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Rotenbach

Russlanddeutsche haben in Rotenbach geistige Heimat

Ellwangen / Lesedauer: 4 min

Russlanddeutsche haben in Rotenbach geistige Heimat
Veröffentlicht:22.12.2013, 18:40

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Jeder braucht eine geistige Heimat. Viele Russlanddeutsche haben in der „Freien Evangeliums-Christengemeinde“ eine Heimat im Glauben gefunden. Im ehemaligen Gasthaus „Eintracht“ in Rotenbach kommen sie regelmäßig zu Gottesdiensten, zum Gebet und zur Bibelstunde zusammen.

„Wir aber predigen den gekreuzigten, auferstandenen und wiederkommenden Christus“, steht an einer Wand des Saales im ehemaligen Gasthaus „Eintracht“ in Rotenbach. Rund 50 Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche sind zum Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr versammelt, nehmen auf den hölzernen Wirtshausstühlen Platz. Die Kerzen des Adventskranzes brennen. „Man freut sich, wenn man Besuch hat“, begrüßt eine ältere Frau den Pressevertreter per Handschlag. Herzlichkeit ist in der Gemeinde großgeschrieben. Man kennt sich, umarmt oder küsst sich zur Begrüßung.

„Alle Leute sind so offen und freundlich, ich glaube, das ist der richtige Platz für mich. Ich spüre, das brauche ich“, schwärmt Anna Gjunter aus Ellwangen , die zum vierten oder fünften Mal da ist und hier schon viele Freunde gefunden hat. „Ich habe eine Bibel als Geschenk bekommen, jetzt lese ich zu Hause die Bibel.“ Die 47-Jährige („Ich bin Russin, mein Mann ist Deutscher“) stammt aus Saratow in Russland, dem einstigen Zentrum der Wolgadeutschen, und wohnt seit 1998 in Ellwangen. Ihr gefallen das gemeinsame Singen und die Klavier- und Gitarrenmusik.

Prediger Rudolf Rüb erklärt, was Advent mit dem Kreuz zu tun hat: „Jesus ist gekommen, um zu sterben.“ Rüb wendet sich direkt an die Versammelten: „Gott sieht Dich als eine Perle, als etwas sehr Wertvolles. Er möchte Dir ein neues Leben geben.“ Beim Lied „Lehre mich glauben, Herr“, singen alle mit, ebenso bei: „Immer fröhlich, immer fröhlich, Jesus: unser Sonnenschein. Voller Schönheit ist der Weg des Lebens, fröhlich lasst uns immer sein.“

Doch der Glaubensweg der Russlanddeutschen war nicht immer einfach. „Meine Eltern sind Baptisten, mein Vater hat mich als Kind öfter zu Abendversammlungen mitgenommen. Das waren Hausversammlungen. Immer in einem anderen Haus. Immer abends und immer heimlich. Damit die Regierung nicht dahinterkommt“, berichtet Lina Schmidt von der versteckten Religiosität in der alten Heimat, in Kasachstan: „Die Regierung wollte auf keinen Fall, dass die Kinder dabei sind.“ In Deutschland suchte die 56-Jährige nach einer „Kirche, die allen meinen Erwartungen entspricht“. Seit etwa fünf Jahren kommt sie nach Rotenbach, dort fühlt sie sich unter Brüdern und Schwestern, die Predigten machen sie stark. Vor drei Jahren ließ sie sich taufen: „Bei uns ist ja die große Wassertaufe, meine Taufe habe ich im Bucher Stausee empfangen.“

Fast zwei Stunden dauert der Gottesdienst, in dem auch für die Kranken gebetet wird. Wie für die Nichte einer Gottesdienstbesucherin, die mit 26 an Krebs erkrankt ist.

„Uns geht es um die Seele des Menschen“, erklärt Rudolf Rüb: „Wir helfen einander sowohl in materiellen als auch in geistlichen Dingen.“ Der 37-Jährige ist zweiter Vorsitzender des Vereins. „Wir sind eine Freikirche.“

Gottesdienst ist immer sonntags um 10 Uhr. Dienstags ist um 19 Uhr Gebetsstunde, freitags um 18 Uhr Bibelstunde sowie das Treffen der Kinder (im Alter von vier bis neun Jahren) und der Jungschar (Neun- bis 13-Jährige). An Heiligabend ist um 16 Uhr Gottesdienst mit Auftritten der Kinder und Jugendlichen. „An Weihnachten platzt das Haus aus allen Nähten“, weiß Rudolf Rüb: „Da haben wir hier schon 140 Leute gehabt.“

Die „Freie Evangeliums-Christengemeinde“ (FECG), ein eingetragener Verein, gibt es in Ellwangen seit 17 Jahren. Ihre Mitglieder versammelten sich zunächst im kleinen Kreis in einer Privatwohnung zum Gebet und Singen kirchlicher Lieder, später kam man in der Spitalkapelle im Rathaus unter. Als der Platz dort zu klein wurde, wichen die Gläubigen zum Gottesdienst in den Kindergarten „Arche Noah“ aus. Vor rund zwölf Jahren schließlich kaufte der Verein das ehemalige Gasthaus „Eintracht“. Die FECG zählt rund 55 Mitglieder. Ihre Funktionsträger sind ehrenamtlich tätig. Laut Rudolf Rüb lebt die Gemeinde ausschließlich aus Spenden.