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Klinikdiskussion

Was ist mit der Virngrund–Klinik? Landrat zweifelt an Variante 2d

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Landrat Joachim Bläse hat den Ellwanger Gemeinderat über die Entwicklung der Krankenhauslandschaft im Ostalbkreis informiert.
Veröffentlicht:17.03.2023, 19:00

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Die Variante 2d wurde in der Klinikdebatte einmal als beste Lösung favorisiert. Da waren sich unter anderem der Lenkungsausschuss der Kliniken Ostalb, der Personalrat sowie der Klinikvorstand einig. Der Vorschlag des Sachverständigen Boris Augurzky sieht vor, ein neues Zentralklinikum zwischen Aalen und Schwäbisch Gmünd zu bauen und die Sankt–Anna–Virngrund–Klinik als Basisversorger mit Notaufnahme zu erhalten. Doch ob diese Variante tatsächlich umgesetzt wird, ist nach der jüngsten Sitzung des Ellwanger Gemeinderats fraglich. Hier haben Landrat Joachim Bläse, Ulrich Solzbach und Sylvia Pansow vom Vorstand der Kliniken Ostalb sowie Andreas Prengel, Chefarzt der Virngrund–Klinik, über den aktuellen Stand des Zukunftskonzepts der Kliniken informiert.

Bläse glaubt an den Regionalversorger

Wie Bläse erklärte, glaube er nicht, dass die Variante 2d funktionieren kann. Das sei aber seine persönliche Meinung, nicht die des Kreistags, stellte er klar. Der Landrat geht davon aus, dass ein großer Regionalversorger zwischen Aalen und Gmünd gebaut wird. Neben der Klinik müsse zudem eine dezentrale Grundversorgung definiert werden. Doch grundsätzlich seien die Inhalte der 2d–Lösung noch gar nicht genau ausgearbeitet — und entschieden sei auch noch nichts.

Laut Bläse gehe es in der Diskussion ohnehin nicht ausschließlich um die Klinikstandorte, sondern generell um die Infrastruktur der Gesundheitsversorgung im Kreis. Hierbei würden sämtliche ambulanten Angebote, die ansässigen Haus– und Fachärzte sowie Apotheken und Pflegedienste mit einbezogen. Alles müsse so organisiert werden, dass jeder Bürger eine gute Versorgung habe, so Bläse.

30,5 Plätze im hausärztlichen Bereich nicht belegt

Er machte aber auch deutlich, dass derzeit 30,5 Plätze im hausärztlichen Bereich nicht belegt sind. Laut Bläse sind zudem rund 40 Prozent der niedergelassenen Hausärzte im Kreis bereits über 60 Jahre alt. Der Landrat warf die Idee einer ärztlichen Genossenschaft auf. Dadurch will er junge Ärzte für die Ostalb begeistern und Medizinern, die in den Ruhestand gehen, die Möglichkeit eröffnen, noch ein wenig in Teilzeit weiterzuarbeiten.

Ulrich Solzbach erläuterte noch einmal, weshalb eine Neuordnung der Gesundheitsversorgung seiner Meinung nach unerlässlich ist. Hauptgrund ist der Mangel an Fachkräften im medizinischen und pflegerischen Bereich. Der sei „fast brutal“ und nehme von Jahr zu Jahr zu, so der Vorstandsvorsitzende. Die defizitäre wirtschaftliche Situation der Kliniken nannte Solzbach als weiteren Grund, doch „beim Personal drückt es am meisten“.

Ein weiteres Problem stellen laut Solzbach die „Regulierungsvorgaben des Gesetzgebers“ dar. So muss eine Klinik beispielsweise eine bestimmte Anzahl an Operationen an Bauchspeicheldrüsen vorhalten. Diese Mindestmenge ist erforderlich, um weiter als Fachzentrum zu gelten und Eingriffe dieser Art auch in Zukunft vornehmen zu können.

Bündelung erscheint unausweichlich

Deshalb ist eine Bündelung der medizinischen Kompetenzen aller drei Kliniken in Ellwangen, Aalen und Mutlangen an einem Standort nach Meinung des Vorstands unausweichlich. Als Beispiel nannte er die Notfallversorgung. Wenn man eine Notaufnahme vorhalten wolle, bräuchte man unter anderem Unfallchirurgen, Kardiologen und andere Fachmediziner. „Wie sollen wir das an zwei oder drei Standorten machen“, fragte er. Viele Disziplinen könne man schon heute nur noch hochhalten, da man Honorarärzte einsetze.

Das bestätigte Andreas Prengel. Eine Komplettversorgung sei in Zukunft nicht mehr in jeder Klinik möglich. Man müsse eine Stelle schaffen, an der man alles zentral leisten könne. Das zweite Ziel müsse laut Prengel sein, eine stationäre medizinische Basisversorgung zu gewährleisten, die jeder im Kreisgebiet in maximal 30 Minuten erreichen könne. Bei einem Zentralklinikum zwischen Aalen und Schwäbisch Gmünd sei das für Menschen aus dem Nordosten allerdings nicht möglich, erläuterte der Chefarzt.

Ein ausschließlich auf ambulante Versorgung konzentriertes Haus ist Prengels Meinung nach in Ellwangen nicht ausreichend. Stationäre Basisversorgung mit Chirurgen und Internisten sowie einer Intensivbehandlung müsse möglich sein. Er schlug vor, das sämtliche Ärzte im Zentralklinikum angestellt werden und dann zwischen den Häusern rotieren könnten. Man müsse Arbeitsplätze attraktiv gestalten, sagte Prengel.

Weiterhin drei mögliche Modelle bei Klinikdebatte

Drei mögliche Modelle stehen derzeit zur Debatte. Das erste kommt der Variante 2d nahe und umfasst einen zentralen Regionalversorger sowie Ellwangen als Grundversorger. Wenn sich der Grundversorger anschließend aber nicht rechne und der Neubau stehe in Mögglingen, dann hätten alle im Nordosten des Kreises ein „riesiges Problem“, so Joachim Bläse. Beim zweiten Modell entstehen zwei gleich starke Häuser. Dass diese Variante funktionieren kann, bezweifelte der Landrat jedoch. Im Modell drei gibt es einen großen Regionalversorger mit zwei Gesundheitscampus in Mutlangen und Ellwangen sowie einem Gesundheitszentrum in Bopfingen. Welche Art der Versorgung die letztgenannten Häuser bieten können, ist laut Bläse bisher nicht definiert.

Nach der Klinikreform des Bundesgesundheitsministers würden die zwei Kliniken in Mutlangen und Aalen derzeit in Level 2, die Virngrund–Klinik in Level 1n eingeteilt werden, erläuterte Ulrich Solzbach. Wenn die irgendwann greifen würden, könnten gewisse Eingriffe nicht mehr durchgeführt werden. Daher braucht es laut dem Mediziner zwingend ein Haus mit dem Level 3.

Bester Ort für Zentralklinikum immer noch Essingen

Nach Aussage von Sylvia Pansow ist der beste Ort für einen großen Regionalversorger Level 3 die Gemeinde Essingen. 81,3 Prozent der Menschen im Ostalbkreis könnten den Standort in etwa 35 Minuten erreichen. Nun soll für jedes Fachgebiet ein Medizinkonzept erarbeitet werden. Im Sommer will man in die Feinkonzeption gehen. Zum Schluss soll entschieden werden, welches der drei Zielmodelle forciert wird.

Oberbürgermeister Michael Dambacher betonte, dass durch die 2d–Lösung der gesamte Ostalbkreis vernünftig abgedeckt werden könne. Armin Burger (CDU) wunderte sich, dass die Virngrund–Klinik aufgegeben werden solle, obwohl hier 100 Millionen Euro investiert worden seien. „Medizinische Versorgung kostet.“ Wenn die Feuerwehr ausrücke, würde auch keiner nach den Kosten fragen, so Burger weiter. Man habe eine Verantwortung für die Menschen im Nordosten des Kreises. Reine „Beobachtungsmedizin“ würde in Ellwangen nicht ausreichen, erklärte Rudolf Wiedmann (CDU). Gunter Frick (FW/FBE) machte deutlich, dass der geografische Mittelpunkt der Ostalb nicht Essingen sei, sondern Oberalfingen.