Hilfskonvoi in die Ukraine

5800 Kilometer in neun Tagen: Was Helfer aus Bodolz in der Ukraine erleben

Bodolz / Lesedauer: 5 min

Ralf Eisenhut und sein Team sind zurück aus der Ukraine. Ihre Transporter und Anhänger sind leer, die Hilfsgüter verteilt. Doch ihnen bleiben intensive Erinnerungen.
Veröffentlicht:20.01.2023, 12:00
Aktualisiert:20.01.2023, 01:00

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Ralf Eisenhut vom Bodolzer Dorfstüble und sein Team sind wieder zurück aus der Ukraine. Ihre Transporter und Anhänger sind leer, die Hilfsgüter verteilt, aber dafür haben sie viele Eindrücke mitgebracht. Was die Helfer, die in neun Tagen 5800 Kilometer gefahren sind, erlebt haben.

Der Plan war, dass der Konvoi aus fünf Transportern seine erste Station ist in Kropynwyzkyj macht. Danach sollte es weitergehen nach Dnipro, einer Großstadt am Fluss Dnepr. Von dort aus wollte das Team weiter nach Charkiw ganz im Nordosten der Ukraine, dann in die Hauptstadt Kiew, nach Irpin und Korosten, bevor es zum Schluss in Lwiw einen Halt einlegen wollte. „Nicht einmal lief irgendwas nach Plan“, sagt Eisenhut nach der Rückkehr von seinem inzwischen siebten Hilfstransport.

Sechs Stunden warten an der Grenze

Dass sie flexibel sein müssen, habe sich schon bei der Einreise gezeigt. An der Grenze zur Ukraine hätten sie zusammen mit einem Team des Vereins Lindau Hilft, das gleichzeitig mit zwei Transportern losgefahren war, sechs Stunden lang warten müssen. Ihr ursprünglicher Plan sei gewesen, dass sie nach dem Grenzübertritt verschiedene Richtungen einschlagen. Doch als die Kontrolle so lange dauerte, schloss sich das Team um den Wirt des Bodolzer Dorfstübles mit den Engagierten von Lindau Hilft zusammen, die nach Irschawa fuhren.

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Diese Frau näht warme Kleidung und Schlafsäcke für Soldaten. (Foto: Ralf Eisenhut)

Der Alltag in der Ukraine ist geprägt vom Krieg. Das war auch für das Team aus Bodolz spürbar, selbst wenn es nicht direkt in der Nähe der Front unterwegs war. Eisenhut hat erlebt, wie schlecht die Stromversorgung in dem Kriegsland ist, nur vier Stunden täglich fließe der Strom. „Der Krieg war sehr nah“, sagt er.

Es fließen viele Tränen

Er habe beobachtet, dass auf den Friedhöfen viele Bestattungen stattgefunden haben. „Dort herrscht Hochbetrieb“, sagt er. „Das ist schon ein großer Unterschied zu dem, was wir aus Deutschland kennen.“ Er habe auch häufig gesehen, dass Menschen weinend am Straßenrand saßen, dass andere Menschen zu ihnen kamen, um sie zu trösten. „Das stimmt einen traurig“, sagt er.

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Trotzdem gebe es auch schöne Momente. „Eigentlich strahlen wir Zuversicht und Hoffnung aus – und das kommt von den Menschen dort doppelt und dreifach zurück.“ Die Treffen mit den Einheimischen seien gerade deswegen sehr emotional, es fließen häufig Tränen.

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Sie näht nicht nur, sondern schweißt auch kleine Öfen aus Altmetall. (Foto: Ralf Eisenhut)

Das Team hat auf seiner Tour laut Ralf Eisenhut knapp zehn verschiedene Kinderheime besucht, aber auch Auffangstationen für Familien aus dem Osten der Ukraine und ein Krankenhaus. Eine Begegnung in einem Kinderheim hat sich dem Bodolzer besonders ins Herz gebrannt. Ein Mädchen in einem Kiewer Kinderheim schaute ihn so intensiv an, als sie ein großes Geschenk bekam, dass er ihren Blick nicht mehr vergessen kann. „Ich habe sogar von ihr geträumt“, sagt er. „Ich bin aufgewacht und habe losgeheult – weil ich nicht weiß, ob es das Mädchen heute noch gibt.“ Solche Gedanken lassen ihn immer weniger los, je mehr Menschen er in der Ukraine kennenlerne.

So versorgt eine Ukrainerin Soldaten

Schwer beeindruckt ist Eisenhut von einer Ukrainerin, die in Kropynwyzkyj einen Verein leitet, der übersetzt „Zusammen sind wir stark“ heißt. Seit Kriegsbeginn packt sie gemeinsam mit anderen Menschen Proviant für Soldaten an der Front und näht Kleidung und Schafsäcke für sie. Dafür nutzt der Verein alte Nähmaschinen, die ohne Strom funktionieren. So können sie auch während der zahlreichen Stromausfälle nähen. Aus alten Kleidern werde zum Beispiel Innenfutter für warme Jacken.

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Der Hilfskonvoi aus Bodolz hat auch warme Jacken dabei. (Foto: Ralf Eisenhut)

Doch die Frau näht nicht nur, sie schweißt auch. Aus Altmetall stellt sie kleine Öfen her, mit denen sich die Soldaten wärmen können, denn im Winter droht ihnen sonst auch der Tod durch Erfrieren. „Kann sich das einer von uns vorstellen?“, fragt Eisenhut. Nun hat sie einen Generator, der mit Benzin läuft, und einen Werkzeugkoffer, damit sie ihre Hilfsmittel selbst reparieren kann. „Sie konnte gar nicht aufhören zu weinen vor Glück“, sagt Eisenhut.

15 Tonnen Hilfsgüter

Von seiner ursprünglich geplanten Route ist das Team aus Bodolz abgewichen und hat die Stadt Charkiw ausgelassen. Circa 15 Tonnen Hilfsgüter hat es laut Eisenhut in den neun Tagen verteilt – nicht nur ihre fünf Transporter und Anhänger waren vollgeladen, sondern sie hatten auch noch einen Lastwagen vorausgeschickt. Darunter waren warme Kleidung für Kinder und Erwachsene, Decken, rund 50 Generatoren und mehrere Tausend Weihnachtsgeschenke.

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Dieses Mädchen packt einen Schuhkarton voller Geschenke aus. (Foto: Ralf Eisenhut)

Wie Ralf Eisenhut erzählt, haben die Menschen die Spenden aus Deutschland dankbar angenommen. Doch die materiellen Gaben seien nicht die Hauptsache. „Die Solidarität und das Zusammenstehen waren fast wichtiger als all die Hilfsgüter“, war seine Erfahrung. „Die Freude und die Zuversicht, die wir mitbringen, wird dort aufgesogen wie von einem Schwamm.“ Deswegen plant der Wirt aus Bodolz bereits seine nächsten Projekte, um die Menschen in der Ukraine zu unterstützen.

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