Möbel

Nach dem Burnout fängt diese Frau ganz neu an — und wird zur Pilgerbegleiterin

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Katja Härle hat ihre Karriere an den Nagel gehängt und will nun in ihrer alten Heimat ein neues Leben beginnen
Veröffentlicht:22.10.2021, 05:00
Aktualisiert:22.10.2021, 11:31

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Vieles im Leben kann man planen, aber eben nicht alles. Katja Härle kann ein Lied davon singen, wie es sich anfühlt, wenn das Leben plötzlich und unerwartet auf den Kopf gestellt wird. Die 44-jährige Ellwangerin war lange Zeit das, was man neudeutsch Karrierefrau nennt.

Eigentlich habe ich schon sehr früh gemerkt, dass das, was ich beruflich mache, überhaupt nicht zu mir passt.

Katja Härle

Sie arbeitete in München als Führungskraft für einen großen Automobilkonzern und gab für diesen Beruf sprichwörtlich alles. Was dabei zu kurz kam, war sie selbst. Und das sollte Folgen haben.

„Eigentlich habe ich schon sehr früh gemerkt, dass das, was ich beruflich mache, überhaupt nicht zu mir passt“, sagt Katja Härle rückblickend. Eine Erkenntnis, die sie, die doch immer „total strukturiert und durchgeplant“ durchs Leben gegangen ist, lange Zeit aber nicht zulassen konnte.

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Nach dem Studium der technischen Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart hatte für sie festgestanden, dass jetzt Karriere gemacht wird. Nicht auf der beschaulichen Ostalb. Die hatte sie vermeintlich für immer hinter sich gelassen. Härle zog es stattdessen in die Großstadt.

Sie ging nach München, arbeitete für verschiedene große Unternehmen und wurde unglücklich. Eine langjährige Partnerschaft zerbrach. Aber noch mehr setzte der jungen Frau der Job zu. „Ich war ja Führungskraft und musste Entscheidungen mittragen, hinter denen ich nicht stand.

Nach dem Burnout kommt die Veränderung

Ich bin deshalb immer angeeckt und habe mich dabei gefühlt wie Don Quijote, der vergeblich gegen Windmühlen kämpft. Das hat mich unheimlich viel Energie gekostet.“

Härle zieht es zurück auf die Ostalb, wo es doch eigentlich zu eng war

Mit Ende 30 geht es für Katja Härle nicht mehr weiter. Burnout, mit gerade einmal 39 Jahren. „Ich konnte nicht mehr. Es fühlte sich an, als hätte ich meine Kompassnadel verloren. Es gab keinen Norden mehr, keinen Süden.“

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Ein halbes Jahr dauert ihre Therapie, Härle ist in der Zeit krankgeschrieben. Ihr Arbeitgeber hält ihr alle Türen offen, gewährt ihr danach sogar einen mehrwöchigen Urlaub, in dem Härle etwas macht, das sie selbst am meisten überrascht. Sie wandert alleine auf dem spanischen Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela und dann gleich noch ein Stück weiter bis zum Kap Finisterre am Atlantik. Die Idee dazu sei urplötzlich „aufgeploppt“, lag für sie dann aber glasklar auf der Hand. „Ich musste das einfach machen, obwohl ich bis dahin noch nie viel mit Wandern am Hut hatte“, erzählt Härle.

Nach dieser Erfahrung gibt es für sie kein Zurück mehr in das alte Leben. Eine Wiedereingliederung in ihrem Unternehmen scheitert, Härle kündigt ihren Job und ihre schicke münchner Wohnung. Sie zieht vorübergehend zu einer Freundin. Aber auch da hält es sie nicht lange.

Härle macht etwas, was ihre ursprüngliche Lebensplanung nicht vorgesehen hat. Sie zieht im Mai dieses Jahres zurück auf die Ostalb, die ihr nach der Schule noch als zu klein und eng erschienen war. Und heute?

Rund 3500 Kilometer ist die 44-Jährige inzwischen gewandert

„Es fühlt sich richtig an“, sagt Härle. Sie sei wieder „zuhause“, kann endlich wieder mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen, und sie kann das genießen, was sie früher gar nicht gesehen, geschweige denn geschätzt hat: die vielen Wälder, die unberührte Natur, von der die Ostalb noch reichlich zu bieten hat.

Auch beruflich beschreitet die 44-Jährige komplett neue Wege. Sie hat sich weitergebildet, selbstständig gemacht und bietet mittlerweile über ihre Homepage ( www.wegemutig.de ) und die Ellwanger Volkshochschule unter anderem Coaching, Impulswanderungen und Pilgerbegleitungen an. Das Wandern und Pilgern ist für Härle zum wichtigen Lebensinhalt geworden.

Rund 3500 Kilometer hat die 44-Jährige mittlerweile schon auf Schusters Rappen zurückgelegt, sie ist den Camino Portugues, den Camino del Norte und auch den Münchner Jakobsweg gelaufen. „Das Pilgern hat mich auf meinen eigenen Weg zurückgebracht“, sagt Härle, für die Karriere und Besitz heute keine Rolle mehr spielen.

So schön, wie die Wohnung war. Sie war mir plötzlich viel zu voll. Ich fand sie regelrecht erdrückend.

Katja Härle

Die Auflösung ihrer Wohnung sei ihr deshalb auch überraschend leicht gefallen, berichtet die 44-Jährige. Nur 14 Kartons habe sie mitgenommen, ihre neuen, schicken Möbel wurden abgegeben. „So schön, wie die Wohnung war. Sie war mir plötzlich viel zu voll. Ich fand sie regelrecht erdrückend. Mittlerweile weiß ich, dass man loslassen muss, wenn man Platz für etwas Neues schaffen möchte.“

In Ellwangen will Härle, die vorübergehend wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, künftig anders wohnen – klein, beschaulich, ruhig. Sie plant den Bau eines Tiny Houses. „In Sachen Haus bin ich halt doch noch Schwabe, da hätte ich schon gerne etwas Eigenes. Aber es soll eben nichts Großes sein. Das passt weder zu meiner Lebensphilosophie noch zu meinem Geldbeutel“, sagt Härle mit einem Augenzwinkern.

Die Umsetzung dieser Planung gestalte sich derzeit aber schwierig. Nur ganz wenige Gemeinden würden entsprechend kleine Bauplätze anbieten. Und die wenigen Plätze, die es gebe, seien heiß begehrt.

Gerne würde Katja Härle so schnell wie möglich in die eigenen vier kleinen Wände ziehen

Das hat Härle selbst schmerzvoll erfahren müssen, als man sie im Kampf um einen solchen Bauplatz kurzfristig und unerwartet ausgestochen hat. Härle nimmt es sportlich und will weiter suchen. „Vielleicht hat ja auch ein Landwirt irgendwo noch ein Plätzchen für mich, oder eine Gemeinde hat einen Bauplatz, der allen anderen zu klein ist. Der könnte für mich dann genau richtig sein.“ Gerne würde Katja Härle so schnell wie möglich in die eigenen vier kleinen Wände ziehen.

Verzweifelt ist sie wegen der schwierigen Suche nach einem Platz für ihr Tiny House aber nicht. „Mein innerer Kompass sagt mir, dass es richtig ist, weiterzusuchen. Ich bin mir sicher, dann wird irgendwo auch für mich eine Tür aufgehen.“