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Lauchheim

Konstantin Wecker: „Nennt mich ruhig einen Spinner“

Lauchheim / Lesedauer: 4 min

Konstantin Wecker ist am Mittwoch auf Schloß Kapfenburg aufgetreten.
Veröffentlicht:28.07.2023, 05:00

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Lieder prägen sein Leben und er lässt es Revue passieren auf unzähligen Bühnen, Konstantin Wecker. Auf der Kapfenburg hat er darüber gesprochen und vor allem gesungen, sich dabei als überzeugter Pazifist geoutet und das so authentisch, dass es ihm Hunderte von Besucherinnen und Besuchern im Schlosshof geglaubt haben.

„Ich singe, weil ich ein Lied hab‘, nicht weil es euch gefällt“, eröffnet er diesen Festivalabend und hat damit schon viel von sich verraten. „Nicht weil ihr mich dafür entlohnt“, lässt er dem „Open Air“ sitzenden Publikum dazu auch noch wissen, was vielleicht nicht ganz richtig ist, denn es ist kein Benefizkonzert. Vor einer knappen Stunde hat sich strömender Regen über den Schlosshof ergossen, Gott sei Dank, der letzte Regenschauer dieses Tages. Tische und Bänken sind trockengewischt, wärmende Decken haben Besucherinnen und Besucher vorsorglich mitgebracht und an einem der Bewirtungsstände gibt es Glühwein. „Nimmer ganz so warm wie wir‘s in den letzten Tagen gehabt haben“, stellt „Konstantin“ fest. „Cool“ gibt er sich und lässt wissen, was er seit 50 Jahren unentwegt bekennt, „meine Lieder sind klüger als ich.“ Er spricht darüber wie man sich fühlt, wenn man das 75. Lebensjahr vollendet hat, „ich war ja schon 76“, sagt er und viele im Schlosshof teilen seine Empfindungen. Schon in früher Jugend habe er Gedichte verfasst, „Poesie und Lieder“ und Schwermut klingt aus diesen heraus. Zum Beispiel aus „Frieden in der Nacht“, mit dem er sich am Flügel begleitet und das Publikum lauscht einem exzellenten Sänger und Pianisten. Aber nicht nur einem solchen, vielmehr einem Zeitzeugen, der die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts „gelebt“ hat. Mit Resilienz gegen politische Kräfte habe er es getan und mit dem Lied „Der alte Kaiser“, reflektiert er eine Zeitenwende. Seine Begegnungen mit Carl Orff beim Klaviervorspiel als Kind schildert er anschaulich, denn „du bist ko Mozart und ko Schubert, du bist da Wecka,“ habe ihn der Altmeister bestärkt. Und sein Ensemble lässt ein orffsches, Instrumentarium erklingen, ein Gipfel der Bühnenperformance ist erklommen.

Die Weckersche Zeitreise geht weiter und führt auch ins Hamburger Rotlichtmileu, der Reeperbahn. Dass diese ihn eher angeekelt als erregt habe, verrät sein Lied „In diesen Nächten.“ Dann hinterfragt er Notwendigkeiten von Staatsgewalten. Offenkundig hat er’s nicht so mit „Herrschern“, denn „die wollen dich zum Untertan trimmen“, befindet er.

Ein ganz anderes „Stimmungsbild“ malt er mit dem Lied „Manchmal wein‘ ich sehr“, gibt dabei auch Einblicke in einen düsteren Lebensabschnitt, die Zeit in der er von Kokain abhängig war und die Therapie zur Heilung.

Als Sänger mit politischen Botschaften appelliert Konstantin Wecker nach der Pause „ich bin kein er’s Patriot“. Er fragt, „was soll das noch ein Vaterland in diesen vernetzten Zeiten?“ Dafür aber definiert er Heimat als den Ort wo Menschen sich begegnen. Mit „Schäm dich Europa“, erinnert er an Bootsflüchtlinge, die keine Aufnahme finden. Er ist gegen alle Art von Waffenlieferungen und spricht davon. Er ist sich wohl auch bewusst, dass er gerne eine heile Welt vor sich hätte, die es nur in „Utopia“ gibt. „Nennt mich gerne einen Spinner, der nicht mehr passt in diese Zeit“, verkündet er. Und messianisch appelliert er „ihr lebt in einem Alptraum, mein Traum ist die Wirklichkeit.“

Wirklichkeit allerdings, im eigentlichen Sinne des Wortes, ist an diesem Abend seine Botschaft mit Musik, auch durch ein hervorragendes Ensemble. Das Publikum zollt dabei besonders dem Saxofonisten Norbert Nagel Beifall in seine Solis und im „sängerischen Duett“ mit „Konstantin.“. Nicht zuletzt bedankt sich deshalb auch der Münchner Musiker Konstantin Wecker bei diesen, besonders Pianist und besonderem Freund Jo Barnikel, der Cellistin Fanny Kammerlander und den Perkussionskünstler Jürgen Spitschka.