Tagebuch von Mario May

„FernOstalb“: Mario May ist in China mit dem Fahrrad unterwegs

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Unser Mitarbeiter gastiert derzeit im Land der aufgehenden Sonne. Die Metro funktioniert hier zwar ganz gut, aber manchmal braucht man Alternativen.
Veröffentlicht:25.01.2023, 12:00

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Wer in einer chinesischen Stadt unterwegs sein möchte, der muss vor allem eines: Lange Strecken zurücklegen. In Nanjing geht es mir da nicht anders. Von dem Stadtbezirk, in dem sich der Universitätscampus befindet, bis ins Zentrum muss ich über eine halbe Stunde mit der Metro fahren. Möchte man den Jangtse überqueren und ganz ans andere Ende der Stadt, dann reicht auch eine Stunde Fahrt nicht mehr aus.

Öffentliches Nahverkehrssystem ist gut und zuverlässig

Glücklicherweise sind das öffentliche Nahverkehrssystem und besonders die Metro aber sehr gut und zuverlässig. Überall gibt es Bushaltestellen, zur nächsten Metrostation muss man, egal wo man sich befindet, auch nie lange gehen und an jeder Station fährt in der Regel alle fünf Minuten ein Zug. Die Stationen und Züge der Metro sind immer blitzblank sauber, um die Sicherheit braucht man sich nicht zu sorgen. Alle Gleise sind durch Schutzwände vom Bahnsteig abgetrennt, wenn ein Zug eingefahren ist, öffnen sich synchron mit den Türen am Zug die Tore in den Schutzwänden. Bevor man durch die Drehkreuze geht, an denen man entweder mit einer Metrokarte oder selbstverständlich auch mit dem Smartphone einen lächerlich kleinen Preis für jede Fahrt bezahlt, gibt es zudem einen Sicherheitscheck, bei dem alle Rucksäcke und Taschen durchleuchtet werden.

Der Universitätscampus verfügt selbstverständlich über eine eigene Metro-Station direkt gegenüber dem Haupttor. Doch möchte ich vom Tor bis zu meinem Studentenwohnheim, so gilt es erneut ordentlich Strecke zu machen. Vom Tor muss ich nämlich einmal durch den ganzen Campus bis ans gut zwei Kilometer entfernte andere Ende, wo sich das Wohnheim für internationale Studierende befindet. Und spätestens jetzt wird ein Transportmittel wichtig, das sich in China mindestens ebenso großer Beliebtheit erfreut wie die Metro oder motorisierte Roller, auf denen ich schon ganze Familien mit einem Hund im einen Arm und dem Wocheneinkauf unter dem anderen über achtspurige Kreuzungen rasen sehen habe: Das Fahrrad.

Kaum einer hat ein eigenes Fahrrad

Die wenigsten Menschen in Nanjing besitzen ein eigenes Fahrrad, praktisch jeder nutzt Leihfahrräder, die man überall – wirklich überall – in der ganzen Stadt stehen sieht. Es gibt viele verschiedene Anbieter, sogar E-Bikes können an jeder Straßenecke geliehen werden. Ich benutze hauptsächlich die blauen Fahrräder von Alipay. Über die App, ohne die in China gar nichts geht, kann man sich Wochenkarten, Monatskarten oder Einzelfahrten kaufen. Eine Einzelfahrt gibt es schon für circa 20 Cent, die Langzeitkarten sind noch günstiger. Hat man ein Fahrrad gefunden, so scannt man einfach den QR-Code am Lenker und schon öffnet sich das Schloss und man kann losfahren.

Nun haben die Leihfahrräder aber auch ihre Tücken. Oft erwischt man einen verzogenen Lenker, wackelige Pedale oder andere kleinere und größere Mängel. Eine Gangschaltung gibt es nicht, die Übersetzung ist relativ niedrig, sodass wer etwas schneller fahren möchte, ganz schön strampeln muss. Schneller fahren sieht man aber ohnehin nur die wenigen Ausländer in der Stadt, die Nanjinger selber lassen es auf den Fahrrädern gemütlich angehen. Wenn man jemanden auf der Straße etwas flotter überholt, wird man auch schon mal wie der nächste Olympiasieger im Fahrradstraßenrennen beäugt.

Größte Herausforderung ist die Höhe des Sattels

Die größte Herausforderung bei den Leihfahrrädern bleibt für mich die Höhe des Sattels, denn selbst wenn ich die höchst mögliche Stufe wähle, stoße ich mit den Knien noch beinahe an den Lenker. Der niedrige Sattel ist nicht nur durch die etwas kleinere durchschnittliche Körpergröße der Chinesen bedingt. Auch die Nanjinger sieht man in der Regel mit den Knien am Lenker durch die Stadt fahren. Grund dafür ist anscheinend das Gefühl, dass diese Art des Fahrradfahrens sicherer ist, als diejenige bei der die Beine ganz durchgestreckt werden.

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Inzwischen habe ich mich aber ganz gut an die Fahrräder gewöhnt und nutze sie mehrmals täglich. Auf dem Campus bleiben die Räder unverzichtbar, es sei denn man verfügt über einen eigenen Elektroroller, wie viele der chinesischen und auch einige der internationalen Studenten. Von schnuckligen Ein-Personen-Rollern bis zu riesigen elektrischen Ungetümen, die durchaus mit dem Batpod von Batman mithalten können, kann man auf dem Campus auf alles treffen. Ich ziehe dann aber doch das Fahrrad vor.

An die Leihfahrräder gewöhnt

Am vergangenen Wochenende fühlte ich mich dann so weit eingewöhnt auf den Leihfahrrädern, dass ich einen Plan umsetzte, den ich schon lange ins Auge gefasst habe. Einmal wollte ich vom Stadtzentrum aus bis zum Campus mit dem Fahrrad fahren, um einen Eindruck von der Umgebung und der Distanz zu bekommen, die ich sonst ganz unbewusst mit der Metro zurücklege. Also suche ich mir ein gut aussehendes Fahrrad in der Stadt, scanne den QR-Code und fahre los.

Großer Respekt vor den großen Kreuzungen

Bei den ersten Kreuzungen im Stadtzentrum habe ich noch etwas Respekt und bin verunsichert, wie man diese am besten mit dem Fahrrad überquert, ohne von einem der wuselnden Roller überfahren zu werden. Mit der richtigen Strategie, die darin besteht, sich einen kompetent aussehenden Einheimischen zu suchen und diesem dann stur hinterherzufahren, lernt man sich dann aber doch recht schnell im Nanjinger Stadtverkehr zurechtzufinden. Dann geht es im Prinzip immer geradeaus, vorbei an Hochhäusern, Parks und Kanälen. Über große Alleen und Avenuen komme ich schließlich nach 20 Kilometern und zwei Stunden Fahrt mit neuen Eindrücken von der Stadt am Campus an. Meine Knie überzeugen mich dann aber doch, für den restlichen Tag die Fahrräder erst mal stehen zu lassen.