns selbst und können das, was wir haben und leben, nicht mehr genießen.

Und alle Marketingagenturen verstärken die gesellschaftlichen Erwartungen, indem sie normatives Verhalten produzieren. An Weihnachten und Silvester muss es schön und lustig sein. Muss es nicht. Es kann auch einfach gemütlich, besinnlich, nachdenklich, traurig und einsam sein.

Es liegt an mir, ob ich es mir schön mache. Und ich entscheide, was ich schön finde, und nicht die Industrie. Es liegt nicht an den Bedingungen.

Das haben mir zumindest meine Weihnachtsgruppen in zwei Jahrzehnten beigebracht: Ich versäume nichts. Heimlich habe ich mir immer überlegt, ob ich gerne bei denen dabei wäre, die ihre familiären Festtagsrituale geschildert haben. Und zu meiner Beruhigung war ich bei fast 60 Prozent froh, nicht eingeladen zu sein. Vielmehr hat es mich zu denen hingezogen, die sich keinen Stress gemacht haben.

Gerade an diesen Festtagen zeigt es sich, wie schön es vielleicht sein kann, zu einem großen Familiensystem zu gehören. Solche Systeme sind aber auch immer voller Erwartungen. Und dies ganz besonders in dieser Zeit. Da wird angepasstes Verhalten vorgegeben und Familie ganz groß geschrieben. Egal, wie es hinter den Fassaden wirklich aussieht.

Beim Besuchsmarathon muss auf die Reihenfolge geachtet werden

Und dann kommt die Zeit nach Weihnachten, wo die große Reisetätigkeit einsetzt. Es wollen alle Omas, Opas, Tanten und Onkel besucht werden. Keiner soll allein bleiben. Es droht die Krankheit Einsamkeit. All das findet in unserem Kopf statt und ist genauso falsch, wie die Behauptung das Rauchen antidepressiv wirkt.

Gerade Paare mit Kindern versuchen dann niemanden zu enttäuschen und bewältigen teilweise enorme Strecken, um es allen recht zu machen. Und man muss gewaltig auf die Reihenfolge der Besuche achten. Da war übrigens Corona eine wunderbare Zeit. Man konnte überall absagen ohne zu kränken. Für viele Menschen ist gerade die Ruhe in dieser Zeit der Reizüberflutung viel gesünder als der Besuchsmarathon.

Dann kommt Silvester. Das muss ja fröhlich und lustig sein. Schließlich will man glücklich ins neue Jahr starten. Die Hotels und Restaurants sind voll mit Menschen, die nicht allein sein können. Am besten ist immer die Zeit nach dem Essen. Die wohlige Müdigkeit schleicht sich ein und man könnte sich entspannt zurücklehnen. Das geht aber nicht. Man muss mindestens bis Mitternacht warten. Auf das große Feuerwerk.

Große Partymacher und Nachdenkliche: Über gleichberechtigte Bedürfnisse

Viele Paare sitzen schweigend am Tisch und haben sich nichts mehr zu sagen. Andere in geselliger Runde sind betont fröhlich und rücksichtslos laut. Und wieder andere amüsieren sich wirklich und feiern ausgelassen.

Nichts zeigt die Vielfältigkeit und unterschiedliche Bedürftigkeit von uns Menschen eindrucksvoller als solche Gesellschaften. Und wenn wir uns nicht immer wieder vergleichen würden, dann dürften diese individuellen Bedürfnisse gleichberechtigt nebeneinander stehen: die großen Partymacher genauso wie die schweigenden Paare. Der Einsame zu Hause, wie der Gesellige in großer Besetzung. Die Pappnase neben dem Nachdenklich, Melancholischen.

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Und wenn wir uns gerade in solchen Momenten nicht wieder dem Druck aussetzen, dass wir jetzt ganz anders sein müssten und auch ganz woanders, als jetzt gerade hier allein in der Wohnung, dann, ja dann dürften wir einfach so sein, wie wir sind, und die Situation darf sein, wie sie ist. Wir dürfen sogar traurig sein in diesen Momenten – und das ist gut so.

Auf das Leben anstoßen, so wie es ist

Das größte Geschenk, dass Sie sich dieses Jahr machen können, ist, sich keinen Druck zu machen. Sich nicht selbst durch Erwartungen zu enttäuschen, sondern auf das Leben anzustoßen so wie es ist. Gerade in diesen Zeiten können wir so dankbar sein.

Als Kind habe ich immer schon gerne in der Nacht auf erleuchtete Fenster geschaut und mir Lebensgeschichten ausgedacht. Ich war immer überzeugt, dass hinter diesen Lichtern das schöne Leben stattfindet.

Da ist die Liebe, da sind die lachenden Kinderaugen, die fröhlichen Menschen. Immer da, wo ich gerade nicht bin. Da findet das Leben statt. Das hat mich viele Jahre meines Lebens verfolgt und immer wieder traurig hinterlassen.

Dieses Gefühl, etwas zu versäumen, hat mich jahrzehntelang begleitet. Das Glück immer bei den anderen zu vermuten. Das ist einer der vielen Gründe warum ich Psychiater geworden bin und dann endlich gelernt habe, mein eigenes Licht anzumachen.