StartseiteRegionalRegion OstalbEllwangenGetötetes Kleinkind: Mutter liefert unglaubliche Erklärungen für Quälereien

Fragwürdige Aussagen vor Gericht

Getötetes Kleinkind: Mutter liefert unglaubliche Erklärungen für Quälereien

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Ihr damaliger Freund soll ihr Kleinkind immer wieder verletzt und schließlich zu Tode gequält haben. Doch die Mutter hat für jede Geschichte eine absurde Erklärung.
Veröffentlicht:06.02.2024, 16:35

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„Man kann es doch nicht an einem wehrlosen Kind auslassen, wenn man einen Hass auf den leiblichen Vater hat“, sagt am Montagnachmittag genau die Frau aus, die diese Misshandlungen erst zugelassen hat.

Mutter sitzt 33-monatige Haftstrafe ab

Dafür ist sie bereits verurteilt worden, sitzt derzeit eine 33-monatige Haftstrafe wegen Misshandlung eines Schutzbefohlenen durch Unterlassung ab. Denn die 38-Jährige hatte nichts dagegen unternommen, dass ihr damaliger Lebensgefährte ihren fast zweijährigen Sohn bis zum Tode quälte.

Derzeit läuft vor dem Ellwanger Landgericht der Revisionsprozess gegen den 35-Jährigen, der im Mai 2022 wegen Totschlags zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Die Mutter ist als Zeugin geladen. Im Kreuzfeuer von Nebenklagevertretung und Verteidigung liefert die Frau aber nur wenig neue Erkenntnisse zum Angeklagten.

Sie präsentiert sich als leidende Mutter, die jegliche Verantwortung für das Martyrium des kleinen Jungen von sich weist und von den unbeschreiblichen Vorgängen in der Wohnung im Bopfinger Teilort Aufhausen im Herbst 2021 nichts mitbekommen haben will.

RTL-Interview sorgt für Verwirrung

Im ersten Prozess gegen den früheren Freund hatte die 38-Jährige die Aussage noch verweigert, wenig später aber dem Privatsender RTL ein Interview gegeben, was für Irritation vor Gericht gesorgt hatte.

Der Reporter, der den Beitrag gedreht hatte, verfolgte auch den Prozess gegen die Frau vor dem Amtsgericht im November 2022. Was damals auffiel: die Vertrautheit zwischen Journalist und Angeklagter. In einer Prozesspause riet ihr der Reporter sogar, „endlich auszupacken“.

Und auch jetzt im Landgericht ist der RTL-Journalist wieder mit dabei. Auffällig ist wieder seine Nähe zu anderen Prozessbeteiligten, unter anderem zum leiblichen Vater des verstorbenen Jungen. Mehrfach verlassen beide Männer während der Zeugenbefragung gemeinsam den Gerichtssaal.

Staatsanwaltschaft fordert Verurteilung wegen Mordes

Der Fall um das zu Tode gequälte Kleinkind, das am 21. Oktober 2021 an einem Herz-Kreislaufversagen starb, ausgelöst durch einen Stampftritt des Angeklagten, was den Abriss einer Darmschlinge zur Folge hatte, wird aufgrund eines Revisionsantrags der Staatsanwaltschaft neu verhandelt.

Der Bundesgerichtshof hatte den Schuldspruch aufgehoben, das objektive Tatgeschehen bleibt jedoch bestehen. Im zweiten Verfahren sollen jetzt die Motivation des Angeklagten sowie der Tat vorangegangene Ereignisse beleuchtet werden. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Verurteilung wegen Mordes.

Mutter zeichnet von Drogen geprägtes Bild

Am zweiten Prozesstag, den Vorsitz hat Richter Jochen Fleischer, ist es nun an der 38-Jährigen, sich zu den Vorfällen in der Wohnung in Aufhausen zu äußern. Im Zeugenstand nimmt die blasse Frau, die in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Schwäbisch Gmünd einsitzt, neben ihrem Anwalt Platz.

Tisch und Stühle sind leicht abgewinkelt. Als Grund wird Angst vor dem Angeklagten angegeben. Dieser muss daraufhin den Platz mit seiner Verteidigerin tauschen, damit er der Ex-Freundin nicht mehr von der Seite her ins Gesicht gucken kann.

Richter Fleischer befragt die Frau zu ihren damaligen Lebensumständen in der Aufhausener Wohnung, in der die Zeugin mit ihren fünf Kindern lebte. Auch der Angeklagte, der zuvor meist nur an den Wochenenden zu Besuch gewesen sein soll, wohnte hier in den zwei Wochen vor dem Tod des Kindes dauerhaft.

Die Erzählungen der 38-Jährigen zeichnen das Bild einer offenbar dysfunktionalen Lebensgemeinschaft, auch geprägt vom Alkohol- und Drogenkonsum des Angeklagten. Von „Saufhocken“ bei Freunden ist die Rede, von Drogen wie Pep und Crystal Meth.

Absurde Erklärungen für Verletzungen

Dass der damals 33-Jährige den jüngsten Sohn seiner Freundin immer wieder schwer durch Schläge, Bisse, Griffe und Kniffe misshandelte, will die Frau nicht mitbekommen haben. Manche Verletzungen habe sie gesehen, doch der Beschuldigte, der den Großteil der Pflege des fast Zweijährigen übernommen hatte, habe immer wieder erklärt, das Kind sei hingefallen, erzählt sie.

Einmal habe er das Kind am Hals in die Luft gezogen und dann mit Gewalt auf den Boden gesetzt. Das sei eine Hilfestellung gewesen, da sich der Sohn am Popcorn verschluckt habe.

Auch für eine Bissverletzung am Unterschenkel hat die Zeugin eine schier unglaubliche Erklärung parat. Ihr Freund, habe ihr gesagt, das Kind habe gezappelt, da sei er mit seinen Zähnen ans Bein des Kleinkinds geraten.

Es gibt an diesem Tag wahrscheinlich niemanden, der der Frau ihre häufig unverständlichen und zusammenhanglosen Angaben abnimmt.

Weitere widersprüchliche Aussagen

Auch ihre Erklärung zum Motiv des Ex-Freunds wirkt widersprüchlich. Ihrer Meinung nach soll es der Hass auf den leiblichen Vater des Jungen gewesen sein.

So soll dieser dem Kleinen beim Babysitting einmal die Flasche verwehrt haben, was den Beschuldigten erzürnt haben soll. Deswegen soll sich dieser an dem Kleinkind, jedoch nicht an dem leiblichen Vater vergangen haben. Auch ein unerfüllter Kinderwunsch soll laut der Zeugin dem Angeklagten Anlass dazu gegeben haben, das Kleinkind zu misshandeln.

Bleiben Sie dabei, dass Sie nicht sagen können, was in dieser Wohnung passiert ist?

Richter Thomas Dieterich

Weiter gibt die 38-Jährige an, den Ex-Freund erst am Morgen des 22. Oktobers, wenige Stunden nach dem Tod des Kindes im Ostalb-Klinikum, als Täter verdächtigt zu haben.

Dennoch lag sie laut Polizeiangaben später eng umschlungen mit ihm im Bett, verabschiedete sich mit einem intensiven Zungenkuss, als dieser verhaftet wurde.

Richter glaubt Mutter nicht

Sämtliche Versuche, der Zeugin mehr Informationen zu entlocken, scheitern. „Bleiben Sie dabei, dass Sie nicht sagen können, was in dieser Wohnung passiert ist?“, fragt der Berichterstatter, Richter Thomas Dieterich, die Frau. Er glaube einfach nicht, dass sie nicht mitbekommen habe, wie das Kind über Tage immer wieder malträtiert worden sei.

„Ich konnte ja nicht wissen, dass er so ein Schwein ist.“ Viel mehr erfährt man an diesem Tag nicht, denn die Zeugin wird offenbar von wundersamen Erinnerungslücken geplagt. Doch, dass Jacky-Cola das Lieblingsgetränk des Ex-Freunds war, das weiß sie noch. Bier auch, aber Jacky-Cola habe er noch lieber gemocht.