Straftat

„Kein Kind von Traurigkeit“: Warum ein 21-Jähriger nach einigen Straftaten dennoch nur eine milde Strafe erhält

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Ein 21-Jähriger soll im Zeitraum von einem Jahr mehrere Straftaten begangen haben
Veröffentlicht:08.11.2022, 12:00
Aktualisiert:08.11.2022, 12:29

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Bei einer Gerichtsverhandlung gegen einen 21-Jährigen aus Crailsheim vor dem Ellwanger Amtsgericht wurden am Montag insgesamt vier Anklageschriften und mehrere Strafdelikte verhandelt. Konkret geht es um Taten im Zeitraum Oktober 2020 bis Oktober 2021. Es werden ihm Ladendiebstähle, Körperverletzungen sowie Beileidungen und Nötigung zur Last gelegt. Drei der Vergehen, gibt er vor Gericht zu und macht zu allen Angaben, während er eine Körperverletzung komplett leugnet.

Und zwar diese gegen seine Ex-Freundin im Spätsommer 2021 in einem Park in Crailsheim. Die beiden sollen dort bei einem Spaziergang in Streit geraten sein, weswegen der Angeklagte dem heute 21-jährigen Opfer einen so heftigen Tritt in den Rücken verpasst haben soll, sodass es eine Böschung hinunterstürzte und sich mehrere Schürfwunden zuzog.

Angeklagter leugnet Tat gänzlich

Diesen Vorgang leugnet der 21-jährige Angeklagte gänzlich. Ein solches Treffen habe nie stattgefunden, erklärt er dem Jugendschöffengericht. Lediglich eine „Schelle und einen Tritt in den Hintern“ hätte er dem Opfer verpasst, nachdem diese ihn vor seiner Familie bloßgestellt hatte.

Das Problem an der Sache: Diese Tat war am Montagvormittag nicht angeklagt. Dass auch das Opfer in Bezug auf die zeitlichen Abläufe und den genauen Zeitraum der Beziehung erhebliche Erinnerungslücken hatte und die Tat erst rund sechs Monate später zur Anzeige gebracht hat, machte es für Richter Michael Schwaiger deutlich schwer, die Wahrheit herauszufinden, wie er in seiner vorläufigen Bewertung zum Ausdruck bringt.

Ein weiterer Fall vom 15. März 2021 zeigte, dass der Angeklagte ein gewisses Aggressionspotential, besonders in Beziehungen, an den Tag legte. Gegen Mittag hatte sich laut Anklage der 21-Jährige mit seiner damaligen Freundin, mit der er erst drei Tage liiert gewesen sein soll, in der Wohnung seines Bruders aufgehalten. Aufgrund von eifersüchtigen Verhaltens des Angeklagten sei es zum Streit gekommen, infolgedessen der junge Mann das zum Tatzeitpunkt 15-jährige Opfer gegen eine Wand gedrückt, bedroht und beschimpft haben soll.

Zudem hatte er ihr verweigert, die Wohnung zu verlassen, in dem er immer wieder den Weg versperrte oder sie festhielt. Im Grunde schildern beide die Situation recht ähnlich. Allerdings gehen die Intensitäten weit auseinander – während er davon spricht, das Opfer mit einer Umarmung beruhigt haben zu wollen, berichtet sie, dass er sie mit der flachen Hand auf der Brust gegen eine Wand beziehungsweise einen Schrank gedrückt habe.

Circa eine halbe Stunde habe es gedauert, bis sie schließlich die Wohnung fluchtartig verlassen konnte. Allerdings sei sie ohne Handy und Tasche zur Türe hinausgerannt, beschreibt die Auszubildende aus Schwäbisch Hall . Das Handy habe sie direkt zurückgefordert und eine Freundin kontaktiert.

Neue Eskalation am Bahnhof

Wenig später kam es dann erneut zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten, dem Opfer und dessen Freundin. Zufällig hatten sie sich am Crailsheimer ZOB getroffen. Wobei die heute 17-Jährige ihre Handtasche zurückforderte. Der Angeklagte reagierte ungehalten und kam ihr deutlich zu nah, weswegen die heute 18-jährige Freundin einschritt.

Diese soll der Angeklagte dann mit „halt die Fresse“, „verpiss dich“ und „kleine Schlampe“ beleidigt haben. Den genauen Wortlaut wusste er bei der Verhandlung nicht mehr, aber an die verbale Auseinandersetzung konnte er sich erinnern.

Ebenso wenig fragwürdig waren zwei weitere Straftaten, derentwegen sich der Angeklagte vor Gericht verantworten musste. Zum einen ging es um zwei Diebstähle in einem Stuttgarter Kaufhaus im Oktober 2020. Seinerzeit hatte der Angeklagte gemeinsam mit einem Freund Sportbekleidung und eine Jacke im Wert von rund 420 Euro gestohlen.

Vor Gericht bestätigte der Angeklagte den einen Diebstahl am 29. Oktober, ergänzte aber, dass er am Tag zuvor nur dabei gewesen sei, als sein „falscher Freund“ eine Sportjacke geklaut habe. Ebenso räumte er eine weitere Körperverletzung im Oktober 2021 in Öhringen ein. Er hatte betrunken einem anderen jungen Mann ins Gesicht geschlagen.

Es war daher wenig verwunderlich, dass bei den Plädoyers und auch der anschließenden Urteilsverkündigung nur die beiden Taten gegen die Freundinnen zu unterschiedlichen Bewertungen führten.

Während die Staatsanwaltschaft außer dem einen Diebstahl alle Taten als gegeben ansah und sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung forderte, war der Verteidiger der Überzeugung, dass die Körperverletzung im Crailsheimer Stadtpark nicht stattgefunden hatte und begründete so seine Forderung nach einer Arbeitsauflage.

Das Jugendschöffengericht unter der Leitung von Richter Schwaiger kam letztlich zu einem Ergebnis, das zwischen diesen beiden Vorschlägen lag.

Richter gibt 21-Jährigem Rat mit auf den Weg

Der Angeklagte wurde zu einer zweijährigen Bewährungszeit nach Paragraf 27 des Jugendgerichtsgesetzes mit verschiedenen Auflagen verurteilt. Konkret darf er sich über zwei Jahre nichts zuschulden kommen lassen, keine Drogen mehr nehmen, eine Suchtberatung über sechs Monate wahrnehmen, zwei negative Drogenscreenings innerhalb eines Jahres nachweisen, sowie 60 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und jeden Wohnsitzwechsel melden.

Als Begründung machte Schwaiger deutlich, dass er und die Schöffen nur Taten verurteilen können, die angeklagt und zweifelsfrei feststellbar seien. Dies sieht er bei einem Diebstahl, einer Körperverletzung, der Beleidigung sowie der Nötigung gegenüber dem 15-jährigen Opfer als gegeben an. Eine Körperverletzung sei in diesem Fall und auch gegenüber der weiteren Freundin aber nicht eindeutig bewiesen.

Dennoch sei der Angeklagte „kein Kind von Traurigkeit“ und hätte einige Taten auf dem Kerbholz, so auch eine Körperverletzung gegenüber einer 14-jährigen Ex-Freundin, die bereits vor dem Amtsgericht in Schwäbisch Hall im Sommer 2022 verhandelt wurde.

Positiv legte er ihm aus, dass er inzwischen seit einem dreiviertel Jahr mit einer jungen Frau in einer Beziehung lebt, die im augenscheinlich guttue, denn er habe sich seitdem nichts mehr zuschulden kommen lassen. „Machen sie das nicht kaputt und arbeiten sie an dieser Beziehung“, gibt Richter Michael Schwaiger dem Angeklagten zum Abschied auf den Weg.