Fernsehinterview

Getöteter Zweijähriger: Mutter verweigert die Aussage - und gibt dann ein Fernsehinterview bei RTL

Ellwangen / Lesedauer: 7 min

Prozesstag um getöteten Zweijährigen – Richter muss Notfallarzt bei Aussage zur Ordnung rufen
Veröffentlicht:29.04.2022, 13:59
Aktualisiert:29.04.2022, 15:59

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Während des vierten Prozesstags um den getöteten Zweijährigen vor der Ersten Schwurgerichtskammer am Ellwanger Landgericht standen die Aussagen der Notfallsanitäter und Ärzte, die das Kind behandelt haben, im Mittelpunkt.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass dem Jungen im Vorfeld schlimmste Misshandlungen widerfahren waren. Beschuldigter ist der 33-jährige Lebensgefährte der Kindsmutter, der mit einem Stampftritt ein Bauchtrauma ausgelöst haben soll.

Der zum Ende seiner Befragung sichtlich erregte Notfallarzt wandte sich aufgebracht an das Gericht: Aus seiner Sicht sei hier ein „wehrloses Kind systematisch misshandelt“, ein schutzbedürftiger Mensch „auf niederträchtigste Weise gequält“ worden. Da er als Zeuge, nicht jedoch als Gutachter geladen war, musste der Mediziner vom Vorsitzenden Richter Bernhard Fritsch entschieden ermahnt werden.

Auch ein Fernsehinterview der Mutter des getöteten Kindes auf RTL sorgte für Irritationen, da die Frau im Vorfeld jegliche Aussage verweigert hatte.

Am vergangenen Mittwoch hätte eigentlich die Mutter des verstorbenen Zweijährigen vor Gericht sprechen sollen. Sie verweigerte die Aussage. Kurz darauf soll sie allerdings einem privaten TV-Sender ein Interview gegeben haben. Er sei irritiert, betonte Oberstaatsanwalt Dirk Schulte . Richter Fritsch pflichtete ihm bei: „Hier sagt sie nichts, aber auf dem Marktplatz draußen gibt sie erste Interviews.“

Da der Vorsitzende keinen Hinderungsgrund sah, stimmte er zu, dass das Video im Gerichtssaal gezeigt wird. Die 37-Jährige erklärt hier, dass der Angeklagte ihr Vertrauen erschlichen habe. Sie will ihn zudem auf die Verletzungen des Kindes angesprochen haben, nachdem ein weiterer Sohn sie darauf aufmerksam gemacht habe.

Daraufhin soll der Angeklagte gedroht haben, den „Großen“ zu schlagen, wenn dieser noch einmal solche Äußerungen mache. Zudem behauptet die Frau, beim Tod ihres Kindes geschockt gewesen zu sein. Sie mache sich Vorwürfe und habe sich gewünscht, anstelle des Zweijährigen gestorben zu sein. Anfangs bezeichnete sie ihren Lebensgefährten als jemanden, der sich zunächst liebevoll um die Kinder gekümmert habe.

Als Zeuge geladen war an diesem Tag auch der Notfallmediziner, der das Kind in der Wohnung der Familie in Aufhausen und während der Fahrt ins Ostalb-Klinikum in Aalen behandelte. Er schilderte den Verlauf des Abends.

Beim Eintreffen habe man einen zweijährigen Knaben vorgefunden, der nach Aussage der Mutter 30 Minuten zuvor noch geatmet habe, so der Arzt, dem sofort zahlreiche Hämatome und Prellungen am Kopf und am Körper des Kindes aufgefallen sein wollen. „Da lag ein schweres Verschulden Dritter vor“, sagte er.

Blau gefärbtes Kind

Dann habe er entschieden, das Kind sofort in die Klinik zu bringen, berichtete der Arzt weiter. Auf dem Weg dorthin sei es ihm nicht gelungen, die Herz-Kreislauf-Funktion wiederherzustellen. Seine anschließenden Aussagen wurden jedoch von Richter Fritsch abgemahnt. Für seine persönlichen Gefühle sei das Gericht nicht der richtige Raum. Er habe selten erlebt, dass jemand das Gericht so missachtet habe, wandte sich der Vorsitzende an den Zeugen.

Auch die drei Notfallsanitäter, die mit dem Arzt nach Aufhausen gekommen waren, wurden befragt. Sie berichteten von einer „dunklen und unaufgeräumten“ Wohnung, von einem blaugefärbten, abgemagerten, reglosen Kind, das nur mit einer Windel bekleidet da lag.

Beim näheren Hinsehen habe er bemerkt, dass der Junge wegen der zahlreichen Hämatome so blau gewesen sei, sagte einer der Sanitäter. Sie hätten sofort erkannt, dass das Kind in einem kritischen, „reanimationspflichtigen“ Zustand war. Seine Kollegin ging weiter ins Detail und berichtete von zahlreichen Schlagverletzungen vor allem am Kopf sowie Bissspuren.

Auch waren sich die drei Kollegen einig, dass vonseiten der Mutter und ihres Lebensgefährten kaum Nachfragen zum Zustand des Zweijährigen gekommen seien. Das Paar soll sogar sehr ruhig und gelassen gewesen sein. In ähnlichen Situationen sei wesentlich mehr Hektik dabei, so einer der Sanitäter. Nachdem die Retter das Haus wieder verlassen hatten, verständigten sie die Polizei.

Im Ostalb-Klinikum wurde der leblose Zweijährige in einen pädiatrischen Schockraum zur Wiederbelebung gebracht. Um 23.08 Uhr sei der Patient übergeben worden, erinnerte sich der an diesem Abend diensthabende Oberarzt. Er erklärte, dass er beim Ultraschall viel Flüssigkeit im Bauchraum des Kindes gefunden hat.

An den Organen habe er aber keine Verletzungen feststellen können. Bald jedoch sei ihm ein „stabiler“ Arm bei dem Kind aufgefallen. Ein Hinweis darauf, dass die Leichenstarre bereits eingesetzt hat. „Die Zuckerwerte waren an der Grenze des Messbaren“, so der Oberarzt. Dann habe man alle Maßnahmen abgebrochen. Um 23.19 Uhr wurde das Kind für tot erklärt.

Eine „bizarre Beschreibung der Situation“

Noch im Krankenhaus überbrachte der Mediziner im Beisein von Polizeibeamten der Mutter und dem Beschuldigten die Nachricht vom Tod des Zweijährigen. Aggressivität habe er nicht feststellen können. Beide hätten das Krankenhaus anschließend ruhig verlassen.

Der Oberstaatsanwalt fragte den Mediziner nach weiteren Angaben zu dem Bauchtrauma. Hintergrund: Der Beschuldigte hatte, während die Mutter den Notruf kontaktiert hatte, im Hintergrund gerufen, dass dem Jungen gerade „der Darm geplatzt“ sei. Nach Meinung des Arztes könne ein Laie solch eine Diagnose überhaupt nicht stellen. Er nannte es eine „bizarre Beschreibung der Situation“.

Von keinen Auffälligkeiten hinsichtlich möglicher Misshandlungen konnte die Kinderärztin berichten, die den Jungen bis zu seinem siebten Lebensmonat betreute. So habe die Mutter des Kleinen lediglich zwei Termine nicht wahrgenommen, darunter die U6-Untersuchung, sagte sie dem Gericht. Zu dieser Zeit, so gab die Medizinerin zu Protokoll, sei Mutter noch mit dem Vater des Kindes liiert gewesen, noch nicht mit dem Angeklagten.

Die Vorsorgeuntersuchung wurde dann bei einem anderen Arzt durchgeführt, der ebenfalls als Zeuge geladen war. Nach der U6 sei die Mutter wiederholt bei ihm in der Praxis gewesen, erörterte er. Wegen eines Vaterschaftstests, einer Verstauchung des Kniegelenks und wiederholt wegen Krätze. Im September 2021 diagnostizierte der Arzt innerhalb weniger Tage zunächst eine Nasenprellung und kurz darauf mehrere Hämatome und Abschürfungen, die laut der Mutter Folgen eines Sturzes gewesen sein sollen.

Mutter musste mit jeder Verletzung zum Arzt

Symptome von Misshandlungen will der Mediziner indes nicht festgestellt haben. Jedoch machte ihn Richter Fritsch darauf aufmerksam, dass der Arzt während der polizeilichen Vernehmung geäußert haben soll, dass er die Symptome als durchaus grenzwertig erachtet habe. Dies bestätigte der Mediziner. Als Arzt könne man nie sicher sein. Wäre noch einmal etwas vorgefallen, hätte er eingegriffen. Zudem will er gehört haben, wie die Mutter sich darüber beschwert haben soll, nun mit jeder Verletzung des Kindes zum Arzt gehen zu müssen. Angeordnet habe dies das Jugendamt, sagte er auf Nachfrage des Vorsitzenden.

Nach seinem Tod wurde der Zweijährige von Rechtsmediziner Dr. Sebastian Kunz untersucht, der bereits am Dienstag sein Gutachten vorgetragen hatte. Für die Analyse der Bissspuren zog die Staatsanwaltschaft die Zahnmedizinerin Dr. Gabriele Lindemaier aus München hinzu. Ihre Aufgabe war es, festzustellen, ob die Bisswunden an den Beinen und am Gesicht des Zweijährigen zu den Zähnen des Beschuldigten passen.

Dazu verglich Lindemaier detaillierte Fotos der Spuren mit Schablonen, die anhand von Gipsmodellen des Gebisses des Angeklagten gefertigt worden waren. Ihr Ergebnis: Bisspuren und Zähne stimmen zu 98 Prozent überein. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“, unterstrich die Zahnmedizinerin.

Bruder des Kindes will am Mittwoch aussagen

Der Prozess wird am Mittwoch, 4. Mai, fortgesetzt. Aussagen sollen dann Zeugen aus dem Umfeld der Familie, die Mutter des Angeklagten sowie ein älterer Bruder des getöteten Kindes.