Mord

Getötetes Kleinkind: Warum der Täter nicht wegen Mordes verurteilt worden ist

Ellwangen / Lesedauer: 4 min

Der 33-Jährige, der ein zweijähriges Kind zu Tode gequält hat, muss wegen Totschlags hinter Gittern
Veröffentlicht:18.05.2022, 13:28
Aktualisiert:18.05.2022, 14:41

Von:
Artikel teilen:

Im Prozess um den zu Tode gequälten Zweijährigen aus Aufhausen vor der Ersten Schwurgerichtskammer am Ellwanger Landgericht ist am Mittwochvormittag das Urteil gesprochen worden.

Der Vorsitzende Richter Bernhard Fritsch verurteilte den 33-jährigen Angeklagten wegen Totschlags in Tateinheit mit schwerer Misshandlung von Schutzbedürftigen zu 14 Jahren Haft.

Es gebe nicht den Hauch eines Zweifels an der Schuld des Angeklagten, so Richter Fritsch. Dem 33-Jährigen war vorgeworfen worden, im Herbst 2021 den zweijährigen Sohn seiner damaligen Lebensgefährtin durch einen Stampftritt in den Bauch so stark verletzt zu haben, dass dieser wenige Tage später verstarb.

Die Kammer sei zu der Überzeugung gekommen, dass es, bevor der 33-Jährige in das Leben der Familie getreten sei, niemals Gewalt gegen das Kleinkind gegeben habe, erläuterte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Weder Mutter noch Geschwister hätten dem Zweijährigen je etwas getan. Dafür sprächen die Aussagen des Jugendamts, der Kinderärzte sowie des ältesten Halbruders.

Geändert habe sich das mit Beginn der Beziehung zwischen Mutter und Täter im Juli 2021. Ab diesem Zeitpunkt seien immer wieder Verletzungen und Spuren von Misshandlungen dokumentiert worden, so Fritsch weiter. In den zwei Wochen vor dem Tod des Jungen habe der 33-Jährige jeden Tag in der Wohnung in Aufhausen verbracht, sodass sich das „Geschehen beschleunigt“ habe.

In dieser Zeit seien „erhebliche Verletzungen“ entstanden. Dabei bezog sich Fritsch auf Fotos des Halbbruders, der die Misshandlungsspuren dokumentiert hatte.

Auch die Aussagen mehrerer Zeugen aus dem Bekanntenkreis der Familie wiesen laut dem Richter auf den 33-Jährigen als Täter hin. Genau wie der Halbbruder hatten diese berichtet, dass es häufig zu lauten Klatschgeräuschen und Schreien gekommen war, wenn der Lebensgefährte der Mutter allein mit dem Jungen gewesen ist, um diesen beispielsweise zu wickeln.

Zudem seien den Freunden „unzureichende Erklärungen“ für die Misshandlungsspuren an dem Kind genannt worden, führte Fritsch weiter aus. In diesem Zeitraum habe die Familie außerdem Termine mit der Familienhilfe abgesagt. Weil die Verletzungen nur schwer erklärbar seien, so Fritsch.

Darüber hinaus berief sich Fritsch auf die Feststellungen der medizinischen Gutachter. Insbesondere der Rechtsmediziner habe eine Vielzahl von Verletzungen dokumentiert, die „in ihrer Masse“ nicht auf Unfälle hinweisen würden. Zudem habe man dem Täter eine Bissverletzung „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ zugeordnet.

Alles deute auf den 33-Jährigen hin, dennoch benötige die Kammer neben klaren Hinweisen auch Sicherheit. Diese Sicherheit habe man durch das Verhalten des Angeklagten gewonnen, bestätigte Fritsch. Er bezog sich auf einen Anruf des Täters bei Bekannten. Dieser sei an dem Abend erfolgt, als das Kind verstorben sei. Er habe gesagt, dass er für den Tod des Jungen verantwortlich sei. Das sei eine Art Geständnis, so Fritsch.

Warum Mord nicht infrage kommt

Zudem müsse der Täter Kenntnis von der Bauchverletzung des Zweijährigen gehabt haben. Während des Notrufs der Mutter rief dieser im Hintergrund, dass dem Kind gerade „der Darm geplatzt“ sei. Da komme das Wissen über das Bauchtrauma des Kindes zum Ausdruck, war sich der Richter sicher.

Alternativtäter wie die Mutter oder die Geschwister des Jungen schloss die Kammer aus. Dafür habe es keinerlei Anhaltspunkte gegeben, sagte Fritsch. Ob die Mutter sich ausreichend um ihren Sohn gekümmert habe, sei eine andere Frage.

Staatsanwalt Patrick Schmidt hatte in seinem Plädoyer am Vortag eine Verurteilung wegen Mordes gefordert. Dem kam die Kammer nicht nach. Man habe geprüft, ob hierbei eine „grausame und vorsätzliche“ Tötung vorliegt. Die rechtlichen Voraussetzungen müssten erfüllt sein, dass es während des Todesgeschehens zu „außergewöhnlichen Schmerzen“ gekommen sei.

Laut Fritsch war das nicht der Fall. Er berief sich in seiner Begründung auf das medizinische Gutachten. Auch Hass auf den Kindsvater als Tatmotiv sei nicht nachweisbar. Deshalb sei kein Mordmerkmal feststellbar.

Keine Entziehungsanstalt für Täter

Wie schon der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Heinrich kam die Kammer zu dem Ergebnis, dass bei dem Täter keine Schuldunfähigkeit vorliegt, auch keine verminderte. Da es während des Prozesses Widersprüche beim Alkohol- und Drogenkonsum des 33-Jährigen gegeben hatte, wird dieser nicht in einer Entziehungsanstalt untergebracht.

Eine lebenslange Haft bei einer Verurteilung wegen Totschlags sei selten und nur bei „außergewöhnlichen Fällen, wie Mehrfachtötungen, zu verhängen“, erklärte der Richter das Strafmaß von 14 Jahren. Allerdings blieb die Kammer am oberen Rand des Strafrahmens. Zulasten des Täters ginge, dass es sich bei dem Jungen um ein „besonders schützenswertes und wehrloses Opfer“ handle, so Fritsch.

Dem 33-Jährigen riet er, die Haftzeit zu nutzen, um sich mit seiner Tat auseinanderzusetzen, diese für sich selbst aufzuarbeiten. Dem Täter wurden neben der Haftstrafe die Prozesskosten sowie die Auslagen der Nebenklage auferlegt.