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FSJ als Sprungbrett zum Lebenstraum

Aufatmen bei den Einsatzstellen: Bund nimmt FSJ-Kürzungen zurück

Ellwangen / Lesedauer: 4 min

Viele junge Freiwillige wie die Inderin Aeirin Shaji nutzen Freiwilligendienst, um in Deutschland eine Ausbildung zu machen. Ohne Unterstützung des Bundes wäre das kaum möglich.
Veröffentlicht:07.12.2023, 12:00

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Während für manche ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nur ein Jahr zur Überbrückung, zur persönlichen Weiterentwicklung oder zur beruflichen Orientierung ist, sieht Aeirin Shaji den Dienst als eine einmalige Chance, sich einen Lebenstraum zu erfüllen.

Krankenschwester-Ausbildungen sind in Indien teuer

Seit dem 1. September macht die gebürtige Inderin ein FSJ an der Sankt Anna-Virngrund-Klinik, mit Aussicht, danach eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. „In Indien müsste man viel bezahlen, um eine solche Ausbildung zu machen“, begründet Shaji ihre Motivation für ein FSJ in Deutschland.

Sie ist damit eine von zehn sogenannten „Incomern“ am Ellwanger Klinikum, denen das Deutsche Rote Kreuz als Träger des Freiwilligendienstes einen Einsatz in Deutschland ermöglicht. Die Nachfrage junger Menschen, die für ein FSJ nach Deutschland kommen möchten ist groß. „Ich bekomme jeden Tag mindestens fünf Anfragen per Mail“, berichtet Bernd Ziegler, FSJ-Verantwortlicher und Standortleiter der Virngrund-Klinik.

Wir holen niemanden hierher, der nicht später auch wirklich in der Pflege tätig sein will.

Bernd Ziegler, FSJ-Verantwortlicher und Standortleiter der Virngrund-Klinik

Infrage kommen allerdings nur jene, mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache und die nach ihrem Dienst längerfristig auch in Deutschland arbeiten möchten. „Wir holen niemanden hierher, der nicht später auch wirklich in der Pflege tätig sein will“, so Ziegler.

Finanziell unterstützt werden die Einsatzstellen von der Bundesregierung. Der BFD wird nach Angaben des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben aktuell noch mit einem monatlichen Zuschuss von bis zu 133 Euro gefördert, beim FSJ deckt die Förderung etwa zehn bis 15 Prozent der Gesamtkosten ab.

Große Sorgen bei den Einsatzstellen: Bund hat Einsparungen von 78 Millionen geplant

Nun hatte die Bundesregierung allerdings in ihrem Haushaltsentwurf geplant, 2024 rund ein Drittel der Zuschüsse für die Freiwilligendienste einzusparen. Das entspricht insgesamt 78 Millionen Euro, die bisher in das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und in den Bundesfreiwilligendienst (BFD) geflossen sind.

Ein Wegfall dieser Subventionen würde sowohl für kleine wie größere Einsatzstellen große Probleme bei der Finanzierung ihrer Freiwilligen mit sich bringen. „Wir leben hier im Klinikum von den Freiwilligen, ohne sie geht es nicht. Und selbst wenn, würde ich sie nicht hergeben wollen“, betont der Standortleiter in diesem Zusammenhang.

Denn insbesondere die ausländischen FSJler seien sehr motiviert, da ihnen bewusst ist, dass sie ohne die Freiwilligendienststelle keine Aussicht auf eine Ausbildung in Deutschland hätten.

Auch Shaji hat die ersten drei Monaten ihres FSJs genutzt, um verschiedene Bereiche rund um die Pflege kennenzulernen. Ihr Deutsch verbessert sich dabei von Tag zu Tag, mit Fachbegriffen wie Koloskopie, Gastroskopie, EKG oder Blutdruckmessung kann sie schon problemlos umgehen. Und wenn es doch einmal ein Verständisproblem gibt, helfen ihr ihre ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen weiter.

Darum darf nicht beim Taschengeld gespart werden

Wo also einsparen, wenn nicht an den dringend gebrauchten und motivierten Nachwuchskräften? Am sogenannten monatlichen „Taschengeld“, einer monatlichen Aufwandsentschädigung für die FSJler, könne nicht mehr gekürzt werden, da sonst die Gefahr bestehe, dass aus Sicht der Botschaften der Lebensunterhalt nicht mehr gesichert ist und so die Freiwilligen kein Visum erhalten. „Regulär liegt der Lebensunterhalt laut Aufenthaltsgesetz in Deutschland bei rund 880 Euro im Monat. Diesen Betrag muss man nachweisen, wenn man ein Visum haben möchte.

Mit Zusatzleistungen wie zum Beispiel Wohnen im Schwesternwohnheim, Essen in der Kantine konnten wir bisher die Botschaften in den jeweiligen Ländern davon überzeugen, dass der Lebensunterhalt auch mit dem Taschengeld von aktuell 520 Euro gesichert ist. Würde das Taschengeld gekürzt, ginge das nicht mehr und wir bekämen auch keine Incomer mehr“, erklärt Ziegler.

Kürzungen von Personalkosten könnten abgesehen von fehlendem Fachkräftenachwuchs dagegen zu Stellenabbau führen - Hochrechnungen der Bundestagsfraktion „Die Linke“ zufolge, wären bundesweit 38.000 Stellen davon betroffen.

Grund zum Aufatmen: Der Bund nimmt die Kürzungen zurück

Die Sorge um Kürzungen hat in den vergangenen Wochen viele Einsatzstellen rund um Ellwangen beschäftigt. Ende November dann die überraschende Wende: Mit Beschluss des Haushaltsausschusses hat der Bund die Kürzungen vollständig zurückgenommen. Bleibt nun zu hoffen, dass diese Rücknahme nicht wieder aufgehoben wird. Denn wie vergangene Woche bekannt wurde, fehlen der Ampelregierung laut Medienberichten 60 Milliarden Euro für den Klimaschutz, nachdem das Bundesverfassungsgericht den Nachtragshaushalt 2021 für nichtig erklärt hat.