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84-Jähriger schlägt mit Kantholz auf Ehefrau ein

Ellwangen / Lesedauer: 5 min

Der Crailsheimer muss sich wegen versuchten Totschlags vor dem Ellwanger Landgericht verantworten.
Veröffentlicht:29.11.2023, 10:56

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Wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung muss sich seit Dienstag ein 84-jähriger Mann aus Crailsheim vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen unter Vorsitz von Bernhard Fritsch verantworten. Dem Rentner wird zur Last gelegt, am 15. Juni seine um 15 Jahre jüngere, psychisch kranke Ehefrau in Tötungsabsicht durch Schläge mit einem 40 Zentimeter langen, 670 Gramm schweren Vierkantholz auf den Hinterkopf körperlich schwer misshandelt zu haben. Von seinem Opfer ließ er erst ab, als Nachbarn einschritten. Dem Vorfall in der Hofeinfahrt des gemeinsamen Wohnhauses in der Ellwanger Straße gingen jahrelange, teilweise gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem Ehepaar voraus. Der Angeklagte war zur Tatzeit alkoholisiert.

Der aus der Untersuchungshaft vorgeführte deutsche Angeklagte betrat den Gerichtssaal mit einem Rollator. Staatsanwalt Georg Ruß warf dem in Schneidemühl im heutigen Polen geborenen Rentner in der Anklageschrift vor, er habe seine Ehefrau aus Wut und Verärgerung töten wollen. Zur Tatzeit hatte er eine Blutalkoholkonzentration von knapp über einem Promille.

Sein Mandant höre schlecht, meldete sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Günter Hofmann aus Crailsheim, zu Wort, und: „Seine Brille hat er auch nicht dabei.“ Außerdem fühle er sich nicht in der Lage, hier Angaben zu machen. „Nicht dass er die Aussage verweigert“, schränkte der Anwalt jedoch ein: „Er schafft es psychisch nicht.“ Später indes machte der gesundheitlich angeschlagene Angeklagte doch noch Angaben zur Sache, berief sich jedoch öfter auf Erinnerungslücken. Das besagte Vierkantholz habe er auf dem Wasserfass liegen gehabt. „Ich konnte einfach nicht mehr, es tut mir alles so Leid, ich bitte um Entschuldigung“, sagte der Angeklagte unter Tränen vor Gericht. Vor seiner Frau habe er vor Angst gezittert.

Die Geschädigte, die unter Betreuung steht, konnte als Zeugin vor Gericht nicht vernommen werden. Sie sei erst aus dem psychiatrischen Krankenhaus in Weinsberg entlassen worden, informierte Vorsitzender Richter Bernhard Fritsch. Ihre Vernehmung wurde durch die Zeugenvernehmung der Richterin eingeführt, vor der das Opfer ausgesagt hatte. Ihr gegenüber hatte die Geschädigte angegeben, nach Beleidigungen von ihrem Mann unvermittelt zunächst einen Schlag von hinten auf den Kopf bekommen zu haben. Dann seien noch weitere Schläge erfolgt, die Geschädigte schätzt, dass es insgesamt acht bis zehn Schläge gewesen seien. Dabei habe er auch gesagt, er würde sie umbringen. Auch habe er davon gesprochen, „dass alles zu Ende sein soll und er sich einen Cocktail mischt“. Das Ganze habe am Kellerausgang angefangen und sich dann nach draußen verlagert. Ein Pärchen mit Hund habe ihre Hilferufe gehört und sei eingeschritten. „Er gehört bestraft“, hatte sich die Geschädigte gegenüber der Richterin geäußert. Sie wolle, dass ihr Mann bestraft werde. Sie sei von ihrem Mann schon einmal am Hals gepackt worden, einmal habe er ihr eine Glasvase an den Kopf geworfen, einmal sei sie von ihm mit Säure bedroht worden.

Das Gericht hörte insgesamt elf Zeuginnen und Zeugen. „Sie hat es verdient“, hörte eine 36-jährige Augenzeugin den Angeklagten am Tatort über seine Frau sagen, und, dass er „das beenden“ wolle. Ihre Aussage vor der Polizei, hätte er eine Waffe gehabt, hätte er sie erschossen, konnte sie so vor Gericht nicht wiederholen. Ihr Freund hatte den Angeklagten festgehalten. „Ich war die ganze Zeit bei ihm, die Freundin hat sich um die Dame gekümmert“, so der 39-Jährige. „Sie hat es verdient“, hatte auch er gehört, und: „Er wollte es fertigbringen.“

„Es liegt nahe, dass Sie sie erschlagen wollten“, wandte sich Richter Bernhard Fritsch danach an den bisher nicht vorbestraften Angeklagten und fragte ganz direkt: „Wollten Sie sie denn umbringen, totschlagen?“ Der Angeklagte verneinte und antwortete: „Nein. Aber ihre Stimme wollte ich nicht mehr hören.“ Er habe nur gewollt, dass sie ruhig sei. Jeden Tag habe er vor seiner Frau gezittert, ob er auch ja alles richtig mache, führte der Angeklagte aus. Das sei kein kleiner Fehler, insistierte Fritsch: „Sie sind angeklagt wegen eines versuchten Totschlags!“ Die Reaktion des Angeklagten auf den Vorwurf des Richters: „Dieses Wort tut mir so weh. Ich hatte einen Blackout gehabt, war nicht mehr Herr der Lage.“ In der Haft gehe es ihm gut, besser als zu Hause. Dort müsse er sich um nichts kümmern. Da bleibe er, denn: „Wo soll ich hin?“

Wenn er eine Waffe gehabt hätte, hätte er sie erschossen, will ein Polizeibeamter gehört haben. „Geistig war er auf der Höhe“, so der Zeuge über den Angeklagten. Er habe sich von der Geschädigten massiv drangsaliert gefühlt, sagte eine Kriminalbeamtin aus: „Es war eine Leidensgeschichte auf beiden Seiten.“

Der rechtsmedizinische Sachverständige, Sebastian Kunz aus Ulm, schilderte zwei Verletzungen am Kopf der Frau durch stumpfe Gewalteinwirkung, sie seien vier beziehungsweise neun Zentimeter lang gewesen. Es habe allerdings kein Hinweis auf akute Lebensgefahr bestanden, jedoch potentielle Lebensgefahr. Der psychiatrische Sachverständige, Professor Martin Krupinski aus Würzburg, stellte beim Angeklagten eine Depression und kognitive Defizite fest und konnte in seinem Gutachten eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausschließen. Eine Alkoholabhängigkeit verneinte er. Der in einem Waisenhaus in Osnabrück aufgewachsene gelernte Flaschner hatte die Frau - es war seine zweite Ehe - 1980 geheiratet, der gemeinsame Sohn starb 2007.